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Romandebüt

Olivia Wenzel: „1000 serpentinen angst“ – Das maximal Andere

  • vonCornelia Geißler
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Olivia Wenzel beleuchtet in ihrem Roman „1000 serpentinen angst“ das Leben einer schwarzen Deutschen.

Als sie ein Kind war, nannte die Oma sie und ihren Bruder gern und liebevoll ihre „Schokokrümel“, berichtet die Erzählerin. Und weil die es immer noch manchmal tue, habe sie mehrfach versucht, der Oma zu erklären, dass sie damit nicht nur ihre Zuneigung zeige, sondern auch, „dass sie ihre eigene Hautfarbe als Selbstverständlichkeit sieht“, von der die der Enkel abweiche. Denn weder habe sie ihren Mann je „mein süßes Raffaellobällchen“ genannt noch ihre eigenen Töchter „meine lieben hartgekochten, ordentlich geschälten Eier“.

„1000 serpentinen angst“, der erste Roman der 1985 in Weimar geborenen Dramatikerin Olivia Wenzel, dreht sich um Schlüsselmomente im Leben einer jungen Frau. Deren Mutter war als Punk in der DDR ständig angeeckt, der zum Studium aus Angola gekommene Vater ließ sie zur Ruhe kommen. Die Eltern sind inzwischen getrennt.

Es wäre falsch zu sagen, der Roman handele davon, denn so etwas wie Handlung ist in diesem Buch nur auf verstreuten Inseln zu finden. Einige von ihnen erzeugen Unbehagen, weil sie realistisch von Ausgrenzung, Rassismus und Homophobie erzählen.

Das Buch

Olivia Wenzel: 1000 serpentinen angst. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 350 Seiten, 21 Euro.

Daneben gibt es fantastische, mit Witz und überraschender Detailschärfe geschilderte Szenen der Verschmelzung mit einem Snackautomaten auf einem Bahnsteig. Es gibt Begegnungen mit Psychotherapeuten nach einem traumatischen Erlebnis, das die Erzählerin aus der Lebensbahn geworfen hat. Sie betrachtet diese Männer, als wäre es ihre Aufgabe, ihnen zu helfen. Einer verschreibt Medikamente mit gruseligen Nebenwirkungen. Ein anderer hält sie für nicht therapierbar, weil ihre Probleme woanders als in ihr selbst lägen und aus seiner Sicht nicht zu ändern sind: „Aber Sie sind in unserem Land eben eine Minderheit.“

Eine lange Erzählpassage folgt der Hauptfigur auf einer Reise nach Vietnam. Dort analysiert sie durch wiederholtes Aufwerfen derselben Zweifel, warum sie ihrer von dort stammenden Freundin aus dem Weg geht. „Als du später aus dem Shuttlebus steigst, deinen Rucksack aus dem Gepäckraums nimmst und der Tumult der Stadt in deinen Körper dringt, hast du nicht das Gefühl, dazuzugehören, aber dennoch angekommen zu sein.“

Ungewöhnlich, einleuchtend

Olivia Wenzel streut gern englische Wendungen und Slang ein, das gibt dem Erzählen manchmal ein gewisses forderndes Tempo: „You picture this“. – Macht euch ein Bild davon. Auch ohne solchen Schmuck vermag ihre Sprache zu glänzen. Wenn sie schreibt: „Für einen Moment habe ich zu viele Gedanken, sie fallen mir runter. Doch ich bücke mich nicht danach“, dann klingt das neu und ungewöhnlich und einleuchtend.

Olivia Wenzel: 1000 serpentinen angst.

Innerhalb des Buchs ändert sie ihre Technik wiederholt. Dieses mosaikhafte Schreiben verstärkt oft die Wirkung der einzelnen Szenen. Die Entwicklung der Ich-Erzählerin von ihrem Aufwachsen in den 90ern in Thüringen – der „Zeit“-Journalist Christian Bangel prägte für die Jugend im Osten in jener Periode den Begriff „Baseballschlägerjahre“ – zu einem Erwachsenenleben mit stabilem Freundeskreis muss man sich beim Lesen zusammensuchen.

Und dann gibt es lange Dialoge, die eher Abfragen sind. Eine Stimme verlangt unaufhörlich Auskunft: „Ist dein Herkunftsland sicher? Wo bist du gemeldet? Wo bist du jetzt?“ Bei der ersten dieser Fragerunden antwortet das Ich, sich in Manhattan zu befinden und zwar genau an dem Wahlabend, der gegen Trump und für Hillary Clinton auszugehen scheint. Am nächsten Tag, inzwischen in Durham, North Carolina, liest die Antwortgeberin das Graffito an einer Wand „Black lives don’t matter and neither does your vote.“

Das Präfix-Problem der USA

Ein Zitat wie für heute, da die USA in Aufruhr sind, nachdem der Afroamerikaner George Floyd durch Polizeigewalt zu Tode gequält wurde. Das Leben Schwarzer spiele keine Rolle, sagt die Zeile, genauso wenig wie ihre Wählerstimmen. Die Folgen der Sklaverei, der Unterwerfung schwarzer Menschen wirken bis heute fort.

Später wird die Erzählerin feststellen, dass sich die Situation in den USA vielleicht nie lösen werde: „Nicht solange Afroamerikanerinnen als andere Amerikanerinnen gelten, als Amerikanerinnen, die durch das Präfix Afro gekennzeichnet werden müssen.“ Sie aber lebt in Deutschland, erkennt an, dass sie durch Bildung, soziale Sicherheit und weitgehend gewaltfreies Aufwachsen privilegiert ist. „Der Verdacht, ich könnte eine Geflüchtete sein, eine maximal Andere also, lässt sich nicht länger aufrechterhalten, sobald ich meinen deutschen Pass vorzeige.“ Olivia Wenzels vielgestaltiger Roman zeigt die eindeutigen und die verdeckten Formen der Ausgrenzung.

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