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Die Ouse ist ein „arbeitender Fluss“, auch gefischt wird nahe ihrer Mündung.
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Die Ouse ist ein „arbeitender Fluss“, auch gefischt wird nahe ihrer Mündung.

Eine Wanderung

Olivia Laing „Zum Fluss“: Alles ist von Bedeutung

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Olivia Laing ist dem Fluss Ouse gefolgt, hat aber auch unter die Oberfläche geschaut.

Der englische Fluss Ouse – gesprochen mit einem langen U – entspringt nahe der Stadt Slaugham, West Sussex, ist 42 Meilen lang und mündet in den Ärmelkanal. Die Schriftstellerin, Essayistin, Kulturkritikerin Olivia Laing, Jahrgang 1977, hat ihn gleichsam abgeschritten. Wenn auch immer wieder mit einigem Abstand, da es keinen durchgängigen Weg an seinem Ufer gibt. Sie hat für ihr Vorhaben eine Juniwoche ausgewählt, die Mittsommer-Woche, in der man herrlich in duftenden und insektensirrenden Wiesen liegen, die Hitze einen aber auch schwindlig machen kann. Sie beschreibt das Flirren der Landschaft, die Färbungen des Himmels, den „kalten, grünen Ruch“ des Wassers.

„Zum Fluss“ heißt Olivia Laings genreübergreifender Bericht von ihrer Wanderung, ihren Entdeckungen, ihrem Schweifen in diese und jene Gedankenrichtung, diese und jene Zeit, während sie das Wasser gleichsam leitet. Das Buch erschien 2011 im Original, jetzt hat es Thomas Mohr mit feinem Sprachgefühl übersetzt.

Spät zitiert die Autorin Leonard Woolf, den Mann der großen Virginia Woolf, die sich 1941 in der Ouse das Leben nahm, aber eigentlich folgt sie von der ersten Seite an seinem Motto: „Nichts ist von Bedeutung, und alles ist von Bedeutung.“ Denn alles bekommt eine Bedeutung in ihrem mäandernden, immer wieder zu bestimmten Themen hinkreiselnden Buch. Nichts ist so klein, dass es unbeachtet bliebe.

Laing nimmt die Leserin an der Hand, sie tut es fast unmerklich. Gerade noch liest man über badende Nymphen und wie gefährlich es ist, ihnen dabei zuzusehen – und sei es auch nur aus Versehen. Da wird schon das mittelalterliche Wakefield-Mysterienspiel zum Thema, das hinreißende Beschimpfungen wie „Iltisbalg“ enthält. Dann schlendert die Autorin weiter zum Zinnkraut, Equisetum, das bereits von Dinosauriern plattgetrampelt wurde; heute sind es Kühe. Von dort ist es für sie nur ein Katzensprung zum Fossiliensammler Gideon Mantell (1790-1852). Und wiederum zurück zu den Woolfs und dann auch zu Iris Murdoch und ihrem Mann John Bayley. Murdoch, schwer an Alzheimer erkrankt, vergaß irgendwann auch, wie man schwimmt.

Das Buch:

Olivia Laing: Zum Fluss. Eine Reise unter die Oberfläche. A. d. Engl. von Thomas Mohr. btb Verlag 2021. 378 S., 20 Euro.

Olivia Laing blickt weit, gräbt tief – und schreibt alles hinreißend auf. Sie schaut auf die Geschichte der Gegend rund um die Ouse, auf Städte, Dörfer, Menschen. Sie vermerkt, „mit welch seltsamen Dingen wir unsere Lebenszeit verbringen“. Sie ist mit Hingabe und Wachheit dabei, jedes Detail im reichen Ouse-Schwemmland zu sammeln. „Es stapelt und türmt sich allenthalben, ob auf oder unter der Erde.“

Im einen Moment zählt sie Blumen auf, „in einer schier unendlichen Farb- und Formenfülle, wie auf den Rändern mittelalterlicher Handschriften“ (es folgen mehr als 20 Namen, es ist eine Freude, Abbildungen dazu zu googeln). Im anderen Moment erzählt sie von der Schlacht von Lewes am 14. Mai 1264, in der Simon de Montfort gegen Heinrich III. kämpfte. Fliehende Soldaten sprangen in den Fluss oder versuchten, sich ins Moor zu retten, was aber alles andere als eine Rettung war.

Der Chronik von Lanercost Abbey zufolge sollen später „viele umgekommene Ritter hoch zu Ross, in voller Rüstung und mit dem gezogenen Schwert in der leblosen Hand“ gefunden worden sein. Laing kommt auch zu einer schrecklichen Pointe: 1845 wurde eine Eisenbahntrasse von Brighton nach Hastings gebaut, man stieß auf eine Leichengrube mit hunderten von Toten, lud die Gebeine auf Pferdewagen – und befestigte auch damit den Eisenbahndamm. Sie fragt: „Die Züge nach Hastings und Newhaven, nach Glynde und Ore und Seaford fahren jeden Tag über die verdichteten Gebeine der Männer, die 1264 hier gekämpft haben?“ Die Ouse, betont Laing, war und ist ein „arbeitender Fluss“, einer, an dem Salzwerke und Wassermühlen standen, der heute Stauseen speist, Abwässer und das bunte Plastikspielzeug aufnimmt, „mit dem wir unsere Welt zumüllen“. Schon 2011 sieht sie regelmäßige Dürren und Hochwasser voraus – der Mensch in seiner Dummheit und Gier baut auf Flächen, die Überschwemmungsgebiet sind.

Der Mensch, gerade darüber schreibt Laing eindringlich, kann sich nicht hinausziehen aus der Landschaft, kann nicht so tun, als gingen ihn die natürlichen Gegebenheiten nichts an. Der meistens an der Oberfläche der Alltagswelt lebende Homo sapiens ist notwendigerweise eingebettet in seine Umwelt, die von ihm selbst geformte wie die sich jeder Beherrschung durch ihn widersetzende. Jedes Ich ist Teil dieser Umwelt, mag es sie auch selten bewusst und mit allen Sinnen aufnehmen.

Olivia Laing tut dies stellvertretend, öffnet der Leserin und dem Leser die Augen, schnuppert, lauscht, hört auf das Flüstern der Ouse-Quelle genauso wie auf das Quatschen von Betrunkenen. Und wenn man Glück hat, lernt man von ihr – für die nächste eigene Begehung eines Stückes Welt.

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