Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Jüdische Überlebende aus Buczacz planen nach dem Krieg ein kleines Mahnmal. Foto: Suhrkamp Verlag / Mit freundlicher Genehmigung von Yad Vashem
+
Jüdische Überlebende aus Buczacz planen nach dem Krieg ein kleines Mahnmal.

Holocaust

Omer Bartov: „Anatomie eines Genozids“ – Geschichten aus Buczacz

  • VonMatthias Arning
    schließen

Eindringlich erzählt der Historiker Omer Bartov über den Alltag des Terrors in Ostgalizien.

Die hier wiedergegebene Geschichte beginnt mit einer Hühnersuppe. In einer Küche in Tel Aviv, im Sommer 1995. Omer Bartov spricht mit seiner Mutter. Der israelische Historiker möchte etwas über ihre Jahre als Kind erfahren, über die Zeit noch vor der Auswanderung der Eltern nach Israel, über das Leben der Mutter damals in Buczacz. Das ist eine kleine Stadt in der heutigen Ukraine. 500 Kilometer südwestlich von Kiew. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine vielsprachige Stadt in einer osteuropäischen Grenzregion.

In der Erinnerung seiner Mutter sei Buczacz ein malerischer Ort geblieben, notiert der Sohn. Wenig später sprach sie davon, noch einmal dort hinfahren zu wollen. Doch dazu kam es nicht mehr, sie starb drei Jahre später. So sah sie nicht mehr, wie sich die Stadt, von der aus sie 1935 mit ihren Eltern nach Palästina gezogen war, verändert hatte: Buczacz, schreibt Bartov, sei „heute ein heruntergekommenes postsowjetisches Provinznest – arm, verfallen, depressiv“. Bartov suchte nach Spuren, von Buczacz aus.

Während seiner jahrelangen Recherchen nahm der Historiker die Stadt als einen Fokus, in dem sich Konflikte verschiedener Parteien überlagern, die zur „Anatomie eines Genozids“, zu einer Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts gehören. Entstanden ist ein überaus lesenswertes Buch, in dem Omer Bartov mit feinem Sensorium für die Menschen in Buczacz „vom Leben und Sterben einer Stadt“ berichtet.

Nach dem Krieg bemühten sich jüdische Überlebende aus Buczacz, auf dem Fedor-Hügel ein provisorisches Mahnmal zu errichten – an dem Ort, an dem Massaker an Juden verübt wurden. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt Überlebende, die um eine steinerne Platte mit einem Davidstern stehen. Die Fotografie, oben auf dieser Seite zu sehen, findet sich heute in der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Und auf dem Titelbild des Buches von Omer Bartov. Auf dem Berg Fedor selbst fand der Historiker 2003, umgeben von vielen Bäumen, einen schlicht wirkenden Gedenkstein für die Ermordeten, ein bescheidenes Mahnmal. Von einem alten Haus hingegen, das der israelische Autor Samuel Joseph Agnon, in Buczacz geboren und später Literatur-Nobelpreisträger, in Texten beschrieben hatte, ist mittlerweile nichts mehr übrig. Man hat es in den 1990er Jahren abgerissen, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen.

Das BUch

Omer Bartov: Anatomie eines Genozids. Vom Leben und Sterben einer Stadt namens Buczacz. Suhrkamp Verlag/Jüdischer Verlag 2021. 486 S., 28 Euro.

Deutsche Soldaten fielen am 1. September 1939 in Polen ein. Gut zwei Wochen später überrollten Soldaten der Roten Armee den östlichen Teil des Landes. So hatten es Hitler und Stalin in ihrem Pakt vereinbart. In den ersten Monaten des Kriegs im Osten erschienen Deutsche und Sowjets als Verbündete. Eine „mörderische Allianz“ – bis zum Angriff der Deutschen auf Russland. Beim Einmarsch in die Sowjetunion folgten den Soldaten der Wehrmacht die Einsatzgruppen. Sie brachten innerhalb kurzer Zeit etwa 1,5 Millionen Menschen um, ganz überwiegend Juden.

Über die Ostfront hat man sich in der Bundesrepublik lange Jahre meist Geschichten, nicht selten heldenhafte, vom Feldzug deutscher Soldaten gegen „die Russen“ erzählt. Auch ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende sprachen viele noch immer von der „sauber gebliebenen Wehrmacht“, die tapfer gekämpft und in der Tradition Preußens diszipliniert geblieben sei. Wenn man aber genauer hinschaue, könne davon überhaupt keine Rede sein, schlussfolgerte Omer Bartov bereits Mitte der 90er Jahre in seinem Buch „Hitlers Wehrmacht“. Die deutschen Soldaten seien dazu „angestachelt worden, beispiellose Verbrechen zu begehen“. Denn „mit dem Krieg war die Wehrmacht zu Hitlers Armee, waren die Deutschen zu Hitlers Volk geworden“.

Ende 1940 galten Deutschland und die Sowjetunion noch als Verbündete. Hitler aber wandte sich, nachdem sich eine Invasion Großbritanniens als unrealistisch erwiesen hatte, in Richtung Osteuropa: Für die Herrschaft in Ostgalizien und den Massenmord an den Juden erwiesen sich dort „die im Deutschen Reich ausgebildeten, finanzierten und bewaffneten ukrainischen Nationalisten als nützliches Werkzeug“. So durften sie in Buczacz bei einer Parade am 20. Juli 1941 präsent sein: „Diese Männer und Frauen defilierten an einem mit Hakenkreuzflaggen geschmückten Podest auf dem Marktplatz vorbei, wo Mitglieder der deutschen Regierung sie mit dem Hitlergruß empfingen.“

Der Ukrainer Volpdymyr Kaznovskyj, Bezirkschef der Ukrainischen Hilfspolizei, ging den deutschen Besatzern bereitwillig zur Hand. Drei Offiziere der Gestapo, gab er zu Protokoll, seien recht bald nach dem Einmarsch der Deutschen in sein Büro gekommen und hätten „gesagt, dass sie eine Hinrichtung planten. Es müsse ein Ort dafür gefunden und ein Massengrab ausgehoben werden.“ Abschließend präsentierten die Offiziere Kaznovskyi „eine Liste der zu erschießenden Personen“. Die Deutschen hätten ihn angewiesen, „eine Gruppe von Polizisten auszuwählen, die bei der Erschießung mitwirken sollten“. Die Deutschen stützten sich nach den Quellen in Bartovs Buch auf den getreuen Kommandanten Richard Lissberg, „einen vorbildlichen Nazi“. Oder auch auf den Gestapo-Mann Heinrich Peckmann, der über Gewalt gegen Juden sprach und prahlte: „Man konnte praktisch tun und lassen, was man wollte, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.“

Im August 1941 hatten die Deutschen ihre Macht in der Stadt gefestigt, nun verlangten sie von den Juden das Tragen weißer Armbinden mit blauem Davidstern. Zügig sollte die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung „erledigt“ werden. Insgesamt tötete man in Buczacz 8000 Juden, wenige Opfer überlebten, indem sie fliehen konnten und Unterschlupf fanden.

Die Massenerschießung im Herbst 1941 auf dem Berg Fedor diente als Generalprobe für Massenexekutionen in der Stadt. Lissbergs Frau Henriette berichtete später, eines ihrer Dienstmädchen, oft halb verhungerte und verängstigt wirkende Jüdinnen, habe nach der Aktion bemerkt, dass im nahe gelegenen Wohnhaus der Lissbergs „das Leitungswasser komisch gerochen und ausgesehen hat“. Das Wasser sei wohl „von dem Massengrab auf dem Berg verdorben worden“. Man habe die Menschen angewiesen, in den nächsten Tagen besser Sprudelwasser zu nutzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare