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Oliver Bottini „Noch einmal sterben“: Menschenleben? Es ist doch für ein höheres Ziel

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Von: Sylvia Staude

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3. Juli 2003: eine Bombe explodiert in Baaquba, nordöstlich von Bagdad.
3. Juli 2003: eine Bombe explodiert in Baaquba, nordöstlich von Bagdad. © AFP

Oliver Bottinis politischer Thriller „Noch einmal sterben“ über die Lügen, die den Irakkrieg begründeten.

Seltsam, wie einem bestimmte Bilder nach Jahren immer noch vor Augen stehen: Das von US-Außenminister Colin Powell zum Beispiel, wie er am 5. Februar 2003 im Weltsicherheitsrat hinter einem Schild sitzt, auf dem „United States“ steht, und Beweise präsentiert dafür, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfügt. Nur dass es eben keine Beweise waren. Und es gar keine Massenvernichtungswaffen im Irak gab. Entweder der US-Geheimdienst versagte damals fürchterlich. Oder er fabrizierte Lügen. Entweder Colin Powell wurde, wie auch ein großer Teil der Weltöffentlichkeit, getäuscht. Oder er wusste Bescheid und log. In der Geschichte gibt es gewiss wenig Lügen, die schlimmere Folgen hatten. Dabei war das offenbar nicht schwer zu widerlegen.

Im April 2003 berichtete der „Spiegel“ von zwei UN-Waffenkontrolleuren, die dort besichtigt und geprüft hatten, wo angeblich Chemiewaffen hergestellt wurden. Die simple Lastwagen fanden, wo „Dekominationslaster“ stehen sollten. Die simple Ventilatoren fanden, wo spezielle Lüftungssysteme eingebaut sein sollten. Diese zwei Leute bewerteten Powells Rede als „irreführend“ und „hochgradig falsch“.

Es ist bekannt, zu was Powells Rede führte: zu einem Krieg, den US-Präsident George W. Bush bereits am 1. Mai 2003 für siegreich beendet erklärte. Zu einem bis 2011 besetzten Land und unzähligen zivilen Toten. Zu einer Erstarkung des „Islamischen Staates“. Und einer aktuell nicht funktionierenden Regierung, zu Protesten und einmal mehr Toten.

Wie es nach dem 5. Februar 2003 scheinbar zwangsläufig weiterging, ist bekannt. Auch Oliver Bottini, Autor hochkomplexer Kriminalromane mit oft historischem Hintergrund, ändert die Geschichte nicht in seinem jüngsten Roman „Einmal noch sterben“. Wie auch. Was er aber anbietet, ist eine Variante, in der jemand versucht haben könnte, die große US-Lüge rechtzeitig aufzudecken: Und was, wenn es im Februar 2003 gelungen wäre, die Dokumente einer irakischen Regimegegnerin zu sichern, die bewiesen hätten, dass der Irak eben nicht über C-Waffen verfügt. In Bottinis Roman reisen deutsche Agenten nach Bagdad, darunter Frank Jaromin, Scharfschütze des Bundesnachrichtendienstes, der die Übergabe sichern soll. Doch die Sache wird auf schrecklichste Weise sabotiert.

Deutsche arbeiten gegen Deutsche, die, anders als die Bundesregierung (Rot-Grün unter Gerhard Schröder), den Krieg wollen. Letztere scheuen sich auch nicht, die anderen „auszuschalten“. Dient doch einem höheren Ziel. Und sie scheuen sich nicht, Jaromin zu täuschen, der seit Jahren für den BND immer treu hinreist, wo man ihn braucht.

Das Buch:

Oliver Bottini: Einmal noch sterben. Roman. Dumont, Köln 2022. 476 S., 25 Euro.

Seine Hände zittern

Darüber zerbricht seine Ehe, darüber verliert er den Kontakt zu seinem Sohn. Schlafen kann er nur noch mit Schlaftabletten, auch gegen das Zittern seiner Hände muss er inzwischen was nehmen. Man wird versuchen, ihm daraus noch einen Strick zu drehen. Bis hin zur Behauptung, er habe halluziniert, bis zu einem Mitschnitt, auf dem nicht mehr zu hören ist, was Jaromin genau gehört hat. Auf Englisch übrigens, denn auch US-amerikanische Agenten haben ihre Finger im Spiel. Kollateralschaden ist ein französischer Agent, der den Kontakt hergestellt und gehalten hat zu der kommunistischen Irakerin mit den wichtigen Papieren.

Tragisch sowie moralisch und politisch dreckig ist, was in Oliver Bottinis Agenten-Thriller passiert. Er überzieht jedoch nicht, es bleibt glaubwürdig. BND arbeitet gegen BND. BND arbeitet gegen BKA. Jeder bespitzelt jeden. Jeder misstraut jedem. Oder vielmehr: Jaromin hat den zwei, drei Kollegen, mit denen er oft schon bei Einsätzen war, bisher hundertprozentig vertraut. Jetzt fragt er sich, ob einer von ihnen mit den Amerikanern unter einer Decke steckt. Ob einer von ihnen im Auftrag des PNAC handelt, dem konservativen Project for the New American Century, der unter der Bush-Regierung die Vorherrschaft der USA auch militärisch durchsetzen wollte. Er hat eine Unschuldige erschossen und es kann ihm nicht egal sein.

Am Ende steht die Leserin mit mehr Fragen als Antworten da, das liegt in der Natur der Sache – und Oliver Bottini war noch nie ein Vereinfacher. Indessen Geheimdienste auf der ganzen Welt nach wie vor intrigieren, liquidieren, gewiss auch rumpfuschen. Und ehemalige US-Präsidenten Geheimpapiere einfach mit nach Hause nehmen. Irgendwo, in Mar-a-Lago oder dort, wo es sein soll, findet sich vielleicht auch die Wahrheit über die Lüge, die 2003 zum Irakkrieg führte.

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