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Oksana Sabuschko: „Schwestern“ - Tummelplätze des Teufels

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Von: Christian Thomas

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Die sowjetische Mutter-Heimat-Statue in Kiew. Foto: A. Poddubny/Tass/afp
Die sowjetische Mutter-Heimat-Statue in Kiew. © AFP

In der kleinen Ukraine-Bibliothek, stellen wir heute in Teil 7 Oksana Sabuschkos „Schwestern“ vor.Ihre Ukraine liest sich als ein Land des unablässigen Unfriedens, selbstzerstörerisch schon seit Ewigkeiten und bis in jede Gegenwart.

Eine direkte Ansprache, „Du“, doch wer spricht? „Du hättest eine Schwester gehabt“, beginnt Oksana Sabuschko ihren Roman „Schwestern“, um wem eine Stimme zu geben, der Mutter, der Schwester? „Du hättest“, lautet der erste Satz, „eine Schwester gehabt, so vier, nein – fünf Jahre jünger.“ Worauf will die Stimme hinaus?

Auf ein persönliches Verhängnis, das politisch herbeigeführt wurde. Weshalb Oksana Sabuschko mit dem „Du“ zunächst der Schwester eine Stimme gibt, einem „Kaulquappenmädchen“, einer Kreatur, die die Angst kennt, in Bewegung gesetzt durch einen „furchtbaren Stoß, geräuschlos“. Das „Schwesterchen“ in seiner Höhle versucht auf die „Bedrohung mit so todbringender Intensität hin“ einen Ausweg zu finden, einen „heimeligen Unterschlupf“, nein, keinen verborgenen, keinen heimlichen, einen bewohnbaren, „heimeligen“.

Oksana Sabuschkos „Schwester, Schwester“, die erste von vier Erzählungen, aus denen ihr Roman „Schwestern“ besteht, gibt der Angst eine Stimme, einer tödlichen Angst, ausgelöst durch eine Wohnungsdurchsuchung, die Sabuschko, 1960 geboren als Ukrainerin, als Kind selbst erlebt hat, die Durchsuchung der elterlichen Wohnung durch den sowjetischen KGB, durch fremde Männer „unter einer grauen gesichtslosen Maske“, wie sich die Tochter nach 20 Jahren erinnert. Es sind Männer ohne Blick (was in diesen Tagen an den Mann ohne Blick denken lässt, über den Schlauberger schwadronieren, man müsse ihm einen „gesichtswahrenden“ Waffenstillstand anbieten).

Als ein „Kind der ‚Bloodlands‘“ hat sich Sabuschko bezeichnet, als eine Nachgeborene der von Hitler und Stalin verwüsteten Ukraine, worüber Sabuschko als Wissenschaftlerin und Lyrikerin, als Essayistin und Romanautorin spricht, am umfangreichsten und radikal 2009 in „Museum der vergessenen Geheimnisse“ (Fischer Taschenbuch, 760 S., 20 Euro) über eine von ihrer grauenvollen Geschichte getriebene Gesellschaft. Die Ukraine als eine „Spielwiese des Teufels“.

Daryna, Protagonistin in den beiden ersten Erzählungen, wird zur Gewissheit, dass die Schwester abgetrieben wurde. Legalisiert wird die Entscheidung mit „psychischen Faktoren“ – erklärt mit den Folgen der Razzia. Die Heimsuchung des Fötus, die Wohnungsdurchsuchung als gespiegelte Geschichte, „als wäre Natalja schwanger mit ihrer Angst gewesen und nicht mit einem menschlichen Wesen.“

Daryna, eine Frau mit diesem Namen ist bereits Protagonistin im „Museum der Geheimnisse“, durchlebt während der 1960er Jahre eine weiterhin vom Schrecken der Vergangenheit heimgesuchte Kindheit. Stalinistische Kriegerdenkmäler im öffentlichen Raum, an den Fingern des „Tschekisten-Opas“ Tintenkleckse eines Schreibtischtäters. Und in der Schule Rymotschka Brawerman, der die Klasse durch „Itzig, Itzig“ mit antisemitischen Niederträchtigkeiten hinterher ist. Die Erzählungen sind geprägt von Erinnerungen, darunter an die erste Liebe mit Lena, dem „Rehkitz“, so genannt wegen ihrer „lang ausgestreckten Läufe“, die in der Zeit der ausgebeulten und „rutschenden Strumpfhosen“ in smarten „Nylonstrumpfhosen“ steckten. Mit Lena werden „stetig zunehmende Zärtlichkeiten“ ausgelebt, in ihr wird wegen der „gestohlenen Schwesternschaft als Einzelkind ihrer Eltern“ die Schwester gesucht, womit die zweite, nur scheinbar in sich abgeschlossene Erzählung an die erste anknüpft.

Es kommt zu ersten Missverständnissen, ersten Kränkungen, schließlich dem Verrat, einem gehässigen Racheakt vor der ganzen Klasse. Jahrzehnte später wird auf einem Klassentreffen über die körperlichen Veränderungen der abwesenden Lena hergezogen, zudem ebenso hemmungslos den ihr nachgesagten psychischen Problemen eine Ferndiagnose gestellt von einem „Möchtegern-Psychiater, mit dem sich Daryna schließlich in einer „bulldoggenhaften Umarmung“ im Bett wiederfindet.

Unter fortwährend wechselnden Perspektiven, die Erzählung vielstimmig, das Erzählte gebrochen, liest sich Sabuschkos Ukraine als ein Land des unablässigen Unfriedens, selbstzerstörerisch schon seit Ewigkeiten und bis in jede Gegenwart, ob nun die seit 2004, die sowjetische oder aber die zaristische wie in der dritten Geschichte „Die Schneeballflöte“. Ein ukrainisches Volksmärchen aufgreifend, entführt die Erzählung in eine Welt des Aberglaubens und der Gerüchte. In „dümmliche Missgunst“, Neid und Eifersucht hineingeboren zwei „Schwesterherzen“, die sich als Kinder nicht ausstehen können, die sich als Heranwachsende argwöhnisch nachspüren. Selbst von „schrecklich-verführerischer Schönheit“ muss die mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestatte Hanna zusehen, wie die Schwester ihr den Bräutigam ausspannt – und wie ebenfalls in schaurigen Welten spielen böse Fetische eine Rolle, kündigen Beerensammeln und das blitzende Messer im Korb eine Untat an, zu der es kommt, zwangsläufig, auf einer Lichtung. Hineingestreut ins Fatum wie funkelnde Fährten auch einige esoterisch aufgemotzte Szenen; zu einer magisch aufgeladenen, synästhetischen Ausschweifung wird die Entjungferung. Wie schon in dem Märchen „Die Schnellballflöte“ handelt es sich um die Variante der Legende von Kain und Abel, hier der Figur Hanna auf den Leib geschrieben, so dass sie als ein „Rachengel“ auftritt, auch für Kain, weil die Zurückgestoßene die Legende so liest, dass Gott ihn gegenüber dem Bruder Abel benachteiligte.

Die Erzählerinnensprache, in diesem Fall angesteckt von einem Sprechen aus älteren Zeiten, infiziert auch aber von gegenwärtigem Jargon, versteht Alexander Kratochvil gleichermaßen trefflich hörbar zu machen. Dass die Erzählung „Ich – Milena“ – über weite Strecken – nicht aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass die vertrauten Perspektiven prekäre Gewissheiten bieten. Ausgestattet mit einer ungewöhnlich reizvollen Stimme, setzt die ehemalige Nachrichtensprecherin ihre Fernsehlaufbahn als Gesprächspartnerin auf einem Tummelplatz des Trashs fort, wo sie „üblicherweise die pikantesten Bettgeschichten aus ihren Heldinnen“ herauslockt. Ein Unheil bahnt sich an, Sabuschko spielt mit Erwartungen wie in einer Lostrommel, in der es keine Nieten gibt, nur Überraschungslose, schreckliche allerdings. Der von der Domina hervorgelockte Exhibitionismus gebiert Ungeheuer.

Während sie sich die Videowiederholung ihrer Sendung noch einmal anschaut, spaltet sich ihr Ich auf. Ist sie, vor dem Bildschirm, die Person auf dem Bildschirm? Was nicht die letzte Volte ist, gerät sie doch in einen fürwahr schauerlichen Film, der nach der „inneren Fernsehlogik“ abläuft – soweit die Erklärung für Milenas Horrortrip durch die TV-Anstalt, die zu einem Wahngebäude wird, ohne dass das Wort Schizophrenie fiele.

Wer ist ich, wer du? Wer spricht, war die Frage, anfangs, die sich auch abschließend, auf der letzten Seite stellt. Die Stimmen gelten einem Dasein, das sich in diesen Geschichten als eine sich gegen Frauen verschwörende Intrige liest. Dagegen erheben die Stimmen der „Schwestern“ Widerspruch. Es geschieht aus „weiblichem Eigensinn“. So sagt es eine Alte in einer Erzählung, derjenigen aus uralten Zeiten, in der es noch nicht, wie später dann, um zeitgemäße Selbstoptimierung geht, aber um unvermeidliche Selbstbehauptung.

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