Die Ohnmacht teilen

Holocaust-Opfer erinnern sich

Von DAGMAR PÖPPING

Während in Deutschland das moralische Interesse am Holocaust spürbar nachlässt, haben die überlebenden Opfer oft erst in jüngerer Zeit damit begonnen, sich offensiv mit dem Tätervolk auseinander zu setzen. Grund dafür ist die traumatische Qualität ihrer Erlebnisse. Die Erinnerungen an die erfahrenen Grausamkeiten mussten lange verdrängt werden, damit ein neues Leben überhaupt möglich wurde.

Diese Erinnerungen sind wirklicher als jede Wirklichkeit, die nach Auschwitz kam. "Eingebrannt" in Körper und Seele geben sie - einmal geweckt - keine Ruhe mehr. So schildert es Saul Oren-Hornfeld in seinem Erinnerungsbuch Wie brennend Feuer. Sein Buch steht am Anfang einer neuen Reihe mit dem Titel "ÜberLebenszeugnisse". Mit dieser Reihe stellt die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten die literarisch wertvollsten Dokumente aus dem großen Fundus von Erinnerungsliteratur der Überlebenden der Konzentrationslager in Ravensbrück und Sachsenhausen vor.

Oren-Hornfeld beginnt mit der märchenhaft anmutenden Idylle seiner religiös geprägten Kindheit im Schtetl des oberschlesischen Jaworzno. Die Idylle endete schnell, als 1939 die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte. Die polnischen Juden verloren ihre bürgerlichen Rechte, ihr Eigentum und ihren Beruf. Es folgten die bekannten Stationen von Flucht, Ghetto und Deportation. Für die unfasslichen Vorgänge in Auschwitz findet Oren-Hornfeld religiöse Bilder. Er deutet Auschwitz als einzigartiges, symbolisches Geschehen. Die Shoah ist für ihn das schlechthin und zeitlos Böse.

Er selbst hatte "Glück". Ein deutscher Arzt selektierte ihn an der Rampe und rettete ihn so davor, sofort vergast zu werden. Er gelangte nach Sachsenhausen, wo derselbe Arzt (der Hepatitisforscher Arnold Dohmen) ihn zu medizinischen Versuchen missbrauchte. Bemerkenswert: Dohmen gehörte nicht zur SS, sondern trug die Uniform der Wehrmacht - ein Umstand, der seinen Opfern zu Unrecht Vertrauen einflößte. Sein Treiben blieb indes ungesühnt. Nach dem Krieg konnte sich Dohmen auf die Solidarität der bundesrepublikanischen Gesellschaft verlassen. Vor Gericht redete er sich - wie allgemein üblich - heraus, verwies auf die Verantwortung der SS.

Autorin des zweiten Bandes Gesegnet sei die Phantasie - verflucht sei sie ist Batsheva Dagan. Im Alter von 18 Jahren wurde sie nach Auschwitz deportiert, bevor sie in ein Außenlager von Ravensbrück kam. Dagan ist in Israel als Autorin von Kinderbüchern über den Holocaust bekannt und hat Gedichte von Mithäftlingen auswendig gelernt und ihre eigenen Erlebnisse dichterisch beschrieben. Während für Oren-Hornfeld die Religion zur existenziellen Stütze im Überlebenskampf wurde, ist es für Dagan die Poesie. In einfacher Sprache schildert sie Szenen vollständiger körperlicher Erniedrigung. Dabei befreit sie sich von der qualvollen, lebenslangen Scham, spricht auch von Exkrementen, Gestank und Menstruation.

Zugleich sind ihre Gedichte eine Hommage an die tröstende Kraft der Imagination, an die Fähigkeit des Menschen zum Glück, die auch in Auschwitz nicht immer gebrochen wurde.

Als Primo Levi Anfang der sechziger Jahre seine Erinnerungen an Auschwitz in Deutschland veröffentlichte, hoffte er noch, durch die Resonanz die Deutschen besser verstehen zu können. Davon ist bei Dagan und Oren-Hornfeld nicht mehr die Rede. Zu viele Rechnungen sind offen geblieben. In beiden Büchern ist ein unabgegoltenes Verlangen nach Verurteilung und Bestrafung der Peiniger zu spüren, weil dies in Deutschland versäumt wurde. Den Autoren geht es darum, die eigene Ohnmacht und Last mit dem Leser zu teilen - im Namen einer besseren Zukunft. Der Leser soll nach einem Wort Paul Celans zum "Zeugen des Zeugen" werden.

Dies ist ihnen eindrücklich gelungen. Beachtenswert ist auch der dritte Band der ÜberLebenszeugnisse, der im Frühjahr erscheinen soll. Darin dokumentiert Leon Szalet mit tagebuchartiger Genauigkeit den Übergang von der nationalsozialistischen Ausgrenzung und Vertreibung der Juden hin zu ihrer Vernichtung.

Die Bücher

Saul Oren-Hornfeld: Wie brennend Feuer. Ein Opfer medizinischer Experimente im Konzentrationslager Sachsenhausen erzählt. Metropol Verlag, Berlin 2005, 239 Seiten, 17 Euro.

Batsheva Dagan:Gesegnet sei die Phantasie - verflucht sei sie! Erinnerungen von "Dort". Aus dem Hebräischen von Yona Avni. Illustrationen von Yaakov Gutermann. Nachwort von Constanze Jaiser. Metropol Verlag, Berlin 2005, 120 Seiten, 16 Euro.

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