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Olga Tokarczuk am Tag nach der Nobelpreisverleihung in einer Vorstadtbücherei in Stockholm.
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Olga Tokarczuk am Tag nach der Nobelpreisverleihung in einer Vorstadtbücherei in Stockholm.

Essays von Olga Tokarczuk

Olga Tokarczuk: „Übungen im Fremdsein“ – Machen wir doch einen Schritt zur Seite

  • VonJan Opielka
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Die Bausubstanz des literarischen Schreibens: In ihrem Essay-Band „Übungen im Fremdsein“ legt Olga Tokarczuk Geheimnisse und Möglichkeiten der Inspiration offen.

Es ist keine leichte Zeit in Polen, vielmehr eine bleiern schwere. Das Land wird von Nationalisten regiert, die immer autoritärer agieren, gegen Flüchtlinge agitieren, Freund-Feind-Schemata befeuern. Dieses dürfte ebenso schwer auf Olga Tokarczuk lasten, die sich auch jenseits des Literaturbetriebs stets in Belange des Landes einbringt. „Polen sollte so viele Flüchtlinge aufnehmen, wie es tragen kann“, sagte sie jüngst angesichts der Abschiebepraxis der Warschauer Regierung an der polnisch-weißrussischen Grenze.

In Tokarczuks nun auf Deutsch erschienenem Band geht es zwar nicht in erster Linie um Politisches. Die Gewinnerin des 2019 verliehenen Literaturnobelpreises 2018 befasst sich in den zwölf Essays und Reden in erster Linie mit den biografischen, soziologisch-sachlichen, psychologischen und auch mythischen Quellen des literarischen Schöpfungsprozesses. Doch im Hintergrund schwingen Reflexionen zum Politischen mit, eingefärbt durch den Kontext: das Pandemie-Jahr 2020.

Um sich diesem Großereignis zu nähern, das in jenem Jahr wie ein „Schwarzer Schwan“ aufgetaucht sei, ermuntert Tokarczuk gleich zu Beginn mit der „Ognosie“ zu einer Standortverschiebung, einer Bewegung weg vom Denken im Zentrum. Unter den vielen Folgen der Pandemie sieht sie die wichtigste darin, „dass das tief verinnerlichte Narrativ vom Menschen als Herrn der Schöpfung, der Kontrolle über die ganze Welt besitzt, einen Bruch erfahren hat“. Was also, wenn „wir einen Schritt zur Seite machten, (...) die ausgetretenen Pfade unserer Überlegungen, Gedanken, Diskurse verließen und uns aus den Systemen von Blasen hinausbegäben, die alle um ein gemeinsames Zentrum kreisen?“ Die Gelegenheit, diese „Exzentrik“ zu wagen, sei hier und jetzt da – als „kairotischer Augenblick“, anknüpfend an den griechischen Kairos, „Gott der Gelegenheit, des flüchtigen Moments, der unfassbaren Möglichkeit“, die am Schopfe zu packen sei.

In ihrer eigenen Exzentrik gelangt Tokarczuk zu der Begriffsschöpfung, oder vielmehr: zum Instrumentarium der „Ognosie“. Ein „narrativ orientierter, ultrasynthetischer Erkenntnisprozess“ sei dies, in dessen Zuge „Dinge, Situationen und Phänomene einer Reflexion unterzogen und so in ein höheres Sinngefüge der wechselseitigen Bedingtheiten“ verortet werden.

Das Buch

Olga Tokarczuk: Übungen im Fremdsein. Essays und Reden. A. d. Poln. v. B. Hartmann, L. Palmes, L. Quinkenstein. Kampa, Zürich 2021. 320 S., 24 Euro.

Mit diesem Einstieg bestellt die 59-Jährige in gewisser Weise das Feld für die folgenden Texte. In diesen reflektiert sie, „Wie Übersetzer die Welt retten“, wie „Daimon“ ihr Werk motiviert, oder wie ihr sechs Jahre dauerndes Abklopfen der „Psychologie der literarischen Erschaffung der Welt“ ihr die Pforten für ihr Opus Magnum, die „Jakobsbücher“, aufzustoßen half. In dem titelgebenden Essay „Übungen im Fremdsein“ legt sie in dichter Prosa dar, dass ihr einst die Lektüre von Jules Vernes Werken klar gemacht habe, wie „der Mensch des Westens auf Reisen“ geht – und dabei trotz des von ihm angetroffenen Fremden der Gleiche bleibe. Wie faszinierend die Kultur auch sei, welcher der Reise-Held begegne, „eingeschlossen in der dichten Kapsel der westlichen Identität, zeigt er sich wie imprägniert gegen alles Fremde“.

Fremdes, das nicht von dieser Welt scheint, wird durch den großartigen Essay „Land Metaxy“ vertraut. Tokarczuk leuchtet hier die Grenzen zum Fiktiven aus, taucht in die Tiefen des „Dazwischen“, in die „nicht zu fassenden Räume der Imagination“, in denen sie die Figuren ihrer Romane entdecke. Um diese Sphäre näherzubringen, greift sie Platons „Gastmahl“ und die darin gefasste Darstellung Sokrates’ auf, der sich seiner Lehrerin Diotima erinnert. Diese habe die Figur des Eros zwischen Sterblichen und Unsterblichen, Weisheit und Torheit, also zwischen Gegensätzen verortet, die sich „nicht eigentlich aufheben, sondern vielmehr ineinander übergehen“. „Diotima deutet die Natur des Eros als ein Sein ,zwischen‘ – im Griechischen metaxy – den Göttern und den Menschen.“ Dieses Dazwischen sei jedoch „kein leerer Raum, sondern gleichfalls ,etwas‘ – es verbindet die Wirklichkeit zweier Gegensätze“. Metaxy stelle so „ein bestimmtes Denkmuster infrage, das uns im Zuge des dogmatisierten Christentums und der modernen Wissenschaftsgläubigkeit geläufig geworden ist – ein Muster des Entweder-Oder“.

Doch gerade dazwischen fänden sich „Produkte unseres Geistes, die nie den Status gewöhnlicher Realität erlangt haben“, und all die Figuren, nicht nur die fiktiven. „Diese Figuren wollen erschaffen, wollen erzählt werden, sie wollen existieren. Alles, was sich im Metaxy-Modus befindet, strebt der Existenz entgegen, doch ist die Existenz aus der Perspektive dieses Landes ein diskontinuierlicher punktueller Prozess – er kommt in Gang, wenn das liebevolle Auge des Lesers eine Figur aus dem Text herauslöst und damit erschafft, im jeweils eigenen und einzigartigen Kontext seines Lebens.“

Die Essays vermögen, obwohl (oder weil) sie ein deutliches Licht auf die Bausubstanz literarischer Schöpfung werfen, die Faszination an dieser Form der menschlichen Kunst nur noch zu steigern. Die Welt, schreibt Tokarczuk, sollte auch jenseits der Literatur auf unterschiedlichen Ebenen gesehen, gelesen, gedeutet werden. Und nicht, wie dies in der postmodern-rationellen Zeit über die Maßen geschähe, buchstäblich. Denn es sei auch die Buchstäblichkeit, die „das Gespür für das Schöne und Sinnhafte“ zerstöre, „weshalb sie auch keine tiefgründige Vision der Welt hervorbringen kann“.

Wo indes solche Visionen hervorgebracht werden können, ist, bei und auch nach der Lektüre, unfassbar, uneindeutig – klar und deutlich.

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