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Oliver Twist im Zeitalter der Kuschelpädagogik

Drei neue Studien untersuchen nicht nur die äußerlich fassbare Armut von Kindern und Jugendlichen, sondern auch, wie diese selbst ihre Lage wahrnehmen

Von Katharina Rutschky

"Gibt der Herr ein Häschen, gibt er auch ein Gräschen", sagte man zu Zeiten, wo die Menschen frömmer und der Kindersegen noch nicht unter die Planungshoheit der Eltern fiel wie heute. Dann standen lange, minutiöse Berechnungen der Kosten im Vordergrund, die Kinder ihren Eltern verursachen, ehe sie flügge werden. Sechsstellig waren die Beträge in jedem Fall, die da zusammenkamen. Sie zeichneten Verzicht leistende Eltern als heroische Figuren - und Kinder, gegen die Absicht sozialpolitischer Lobbys, die einen besseren Lastenausgleich wünschten, als unfreiwillige Schuldner ihrer Eltern. Würden Eltern den Nachwuchs rechnen wie den Hausbau, wären nach diesem Denkmodell die unersetzlichen, aber unentgeltlichen Generationsbeziehungen am Ende gewesen. Es ist aber nur ein Denkmodell und stimmt so wenig mit der Wirklichkeit zusammen wie das fromme Vertrauen auf den Herrn mit seinen Gräschen.

Seit den frühen neunziger Jahren wird Familienpolitik wegen des demographischen Wandels, der Wendefolgen und der Veränderung der Arbeitswelt noch katastrophischer diskutiert. Kinder kosten nicht bloß, sondern seien direkt ein Armutsrisiko, lautet die neue Hypothese, und allein erziehende Mütter und kinderreiche Familien seien von diesem Armutsrisiko vor allem betroffen und ihm schon hunderttausendfach erlegen. Obwohl die vergreisende deutsche Gesellschaft den Nachwuchs braucht, leben also ausgerechnet jene am Rande der Gesellschaft, die trotz allem noch Kinder kriegen.

Die allein erziehende Mutter zumal ist aber nicht nur materiell benachteiligt, sie wird wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten auch an der eigenen, emanzipatorischen Berufstätigkeit gehindert, rutscht in die Sozialhilfe ab und erwirbt außerdem keine Rentenansprüche. Die Kinder, deren erzeugerunabhängige Rechte wir uns spätestens seit der UN-Konvention von 1989 bewusst sein sollten, leiden ungefragt mit. Wer also Armut und Elend immer noch überall da draußen in der Welt vermutet, verschließt die Augen vor der "Zweidrittelgesellschaft" (Peter Glotz), die sich längst in Deutschland gebildet hat. Nachdem schon in den frühen neunziger Jahren Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften Armutsberichte erstellt hatten, legte schließlich auch die Bundesregierung 2001 einen Armuts- und Reichtumsbericht vor. Die neue Kinder- und Kindheitsforschung tat ein Übriges, und nun scheinen wir zu wissen, dass, je nach Methode und angelegtem Maßstab, ein Drittel oder doch bloß ein Fünftel der deutschen Gesellschaft und vor allem ihrer Kinder und Mütter in Armut oder einer Vorstufe zu leben scheint, die man "prekärer Wohlstand" nennt.

Bekannt ist die Zahl der jugendlichen Sozialhilfeempfänger, die etwa bei zwei Millionen liegt. Sie nehmen zwar in unserem Sozial- und Wohlfahrtsstaat ein verbrieftes Recht war, worauf der Bundeskanzler, Jahrgang 1944 und selbst Aufsteiger aus armen Verhältnissen, auch einmal hingewiesen hat. Dieses Argument lassen Kinder- und Familienlobbys aber nicht gelten, weil sie die "Armut" vor allem der Kinder zum Haken nehmen, an dem sich eine umfassende Gesellschafts-, ja, Systemkritik aufhängen lässt, wie wir sie seit dem Verschwinden marxistischer Theorie kaum noch lesen. Der Ansatz überzeugt spontan, weil spätestens seit Charles Dickens Oliver Twist geschrieben hat, die Kombination von unschuldiger Kindheit und Armut als moralisches Muster eingeübt ist und Reflexe auslöst, die aber, so sympathisch sie sind, doch ihren Wert auch beweisen müssen. Was haben die Sozialhilfeempfänger, vor allem die Kinder in Armut, von dieser schönen neuen Parteilichkeit?

Alle drei hier vorgestellten Untersuchungen haben den Ehrgeiz, neben der Ermittlung von Daten und Fakten der Eigenperspektive von Kindern und Jugendlichen auf ihre Armut zum Recht zu verhelfen und darüber hinaus auch ihren selbsttätigen Umgang mit einer belastenden Situation zu würdigen. Die Forscher arbeiten mit dem Konzept der "Lebenslage", das die jungen Probanden umfassend als Subjekte wahrzunehmen und sie nicht nur als Opfer um jede Würde zu bringen erlauben soll. Deutlich wird, dass schon kleine Kinder die Misslichkeit ihrer materiellen und familiären Situation genauer einzuschätzen wissen, als ihre Eltern es wahr haben wollen oder können. Ersichtlich wird zweitens, was Sozialarbeiter und Sozialpädagogen schon lange wissen, dass Kinder selbst schwierige Mütter und schlechte Väter, kurzum die Familie über alles schätzen.

Das ist aber auch schon fast alles, was man aus der neuen und einfühlsamen Armutsforschung lernen kann. Vielleicht noch ein drittes, das der neuen Kindheitsforschung zu denken geben sollte. War die alte Sozialisationsforschung im Hinblick auf Kindheit zielorientiert und an Entwicklungshindernissen und Handikaps aller Art interessiert, so hebt erstere heute auf das Dasein an sich und das Wohlfühlen in ihm in dieser Lebensphase ab. Nützt Kindern in Armut dieser Paradigmenwechsel von der Entwicklung mit Zukunftsperspektive hin zur Daseinsanalyse? Immerhin ist unser Bildungssystem hie und da nicht ganz zu Unrecht dem Verdacht ausgesetzt worden, einer unrealistischen Kuschelpädagogik zu huldigen, die dem Lehr- und Betreuungspersonalpersonal aus der Mittelschicht vielleicht genehm ist, aber den Kindern nicht taugt, die schon mit Entwicklungsdefiziten in die Schule kommen und sie zu Tausenden ohne Abschluss später verlassen. Was heißt überhaupt Armut? Die Forscher berufen sich auf Beschlüsse von EU und EG, die Armut allein in die Verfügung über Geld fassen. In Westeuropa gilt als arm, wer weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat. Armut ist also "relational", eine rein statistische Größe. Die Forscher, die den relationalen Armutsbegriff favorisieren, fragen sich nicht, wer und warum hierzulande arm wird, ist oder über Generationen in der Sozialhilfe bleibt.

Vergleichsweise noch am ergiebigsten sind die beiden Untersuchungen, die nach langem theoretischen Vorlauf sich dann doch auf die Analyse weniger Fälle von armen Kindern konzentrieren. Petra Hölscher hat nach einer Fragebogenerhebung bei 12- bis 16-jährigen Schülern 15 qualitative Interviews mit armen Jugendlichen in Nordrheinwestfalen und ihren Eltern durchgeführt. Das Autorenteam Chassé, Zander und Rasch befasst sich von vornherein nur mit 14 Fällen armer Kinder in Thüringen. Als Ursache der Armut wird zwar auch bei ihnen Geldmangel als Folge von Arbeitslosigkeit und das Angewiesensein auf die magere Sozialhilfe unterstellt. Von einigen Ausreißern in Gestalt von soziokulturell reichen, wenngleich finanziell armen Müttern abgesehen, lernt man in beiden Untersuchungen aber fast gegen den Willen der einfühlsamen Forscher ein Segment der Unterschicht kennen, dessen Lebensschicksal in der Tat erschüttert, und das nicht bloß, weil Kinder ungefragt an ihm teilhaben müssen.

Die Forscher, affiziert vom allgemeinen Trend zu Daten und Zahlen als Letztbeweis, legen den Finger auf das Taschengeld, das fehlende eigene Zimmer und den Urlaub, der nie stattfindet. Was den Leser über Armut aber aufklärt, sind Details wie die Information, dass die Hälfte der armen Kinder in Thüringen noch nie im Kino gewesen ist. Man blickt in eine Welt, in der die materielle Deprivation, wohltätig vom Sozialstaat gemildert, vor allem eine soziokulturelle ist, unter der schon die Eltern gelitten haben. Ja, und angesichts mancher allein erziehender Mutter, von der in diesen Untersuchungen die Rede ist, fragt man sich gar, ob der Sozialstaat mit seiner Idealisierung von Müttern und Kindern nicht auch ein wenig Schuld trägt an Verhältnissen, die wir nicht wünschen können. Die Thüringer Untersuchung behauptet zwar tapfer, dass alle Mütter eine Erwerbstätigkeit wünschen und aus der Sozialhilfe heraus wollen - zu fragen hat man sich aber nicht getraut, warum diese Frauen (im Extremfall) Kinder mit drei verschiedenen Vätern kriegen, die allesamt nicht taugen.

Man fragt auch nicht, warum diese Geld-Armen und Erwerbslosen, aber Zeitreichen nicht imstande sind, zu kochen und zu wirtschaften und sich um ihre Kinder zu kümmern, wie es Not täte. Gefangen in einem Gespinst von Wohlmeinung und Moral, scheut man sich, der eigentlichen Armut in einer immer noch reichen Gesellschaft wie der Bundesrepublik wirklich ins Auge zu blicken. Arm ist kein Kind, dessen Eltern Sozialhilfe beziehen - arm ist es, weil die Eltern und Mütter über null soziokulturelles Kapital verfügen. Daraus folgte ein Votum nicht für die Umverteilung von Geld, sondern für gute Kinderhorte und Ganztagsschulen und ein flächendeckendes Angebot an kulturellen Freizeitmöglichkeiten für diese Kinder, die das alte Vereinswesen von früher zeitgemäß ersetzen könnten.

Das sieht Christoph Butterwegge, einer der profiliertesten und emsigsten Kindheits- und Armutsforscher, anders. Sein jüngstes Buch verspricht einen regionalen, nationalen und internationalen Vergleich zu Armut und Kindheit. Faktisch referiert der Wälzer nicht einmal zur Hälfte des Umfangs drei empirische Studien und besteht in der Hauptsache aus grauer Forschungstheorie und einer sonderbar klaren Ursachenforschung im Hinblick auf Armut mit deutlichen Hinweisen, wie ihr abzuhelfen wäre. Herausgegriffen sei die internationale Vergleichsstudie über Kölner und Straßenkinder in Bolivien und Chile. Straßenkinder in Deutschland zeichnen sich dadurch aus, dass sie Hilfs- und Auffangangebote fast aller Art zu nutzen nicht imstande sind. Man hat es mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die Hilfe dringend benötigen, deren Einsperrung zu ihrem Besten wir aber nicht mehr durchführen. In Chile, Bolivien und auch anderswo leben Kinder auch auf der Straße, aber aus anderen Gründen, und die Auffangstellen für sie sind nicht jugendgemäß. Was lehrt also dieser internationale Vergleich von "Straßenkindern"?

Er ist Teil der Beweisführung von Butterwegge, der in Deutschland und weltweit Globalisierung und Neoliberalismus für die Kinderarmut verantwortlich macht. Butterwegge traut sich auch, der Bundesregierung Ratschläge zur Beseitigung der ungerechten Gesellschaft- und Wirtschaftsordnung zu geben. Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer zum Beispiel. Das alles ist furchtbar gut gemeint, vermeidet aber, der neuen Armut gerade der Kinder wirklich ins Gesicht zu sehen. Geld muss für sie investiert, aber nicht bloß verteilt werden.

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