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Ohren voll Abendrot

  • VonMichael Braun
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Eine große Hoffnungsträgerin: Marion Poschmann schreibt die zartesten Naturgedichte

Die Verheißungen der traditionellen Naturlyrik transportieren in unserer Spät-Moderne keine Glücksversprechen mehr. Das Basisvokabular des Naturgedichts ist mittlerweile derart von Ambivalenzen durchkreuzt und von Negativität dekonstruiert worden, dass sich daraus kaum noch ein Glücksraum der Idylle bauen lässt.

Die 1969 geborene Dichterin Marion Poschmann, eine der größten Hoffnungsträgerinnen der jungen Lyrik, weiß um diese Selbstzweifel und strukturellen Aporien der Naturpoesie. Wenn sie nun in ihrem zweiten Gedichtband Grund zu Schafen unter den fünf Rubriken "Oden nach der Natur", "Et in Arcadia Ego", "Idyllen", "Waldinneres" und "Wiese sein" die Traditionsbestände der Naturlyrik aufruft, dann unter dem Aspekt einer zeitgemäßen Rekonstruktion des Naturgedichts. Zeitgemäß meint hier nicht nur die variationsreiche Auslotung formaler Möglichkeiten, sondern auch die Neuakzentuierung bewährter Motive aus der Literaturhistorie.

So demonstriert Poschmann im ersten Teil ihres Bandes, wie ein Naturgedicht in klassischer Odenstrophe unter modernen Erkenntnisbedingungen aussehen könnte. Hier werden nämlich die einzelnen Verse und Motive in fluktuierende Beziehungen zueinander gebracht, in Schwebezustände, in denen technische, profanierende Details den alten Gestus der Verschmelzung von Subjekt und Natur verhindern.

Schon das erste Gedicht dieser Abteilung, das von der strengen Kartographierung eines "kleinen Rasenstücks" handelt, beginnt mit einer kalkulierten Abweichung von einer ehrwürdigen Grundvokabel der Naturpoesie. Das "Gras" wird in Zusammenhang mit einem numerischen Wert gebracht, mit der Welt der Vermessungen und Kalkulationen: "100g Gras, wie Licht, das sich bewegte".

Mit einer strengen Geometrisierung von Natur und Landschaft haben wir es auch im folgenden zu tun, wenn im Kapitel "Et in Arcadia ego" der Kontext antiker Hirtendichtung aufgerufen wird. Auch hier wird die kühle Distanz spürbar, aus der heraus Landschaft vermessen wird, wobei Bildimpulse der modernen Malerei (etwa von Cy Twombly) eine große Rolle spielen.

Zwischen Kausalität und Kreatur

Auch das Titelgedicht des Bandes, das einige Rätsel aufgibt, markiert programmatisch eine Abweichung von einem identifikatorischen Naturverhältnis: "Grund zu Schafen" - das signalisiert den Zusammenprall von Kausalität und Kreatur, das stellt seltsamerweise ein Tier in Begründungszusammenhänge. Und dieser "Grund" ist wohl nicht nur der agrarische, auf dem das Schaf weidet, sondern auch ein metaphysischer. Das friedliche "Schaf" aus der antiken Hirtendichtung ist in zwei weiteren Gedichten mutiert zu einem vielfältig schimmernden Geschöpf von intensiven Farbwerten, ein Sprach-Wesen, auf surreale Weise legiert aus unterschiedlichsten Materialien: Da begegnet man den "Schafen aus Wachs" oder den "Schafen, geföhnt" mit "Ohren voll Abendrot".

Wie hier, so wird auch in den übrigen Abteilungen des Bandes der einfühlend-romantisierende Zugriff auf Naturdinge bewusst vermieden. Im Fortgang des Bandes wird der Begriff von Landschaft immer extensiver ausgelegt: Es kommen Industrielandschaften in den Blick, bis hin zum "Unter-Tagewasser" der Ruhrgebiets-Zechen oder den "Depots der Geschichte" in der ehemaligen "Stalinstadt" Kloppitz.

Es ist die Kunst der Marion Poschmann, die aus ihren syntaktischen Verankerungen gelockerten Wörter immer wieder in suggestiven Fügungen und in überraschenden Bild-Kombinationen um einen semantischen Kern zu ordnen, so dass scheinbar vertraute Dinge in neuem, nie gesehenem Licht aufstrahlen. Ob das nun ein "kleines Rasenstück" ist, ein "deutscher Nadelbaum" oder ein unscheinbarer "Siefmütterchenhain" - man sieht die Naturphänomene plötzlich mit anderen Augen. Der skeptisch-kühle Blick auf die Dinge, der immer auch den Modus der eigenen Wahrnehmung überprüft, lässt die Naturfrömmigkeit der romantischen Tradition hinter sich.

Immer wieder werden die vertrauten Kräfteverhältnisse zwischen Ich und Natur ins Wanken gebracht - durch Vertauschungen und Anthropomorphisierungen. Die "Märchenwälder" kehren - entgegen der Behauptung eines Gedichttitels - nicht mehr zurück. Denn die Natur bleibt das Fremde und ganz Andere des Ich, und dieses Fremde hat etwas Bedrohliches: "Gras überwog uns schon - wuchs Gras darüber, / hob sich, senkte sich, wimmelnd, flimmernd, Gras, so / haltlos wurzelnd über dem hellen Abgrund / unserer Hirne."

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