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Olga Tokarczuk.
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Olga Tokarczuk.

Olga Tokarczuk in Frankfurt

Olga Tokarczuk: Nur der Mensch kann erzählen

  • VonAndrea Pollmeier
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Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in Frankfurt und im Gespräch.

Es geht nicht nur um ein biografisches Detail, wenn man festhält, dass Olga Tokarczuk in einer Randregion Polens geboren wurde. „Das Leben im Zentrum ist satt und etabliert. Nur im Abstand zum Zentrum kann Wandel entstehen“, sagt die 2019 (für 2018) mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Autorin. Diese Überzeugung habe ihr gesamtes bisheriges Werk geprägt, bestätigt auch Olga Mannheimer. Die selbst aus Warschau stammende Übersetzerin und Lektorin hat am Abend des letzten Buchmessetages im Jüdischen Museum Frankfurt ein kenntnisreiches und persönliches Gespräch mit der niederschlesischen Autorin geführt.

Immer wieder lösten humorvolle Bemerkungen der Autorin spontane Reaktionen des zumeist Polnisch verstehenden Publikums aus. Im Gespräch führt Olga Mannheimer anhand eigener Lieblingsstellen in das Denken der Autorin ein, zunächst geht es um den im Züricher Kampa-Verlag publizierten und von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ins Deutsche übersetzten Roman „Die Jakobsbücher“. In den 90er Jahren hatte Olga Tokarczuk in einem Antiquariat das Buch „Die Worte des Herrn“ aufgestöbert und darin zufällig die Spur des aus dem polnisch-jüdischen Gedächtnis verdrängten Grenzgängers Jakob Frank entdeckt. „Ich habe dies als Geschenk an mich“ empfunden, erzählt Tokarczuk. Es begann nun eine schwierige Zeit der Recherche, „so schwer, dass ich nicht gern darüber spreche.“

Die Geschichte des von vielen Seiten abgelehnten „Luther der Juden“ mündete ein in einen opulenten, mehr als tausend Seiten umfassenden historischen Roman, der im Untertitel ankündigt, es gehe um eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. Dieser Vortext charakterisiert die grenzüberschreitende Herangehensweise der Schriftstellerin. Vom Rand aus blickt sie auf die, die sich selbst in Randgebieten aufhalten. Das gilt auch für religiöse und metaphysische Randzonen. Ihr Interesse gilt also gerade den Persönlichkeiten, die beispielsweise zu Häretikern abgestempelt werden. „Nur die Religion ist eine lebendige Religion, in deren Schoß auch Häretiker entstehen,“ sagt Olga Tokarczuk.

In diesem Jahr sind unter dem Titel „Übungen im Fremdsein“ Essays und Reden erschienen, die zum Teil in der Zeit der Pandemie entstanden sind. Teil der Sammlung ist aber auch die Vorlesung „Der liebevolle Erzähler“, die zur Verleihung des Nobelpreises 2019 entstanden ist. In diesen Essays adressiere sie vor allem den Geist der Leser, sagt die Autorin.

Im Roman hingegen entfalte sich die Kraft der Narration. Der Roman mache es möglich, in neue Horizonte vorzudringen und den Leser in seiner ganzen Gefühls- und Vorstellungskraft zu erreichen. Um zu verstehen, wie Romanfiguren entstehen, schlägt Tokarczuk, die selbst Psychologie studiert hat, vor, unter dem Titel „Literaturpsychologie“ einen neuen Bereich der psychologischen Forschung zu entwickeln.

Die Imagination sei ein zentraler Weg, mit Menschen auf umfassende Weise zu kommunizieren. Der „Narrator“, sagt sie leicht augenzwinkernd, müsse dem Konzept von Freud („Ich“, „Es“ und „Über-Ich“) als Viertes hinzugefügt werden. Wenn man wie in der Aufklärung versuche, das spezifisch Menschliche zu erfassen, sei dies nicht die Tatsache, dass Menschen Denken oder Werkzeuge entwickeln könnten, sondern die Fähigkeit, über den eigenen Horizont hinausschauen zu können. Die Kraft der Narration sei spezifisch menschlich und seit der Aufklärung in ihrer Bedeutung noch nicht erkannt.

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