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Oleksij Tschupa: „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ – Weil die Schrecken nicht gestorben sind

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Von: Christian Thomas

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Auch diese Szene gehört schon zu Putins Krieg: Luftschutzkeller in der Arbeiterstadt Makijiwka im Donbass, August 2014.
Auch diese Szene gehört schon zu Putins Krieg: Luftschutzkeller in der Arbeiterstadt Makijiwka im Donbass, August 2014. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (5): Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“

Häufig ist es ein Hausen, dann ist es zum Grausen. Denn dafür ist Oleksij Tschupas Roman nun mal da, sobald die Tür aufgeht: dass es einen schaudert schon auf der Schwelle, dass man bestürzt reagiert – was daran liegt, dass ein bestürzend kunstfertiger Erzähler durch zwölf Wohnungen führt. Von wegen also abwenden, denn dann verpasste man auch zwei, drei anrührende Begegnungen, ein Aufbegehren, abgerungen einem beschädigten Leben, unerschrocken wiedergegeben, gelegentlich grimmig, häufiger grotesk, Tschupa hat’s nun mal drauf.

Das Haus ist Mitte der 2010er Jahre ein altes Haus, „ein Stalin-Bau“, die drei Wohnungen auf vier Etagen sind versehen mit schweren Metalltüren und einem Code, der nicht individuell eingestellt, sondern ein offenes Geheimnis ist. Ein Relikt aus Weltkriegszeiten, seitdem nie zugemauert ist der Luftschutzkeller. In den 1990ern, zu postsowjetischen Zeiten, war er ein Lost Place für Satanisten, 2014, mit dem Krieg Putins im Donbass, wurde er ein Zufluchtsort, für den Autor ebenso wie für seine Figuren. Es sind „echte Menschen“, zugleich fiktive Gestalten, was ihren Schöpfer, Oleksij Tschupa dazu veranlasste, von „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ zu sprechen. Wie bei jedem Märchen ist es so: Weil die Schrecken nicht gestorben sind, leben sie fort, die Untoten erst recht.

Oleksij Tschupa kam 1986 im ostukrainischen Makijiwka zur Welt, geografisch gesehen im Donbass, geostrategisch in der 2014 von Putin vergewaltigten „Volksrepublik Donezk“. Seitdem hat Tschupa mehrere Romane geschrieben, „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“ wurde vom Haymon Verlag entdeckt und 2019 Tschupas erste Veröffentlichung auf Deutsch.

Obwohl der Autor ein Könner ist oder weil er das ist, hat einer der gewichtigsten Autoren der Ukraine, der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Serhij Zhadan, dem Roman ein Vorwort gewidmet, um die „fantastischen Möglichkeiten“ zu würdigen, die Literatur habe. Die irrwitzigste Pointe, auch in der mitreißend vielschichtigen Übersetzung von Claudia Dathe, betrifft das Wort „Schlächter“, so zu lesen in großen Buchstaben an einem Lenin-Denkmal. Was eine Straßenkehrerin, die das Wort auf die Bildungsmisere der „Jugend heutzutage“ zurückführt, zu dem irrwitzigen Selbstgespräch veranlasst: „Erstens heißt es nicht ,Schlächter‘, sondern ,schlechter‘, und zweitens wieso eigentlich ,schlechter‘? Seit wann ist Lenin denn schlechter?“ Wer dies bloß als einen Kalauer Tschupas liest, überliest den Sarkasmus angesichts eklatant absurder Widersprüche.

Zur REihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen. Der Punkt hier: die eigenen vier Wände. Darin der Kompass eingestellt auf Exkursionen durch Geschichte und Geschichten.

Oleksij Tschupa: Märchen aus meinem Luftschutzkeller. Roman. A. d. Ukrain. v. Claudia Dathe. Haymon 2019. 210 Seiten, 19,90 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied (23. Juli), Serhii Plokhys „Die Frontlinie“ (30. Juli), Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (6. August) und Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“ (13. August).

Das sechste Buch wird „Tewe, der Milchmann und andere Erzählungen“ von Scholem Alejchem sein.

Sie überschlagen sich an einem Samstag in Makijiwka, in einer Arbeiterstadt des Donbass. Es ist ein unerträglich heißer Julitag, und dass es einer in einem Land unter einer „korrupten Sonne“ ist, wird in einer Geschichte gallig angemerkt, während die Polizei gleichzeitig an anderer Stelle dafür die Hand aufhält, dass sie einen im Hausflur Angeschossenen leidlich aus der Gewalt eines Asozialen befreit hat, ohne den Verbrecher festzunehmen, der sein Opfer, der für seine Bank Schulden eintreiben wollte, zuerst mit einem Schuss, anschließend mit einer Axt umbringen wollte.

Man übertreibt nicht, wenn man von einem Mikrokosmos der Gewalt spricht, in dem die Hausbewohner ihre Welt wahrnehmen. Eine hermetisch in sich verkapselte Welt durch die geschlossene Tür oder, ganz vorsichtig, durch den Spion. Ungeheuerliche Dinge, die im Haus vorgehen, auch unheimliche. Gespenstisch ist die Geschichte des Wehrmachtssoldaten Gerhard Frei aus Köln, der als Kriegsgefangener, verhört von einer Genossin der Roten Armee, angibt, im Jahr 1611 geboren worden zu sein. Umgebracht wurde der Untote in einem stalinistischen Lager, niedergemacht in eine Grube, die, nicht weiter beachtet, zum „Fundament des Hauses 166“ wurde. Die in solchen Fundamenten steckende Vergangenheit bringt Ungeheuer hervor. Ein entsetzliches Weiterleben steigt aus den Dielen auf, ein Widergänger, der sich über Kinder hermacht – dass man das Wort Horrorgeschichte parat hat, macht das Werwolfgeschehen nicht weniger fürchterlich.

Terroristen schmieden ein Komplott, wie behext von einer mafiotisch organisierten Machtübernahme im Donbass, geplant wie in einem lächerlich wirren Monopolyspiel. Ein Hausbewohner, der sich von den Rechtsextremisten der Berkut-Miliz hat anheuern lassen, um die Maidan-Demokraten zu terrorisieren, wird heimgesucht von Schuldgefühlen. Hat er, Bambi, eine brutale Marionette, womöglich eine Demonstrantin erschlagen? Von Alpträumen wie niedergestreckt, scheint Bambi an diesem Julisamstag geradezu ans Bett gefesselt.

Das Groteske bekommt eine abstruse, das Skurrile eine surreale Note, das Absurde eine magische, der Schrecken eine tragische. Wie soll man es nennen, ein multiperspektivisches Erzählen, ein turbulentes? „Die ukrainische Literatur“, heißt es an einer Stelle, „hat es mit einer diskriminierten, kaputten Umwelt zu tun und ähnelt einem erschöpften Pfleger, der sein Leben lang einen Psychopathen betreuen muss.“ Das mag ein ernst zu nehmendes Statement des Lyrikers Saschko sein, eines, das durch eine „feindlich gesinnte Umwelt“ bestätigt scheint. Oder wird das Schicksal Saschkos durch einen frappierenden Ausgang ironisch gebrochen? Zuvor hatte er vor enthemmten Jugendlichen damit geprahlt, dass eine Dichterexistenz eine Entscheidung auf Leben und Tod sei, worauf ihm auf einem wackeligen Untersatz eine Schlinge um den Hals gelegt wurde.

Klawa, eine Greisin, der soeben eine Nippesfigur zu Bruch gegangen ist, ihre Porzellantänzerin, ein Geschenk, wird von ihrem hinterhältigen Enkel schikaniert, so dass sie ihm dermaßen die Leviten liest, dass er es wohl nicht vergessen wird, lebenslänglich nicht. Sein Trauma? Die Bewohnerin einer anderen Wohnung lässt sich von einem Song verzaubern, so dass sie sich aus dem Haus wegträumt, von ihrer Insel der Unseligen hin auf das ferne Island. Zur gleichen Zeit verzagt der siebenjährige Wlad wegen des Streits seiner Eltern, denn er ahnt, dass sie sich trennen werden.

Wohin mit sich an diesem Juliwochenende, wenn es, wie für den Vater Wlads, an den Wochentagen „auf der Arbeit (…) keine Arbeit gab“? Und wenn die Trostlosigkeit in den Möbelstücken, in den Wänden steckt. Natürlich hätte man längst die Gelegenheit wahrnehmen, und das Haus einen sozialen Brennpunkt nennen müssen, unbedingt. Ebenso offensichtlich, dass Tschupa davon wie in einer traditionellen Tragödie erzählt, beinahe jedenfalls. Einheit des Ortes, Einheit der Zeit, ganz klassisch, allerdings eine berstend uneinheitliche Handlung in diesem Vorhof der Hölle. Darin gebeutelte Figuren, aber ungemein individuelle Stimmen. Aus dem realen Leben? Unbedingt ist es ein Personal, das am Ende im Luftschutzkeller des Hauses 166 sich zusammendrängt in einer Unterwelt, die Putin im August 2014 unter Beschuss nehmen ließ.

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