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Ohne Skelett

Frauen, die keiner will: Steve Martins "Shopgirl"

Von Elisa Peppel

Wenn ein berühmter Hollywood-Komiker, der mit Filmen wie Roxanne, Vater der Braut oder L.A. Story bekannt geworden ist, ein Buch schreibt, einen "Roman" zumal, ist die Erwartungshaltung des Lesers klar: ein komisches Buch wird es sein, eine Verwechslungskomödie vielleicht, eine romantische Komödie oder eine Satire auf die Glamourwelt Hollywoods. Steve Martins erster Roman enthält all diese Elemente und scheint dennoch, den Erwartungen zum Trotz, einen Wechsel ins ernste Fach anzustreben.

Das Shopgirl ist die hübsche, aber unscheinbare Endzwanzigerin Mirabelle Buttersfield, die in einem Nobel-Kaufhaus in Los Angeles Handschuhe verkauft - eine Ware, die heutzutage genauso bedeutungslos ist wie Mirabelles Leben sich anfühlt. Eine Ware, "die niemand will, außer vielleicht Frauen, die auch niemand will." Zu ihnen zählt sich Mirabelle. Ihr Leben ist leer, einsam und ohne Liebe. Gegen die Depressionen nimmt sie Tabletten und malt nachts am Küchentisch düstere Bilder. Gegen die Einsamkeit versucht sie es mit Jeremy. Er ist der einzige, der sich sporadisch für sie interessiert; ein antriebsarmer, ein erfolg- und leidenschaftsloser junger Mann mit dem Charme eines Holzfällers. Doch er erscheint Mirabelle allein durch sein Interesse an ihr reizvoll genug, um mit ihm eine kurze, wenig erfüllende Affäre zu beginnen. Bis eines Tages Ray Porter in ihrem Leben beziehungsweise vor ihrer Glasvitrine auftaucht.

Er ist charmant, reich, geschieden und fast doppelt so alt wie Mirabelle. Er ist es, der das Aschenputtel Mirabelle aus seiner Lethargie reißt und ihm etwas vom verlorenen Selbstwertgefühl zurückgibt. Er führt sie aus, macht ihr Geschenke, er behandelt sie gut - und doch steht diese Liebe auf wackligen Beinen. Für Ray Porter ist Mirabelle nur eine Zwischenstation, während ihr eine gemeinsame Zukunft vorschwebt. Die Trennung ist unvermeidlich, doch bringt dadurch nicht nur Mirabelle am Ende die Kraft auf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, auch Ray Porter wird einiges dazu gelernt haben. Schließlich gibt es sogar noch ein Happy End mit einem unverhofft erwachsen gewordenen Jeremy.

Steve Martin hat mit Shopgirl ein modernes Großstadtmärchen geschrieben, inklusive böser Stiefschwester (die Kosmetik-Verkäuferin Lisa), einem reichen Prinz und einem Froschkönig, der mehrmals geküsst werden muss, bevor aus ihm ein brauchbarer Geliebter wird. Aus diesem Plot ließe sich leicht eine romantische Komödie machen, eine zweite Roxanne vielleicht. Wie zu lesen war, hat Martin das Drehbuch auch bereits verkauft (er selbst wird im Shopgirl-Film die männliche Hauptrolle spielen). Und tatsächlich legt die Lektüre des Textes nahe, dass Martin eine filmische Zweitverwertung schon beim Schreiben im Sinn hatte. Immer wieder bricht sich vom Rand der Geschichte her der Komiker im ihm Bahn.

Mit spitzbübischem Grinsen flicht er charakteristische Elemente seiner Filme in die Romanhandlung ein: ein bisschen Satire, ein bisschen Verwechslung und viel Komödie. Mit seinen Hauptfiguren allerdings ist es ihm ernst, sie gibt er nicht der Lächerlichkeit preis. Mit großer Behutsamkeit beschreibt Steve Martin ein scheinbar unbedeutendes Leben abseits großer Erfolgsgeschichten. Wie es der kleinen Handschuhverkäuferin Mirabelle trotzdem gelingt, ihr freudloses Leben in ein beinahe glückliches zu verwandeln, davon erzählt Shopgirl auf sympathische Weise.

Shopgirl ist Steve Martins zweites Buch - mit einem Sammelband seiner Kolumnen aus dem New Yorker und der New York Times (Pure Drivel, dt. "Blanker Unsinn") landete er schon vor einigen Jahren einen Bestseller in den Vereinigten Staaten. Martins Spezialität sind die kleinen Stücke - Alltagsbeobachtungen, die er auf die Spitze treibt und garniert mit einem Humor, der die menschlichen Schwächen thematisiert, ohne sich über sie zu erheben. Das Lachen bei Martin ist fast immer Sympathiebekundung. Auch seinen Roman zeichnen diese Qualitäten aus und trotzdem ist er, ob gewollt oder ungewollt, mehr Drehbuch als Literatur geworden.

Verantwortlich für diesen Eindruck ist vor allem der knappe, deskriptive Stil Martins. Das 190 Seiten kurze Prosa-Werk ist im Präsens geschrieben und in schlagwortartig übertitelte Kapitel gegliedert ("Jeremy", "Die Verabredung", "Geschlechtsverkehr" und so weiter und so fort), die man auch Einstellungen nennen könnte. Statt Bilder im Kopf des Lesers zu evozieren, skizziert Martin an vielen Stellen seine eigenen - filmischen - Bilder, etwa wenn er Mirabelles Reaktion auf einen verletzende Nachricht so beschreibt: "Sie erhebt sich und taumelt wie eine Betrunkene den Flur entlang, ihren Pullover hinter sich herschleifend." Auf atmosphärische Details verzichtet Martin größtenteils - wohl im Vertrauen darauf, dass die Kinobilder später diese Funktion übernehmen werden.

Einstweilen genügt ihm die Regieanweisung: "Sie sind entspannt, steuern nicht auf dem kürzesten Weg zum eigentlichen Akt, legen Pausen ein? Es wird intensiver, ebbt dann wieder ab, erhitzt sich erneut." Viele Verhältnisse bleiben bei Martin derart im Stadium der Andeutung stecken - Mirabelles problematische Beziehung zu ihrer Familie (samt Vietnam-Vergangenheitsbewältigung des Vaters) genauso wie Rays neue große Liebe, die in zwei Sätzen auflebt und wieder stirbt, im dritten und vierten Satz Leiden und Läuterung bewirkt. Auch Martins Frauenbilder sind, freundlich gesagt, etwas konventionell: Superweib, treusorgende Hausfrau und Gattin, asexuelle Geschäftsfrau, knopfäugige Unschuld.

Trotzdem verzeiht man Steve Martin, weil in Shopgirl auch so schöne Sentenzen stehen wie die von Jeremy, der "so schlaff neben der Tür (steht), als hätte er sein Skelett zu Hause vergessen". Auch eine kurz aufleuchtende Seelenverwandtschaft zwischen ihm und seinem Antipoden Ray Porter ist schön beschrieben. Beide stehen gleichzeitig in ihren Küchen, essen aus Papiertüten und zappen sich hektisch durch das Fernsehprogramm, "nur steht der eine in der Küche eines Hauses, das zwei Millionen Dollar gekostet hat und auf die Stadt herabsieht, und der andere in einem Ein-Zimmer-Appartment, auf das die Stadt herabsieht." Diese Szene wird einmal ein schönes Kinobild geben.

"Je weniger ich Bescheid weiß über das, was ich gerade tue, desto besser bin ich", wird Steve Martin im Klappentext zitiert. Mit Shopgirl hat er etwas getan, über das er sehr gut Bescheid weiß: das Drehbuch-Schreiben.

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