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Olga Tokarczuk, kurz nachdem sie in Bielefeld die Nachricht vom Literaturnobelpreis erhalten hat.

Literaturnobelpreis

Olga Tokarczuk: Die polnische, literarische Jungianerin

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Olga Tokarczuk gewinnt den Literaturnobelpreis und die rechtskonservative PiS gewinnt die Parlamentswahl in Polen – was unvereinbar scheint, passt doch zusammen.

Dieser Preis ist so wirkmächtig, dass ihn selbst die nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS) – die Polen, das wissen wir seit Sonntag, auch in den nächsten vier Jahren ins Sozial-Autoritäre steuern wird – nicht diskreditieren konnte. Als daher am vergangenen Donnerstag die Nachricht von Olga Tokarczuks Gewinn des Literaturnobelpreises 2018 über die Newsticker lief, müssen den Journalisten des staatlichen (PiS)-Fernsehsenders TVP die Köpfe rot angelaufen sein. Denn wie sollten sie kurz vor der Parlamentswahl in den Hauptnachrichten die Würdigung der 57-jährigen Schriftstellerin darstellen, die mit ihrer durch Anti-Nationalismus gesättigten Literatur eine stimmgewaltige PiS-Kritikerin ist? Sie entschieden sich für die Umarmung und zeigten Tokarczuks Nobelpreis als letzten Teil einer Trilogie einer „Woche voller guter Nachrichten für Polen“ – nach der Abschaffung der Visa-Pflicht für Polen bei Reisen in die USA sowie der Wahl des PiS-Politikers Janusz Wojciechowski zum EU-Agrarkomissar. Garniert wurde der Bericht von einer Einspielung aus dem Jahr 2016, in der PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski sagte: „Ich lese gerade Tokarczuks ‚Jakobsbücher‘, auch wenn die Autorin darüber überrascht sein mag.“

Dieses Bekenntnis mag in der Tat überraschen. Denn genauso wie die Schriftstellerin und Essayistin personifizierte Antipodin zur national-traditionalistischen PiS ist, bildet auch ihr vielgestaltiges Werk einen Kontrapunkt zum engen Narrativ der Kaczynski-Formation. Wo diese etwa das reine Heldentum der Polen während des Zweiten Weltkriegs anpreist, da spricht Tokarczuk über die Beteiligung von Polen an der Ermordung von Juden. Wo Kaczynski die katholische Lehre als die Quintessenz des Polnischen rühmt, jenseits derer „nichts als Nihilismus“ sei, da schreibt Tokarczuk, etwa in den auch auf Deutsch erschienenen „Jakobsbüchern“, vom multireligiösen Erbe ihres Landes. Und wo die PiS mit aller Macht den nationalen Mythos als sicheren Rückzugsort vor der Welt verkündet, da bietet die Psychologin Tokarczuk die „Unrast“ (2009 auf dt. erschienen) als Gegenmodell auf: ein dem Menschen eingeschriebenes Bedürfnis, die Welt zu erkunden, um der Starre zu entkommen. „Wiege dich, bewege dich, bewege. Nur so wirst du entkommen. Derjenige, der die Welt regiert, hat keine Macht über die Bewegung und weiß, dass unser sich bewegende Körper heilig ist“, schreibt Tokarczuk in dem Werk, für das sie 2018 den renommierten Man Booker Prize erhielt.

Wer nicht abgeneigt ist, in Koinzidenzen – auch sich scheinbar widersprechenden Ereignissen – tiefere Sinnesspuren zu entdecken, der kann dies auch in dem Fall der fast zeitgleichen Nobilitierung der Polin sowie der erneuten Wahlbestätigung der PiS durch mehr als acht Millionen ihrer Landsleute tun: in diesem Fall die extremen Antipoden als Teil eines Ganzen, dessen Grenzen undefinierbar sind. Tokarczuk selbst, schreibt die Literaturkritikerin Magdalena Barburuk, „lehrt uns einen Blick, der bekannte Dinge in geheimnisvolle Zeichen verwandelt“. Die in Niederschlesien lebende Tokarczuk erhielt ihren Preis, so heißt es bei der Stockholmer Jury, für „eine narrative Vorstellung, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstellt“.

Tokarczuk betrachte die Realität niemals als etwas Stabiles oder Ewiges: „Sie konstruiert ihre Romane in einer Spannung zwischen kulturellen Gegensätzen; Natur versus Kultur, Vernunft versus Wahnsinn, Mann versus Frau, Heimat versus Entfremdung“, so die Jury. An ihrem bisherigen Opus Magnum, den 1000 Seiten über „Die Jakobsbücher“ (2014), arbeitete sie fast sechs Jahre.

Es ist, als wäre gerade dieses Werk, das die ebenso schillernde wie geheimsvolle Vita des jüdischen Mystikers Jakub Frank im 18. Jahrhundert nachzeichnet, eine Art Antidotum gegen den national-autoritären Zeitgeist; nicht nur in Polen. „Frank prägte die Geschichte der jüdischen Diaspora mit, doch er wird darin wie Luther in der katholischen Kirche behandelt – als Verursacher der gefährlichsten Spaltung“, schreibt der polnische Kritiker Przemyslaw Czaplinski. „Er gehört zur Geschichte aller Staaten Mitteleuropas aus der Zeit des 18. Jahrhunderts – Polen, Russland, Österreich, Deutschland – doch keine dieser Geschichten kann ihn in eine gemeinsame Sprache übersetzen.“ Tokarczuk ist dies gelungen, „doch es war methodischer Wahnsinn notwendig, um den Roman zu beenden“, so Czaplinski. Tokarczuk: „Die ,Jakobsbücher‘ haben mich so erschöpft, dass ich dachte, dass mir die Worte fehlen würden, irgendetwas zu schreiben.“

Doch sie schrieb seither drei weitere Bücher, und arbeitet an einer neuen Erzählung. Kraft für ihr Werk, das inzwischen ein gutes Dutzend Prosawerke und Essaybände umfasst, schöpft sie auch durch die Inspiration des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung, den sie als ihren „privaten Meister sieht, der das benennt, was ich ahne“. Die Konzeption Jungs sei ein „Grenzbereich von Psychologie, Theologie, der Versuch, einen gemeinsamen Nenner mit moderner Physik zu finden, die Anknüpfung an Traditionen der Philosophie und Mystik“, die zudem durch das bereichernde Denken des Ostens bereichert werde. „Aus der Psychologie sollte – und ich glaube, dass sie es tun wird – eine Disziplin entstehen, die versuchen wird zu verstehen, was die Geistigkeit der Seele ist“, schrieb sie bereits in den 1990er Jahren. Ihre eigene Literatur ist heute ein bedeutender Teil jener Disziplin, die die Seele verstehbarer macht – und ihre Stimme nun umso mehr eine, die auch jenseits des verfassten Wortes Gewicht hat. „Wir sind in einer Situation einer ganz klaren Wahl zwischen Demokratie und dem Autoritarismus“, sagte sie am Freitag. Das bedenkliche Wahlergebnis dürfte sie künftig auch literarisch verarbeiten – mit erneuten Schmeicheleinheiten PiS-naher Medien kann sie dann wohl nicht mehr rechnen.

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