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Die Ohnmacht des Schöpfers

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Von: Christian Thomas

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Stets nahe an den wild pochenden Herzen: Clarice Lispector.
Stets nahe an den wild pochenden Herzen: Clarice Lispector. © Paulo Gurgel Valentec/schöffling & co.

Clarice Lispectors grandioser Kurzroman „Der große Augenblick“ ist bestürzend, böse und herzbewegend.

Auch wenn es sich der Erzähler ausdrücklich vornimmt, es nicht zu kompliziert zu machen, angefangen mit dem Anfang, so geschieht genau das, angefangen mit dem Anfang. Beschwört doch der Erzähler gleich zu Beginn nichts weniger als die „Vorgeschichte“ seiner Geschichte – eben den Beginn der Welt, den des Universums. Um, nach einem Kurztrip durch Raum und Zeit, das Bekenntnis zu einer „unverblümten“ Geschichte abzuliefern, einer mit „etwa sieben Figuren“, einer Erzählung obendrein, mit der nicht etwa „auf modern“ gemacht werden soll.

Da hat Clarice Lispector allerdings auf den ersten (vier) Seiten ihres Kurzromans nichts anderes als genau das getan, und sie tat es in ihrem letzten Werk spielerisch und sarkastisch, verzweifelt und verwegen. Selbstquälerisch brachte sie die Nöte eines Ich-Erzählers zu Sprache, höhnte dabei über die Grenzen des Erzählens, stellte ironisch die Hauptfigur ihres Erzählers vor, eine junge Frau aus dem Norden Brasiliens, eine armselige Erscheinung (äußerlich und innerlich), eine, die nichts hat. Über deren Leben sich der Erzähler, ein gewisser Rodrigo S.M., nicht nur einen kühlen Bericht wünscht, sondern „mehr als eine Fiktion“. Denn es soll um das Leben gehen, nichts weniger als das „urwüchsige Leben“.

Das, gewiss, ist ein kühnes Vorhaben. Es ist das größenwahnsinnige Anliegen eines mal enorm zerknirschten, mal hybriden Autors, über das die im Laufe ihrer Schriftstellerlaufbahn immer wieder zutiefst verunsicherte, dann wieder pompös hochgemute Clarice Lispector eine wahrhaft hybride Geschichte erzählt. „Nahe dem wilden Herzen“, so lautete 1943 das Debüt der 23-Jährigen – wild pochte auch das Herz der Autorin noch einmal kurz vor ihrem Tod, 1977, verwickelt in eine einmal mehr hochkomplizierte Beziehung, hier zu dem unscheinbaren Mädchen Macabéa.

Wie das erzählt wird, anfangs höchst umständlich, sperrig, auf der Suche nach einem Anfang, einen solchen immer wieder verfehlend, findet sich die Unansehnliche und Unterernährte, eine schlecht ausgebildete Schreibkraft, vor einem verzerrenden Spiel wieder. Der Spiegel, der im Roman auf Seite 29 aufgehängt wird, ist ein nicht nur entstellender Spiegel. Zugleich ist er ein realistischer Spiegel, nicht nur ein böser Märchenspiegel, in einer bösen Gegend, einer Hafengegend von Rio de Janeiro, aus der es kein Entrinnen gibt.

Wie sie als Schreibkraft ausgenutzt wird, ist beschämend. Wie ein Mann, mit dem sie einige Tage geht, sie demütigt – erschütternd. Wie sie dem Kulturradioprogramm, von dem sie so gut wie nichts versteht, lauscht – berührend. Wie sie einmal in dem Zimmer, das sie sich mit vier Frauen teilen muss, tanzt – bewegend. Wie sie dem Liebhaber von dem Lied „Una furtviva lagrima“ erzählt, gesungen von einem gewissen Caruso – herzbewegend. Sie findet kein Wort, wie auch, weiß nichts von Donizetti, aber der Leser ahnt: „Die verstohlene Träne“, das ist in diesem Moment Macabéa.

Die armselig Unansehnliche gerät an einen abscheulichen Kerl, der Fleischer werden will. Sein unglaublich großspuriger Name ist so lächerlich, dass er hier nicht wiederholt werden soll. Sie erscheint dem Abgefeimten als ein „Abfallprodukt“. Die Verlorene und Verdammte gerät mit ihrem „verschrumpelten Körper“ an einen abgefeimten Armenarzt. Sie gerät an eine abgefeimte Wahrsagerin, die „ein Fan“ von Jesus ist. Aufs Geratewohl gelingt ihr/hier nichts. Der Jesus-Fan verheißt ihr einen blonden Ausländer, der ihr einen Pelzmantel versprechen wird. Ein Pelzmantel in der Hitze Rios?

Der Text zeigt die große Geheimnisvolle des lateinamerikanischen Romans, die Anfang der 1920er Jahre den Pogromen in der Ukraine entkommene Clarice Lispector von ihrer naheliegenden Seite – geheimnisvoll, nicht zu fassen, schillernd. Natürlich ist es der Text, hinter dem die Autorin durchscheint, eine schwankende Erscheinung, angefangen damit, dass Lispector ihren Bericht, für den sie dreizehn (!) Untertitel auflistet, einem durchaus zwielichtigen Autor zuschreibt, der behauptet, eine Autorin sei dem Thema nicht gewachsen. Kapriziös ist die Koketterie, und nicht nur sie, auch die Komik des Textes, denn bei allem Mitleid für ein beschädigtes Leben, trotz aller Herzensbildung mischt sich in den Bericht ein immer wieder sarkastischer Ton.

Macabéa, wie die „Kleine“ heißt, muss sich sagen lassen, dass ihr Name wie eine Hautkrankheit klinge. Sie wird herumgestoßen, versteht die Welt nicht, herumgestoßen stolpert sie durch ihre Geschichte, und das Bestürzende daran ist, dass der Schöpfer dieser Geschichte daran nicht unschuldig ist, zugleich aber machtlos ist: „Ich schwöre, ich kann für die junge Frau nichts tun.“ Der Romanautor, Herr über Leben und Tod, ist ein ohnmächtiger Schöpfer.

Das ist die verzweifelte Einsicht eines melodramatischen, koketten, so anmaßenden wie machtlosen Erzählers – der wiederum an einer anderen Stelle, als er (seine) Macabéa zur Hellseherin schickt, gegen seine eigene Geschichte aufbegehrt: „Ich bin der Literatur restlos müde“.

Die Wahrsagerei war eine Leidenschaft auch der kapriziösen Clarice Lispector, sie erschien ihr Geheimnis und Erlösung (als ließe sich hier das eine Wort, das Zauberwort finden, das die Welt entschlüsselt?). Man könnte auch in dieser Richtung in die Geschichte hineingeheimnissen, in Clarice Lispectors literarisches Vermächtnis, auf der „Suche nach dem Wort im Dunkeln“, wie es an einer Stelle heißt.

Als „Kleine“, als „Ding“ geht die Jungfrau Macabéa durch ihre Geschichte – als Heilige auch? Auf jeden Fall ist der Kurzroman eines „kümmerlichen Dahinlebens“ so etwas wie eine Passionsgeschichte, und so gnadenreich gelegentlich die Zuwendung des Erzählers, so gnadenlos zugleich dessen Urteil: Die einen haben, und die anderen haben eben nicht. Der Reichtum ist ungemein ungerecht verteilt.

Groß ist in jeder Beziehung der Reichtum des kleinen Romans, ungeheuerlich sein böser Witz und seine wilde Empathie, seine abgefeimte Gleichgültigkeit, seine raunende Klage und seine schneidende Lakonie. Auch ist er ein erotischer Seufzer. Oder doch eher eine erhabene Klage?

Woran ist der Leser dran? Auf jeden Fall hat er es mit einem postmodernen Spiel zu tun. Ihm, dem Spiel, erliegt die Romanschöpfung, und dem Elend erliegt Macabéa. „Zukunftsschwanger“ verlässt die Jungfrau die Wahrsagerin. Sie will wohl Gutes glauben, doch kaum auf der Straße, wird sie von einem Mercedes überfahren. Der ohnmächtige Schöpfer als präpotente Instanz, die ihre Figur sterben lässt.

Macabéa geht (ging) von Anfang an auf den Tod zu, denn für Clarices Lispectors Kreatur gilt: keine Chance. Und plötzlich ahnt man: Deshalb diese so ungemein umständliche, weit ausholende, verstiegene Suche nach einem Romananfang. Wie das Ende abwenden, wenn nicht durch den Anfang? Kurz vor Romanschluss der Satz: „Der Tod ist eine Begegnung mit sich.“ Kann man das Unausweichliche lapidarer ausdrücken? Krass die Einsicht, krass auch der Anblick: „Im Liegen, tot, war sie so groß wie ein totes Pferd.“

In dieser Geschichte ist die Zeit abgelaufen, in der das Wünschen noch geholfen hat. Auch der Schöpfer der Schreibkraft muss einsehen: kein Entkommen. Es gehört zu den Capricen der Clarice Lispector, dass sie mit dem Kurzroman der Moderne eine Art Märchen hat vermachen wollen, das sie mit den Mitteln des modernen Romans entzaubert hat.

In der Sprunghaftigkeit der Geschichte zerspringt nicht nur das homogene Erzählen, sondern das Leben selbst. Beides bleibt ohne Struktur, nicht nur das Erzählte Fragment. Clarice Lispector machte daraus eine Kostbarkeit: schillernd, schrecklich, schön.

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