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Mit und ohne Plan

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Mensch zwischen Büchern. Das täuscht aber. Bücher zwischen Menschen trifft es eher.
Mensch zwischen Büchern. Das täuscht aber. Bücher zwischen Menschen trifft es eher. © dpa

Unterwegs auf der Buchmesse. Heute und morgen für alle.

Richtung Westen. Morgens verhalten sich Frankfurter ÖPNV-Nutzer in vollgestopfter U-Bahn ausgezeichnet. Große Menschen biegen sich elastisch in die Deckenwölbung. Kleine Menschen schlängeln sich geschickt zur Wagenmitte durch. Das Buchmessenpublikum passt sich fit an. Auch trägt es gleichfalls Anthrazit, aber mit bunteren Strumpfhosen und Vintage-Riesenhandtaschen.

Geradeaus, dann rechts. Die Frau, die die Tür zum finnischen Forum, Präsentationsfläche des Ehrengastes, aufhält, sagt danke. Das ist vielleicht ein Missverständnis, aber tatsächlich erläutert in diesen Minuten Roman Schatz, Autor des Buches „Gebrauchsanweisung für Finnland“, dass es auf Finnisch kein Wort für „bitte“ gebe. Es sei üblich und doch auch höflicher, wenn sich stets beide Seiten bedankten. Finnland ist also höflich und fair, cool allerdings auch. Hier im Süden, wo der Mensch weniger cool ist, sind bereits Freundschaften über der Frage zerbrochen, ob dieses Motto – Finnland.cool – nun peinlich oder charmant ist.

Im Kreis herum. Die Forumshalle ist jedenfalls cool. Auf gigantische schneeweiße runde Raumteiler – oder Kreise-vom-Raum-Trenner – sind Ornamente projiziert, die Eiskristalle aus dem Land der Riesen zeigen (oder aus Zwergensicht). Cool auch die spiegelnd weiße Bodenfläche, die nach einem Tag bereits nicht mehr ganz so schneeweiß ist. Innerhalb der Kreis-Abtrenner ist es aber behaglich. Das finnische Spielzeug ist insgesamt so, dass man sofort einen Laden damit aufmachen könnte. Zum nicht unumstrittenen Messekaffee gibt es Zimtteilchen. Man sitzt dazu an einem langen weißen Tisch auf angenehm uncoolen Höckerchen und begreift langsam, dass man aber nun das finnische Wort für Danke nie mehr vergessen wird. Roman Schatz hat es uns beigebracht: „Moskitos“ ohne „Mos“.

Rechts, ewig geradeaus, rechts, rechts. Auf den Laufbändern beweist das Buchmessenpublikum auf einmal nicht mehr die Disziplin, die es vorhin im Zug noch hatte. Auch gibt man sich babylonisch. Weil alle quasseln, kommt keiner mehr vorbei. So weit die analoge Gegenwart. Was die digitale Zukunft betrifft, zeigen sich vernünftige Verlagsfrauen gelassen. Sie bloggen oder lassen bloggen, sie pirschen sich durch die sozialen Netzwerke oder stellen Personal dafür ein. Einer nichtrepräsentativen Umfrage zufolge ist tendenziell zweiteres der Fall. „Nicht den Anschluss verlieren“, ist die intrinsisch motivierte, aber logisch verfolgte Devise. Interessant für jemanden, der bei einer Zeitung arbeitet (oder eine Zeitung liest oder eine Beschäftigung sucht): Im Netz, erzählen die vernünftigen Verlagsfrauen, werde inzwischen viel Genreliteratur rezensiert, während es kaum Online-Angebote zu seriösen Titeln gebe. Was da kursiert, seien Zeitungsartikel. Die Zweiteilung, schon lange prognostiziert, ist Alltag geworden. Eine Selbstverlegerin erzählt: „Ich würde doch nie versuchen, einen hochliterarischen Titel als E-Book zu verkaufen.“

Durch den Regen. Ken Follett signiert überdacht, aber die Schlange wird patschnass. Es ist außerdem offensichtlich, dass die beste Veranstaltung mit Ken Follett am Vorabend im Club Orange Peel stattgefunden hat, wo er mit seiner Band auftrat. Sein Sohn Emanuele, ein Literaturagent und eine Autorin sind auch dabei, hatte er zuvor erzählt. Dennoch war es da noch leicht zu unterschätzen, was für ein Spaß das sein würde. Ken Follett spielt Bassgitarre.

Aus dem Regen heraus. Im Lesezelt wird eine „Tatort“-Produktlinie vorgestellt. Mit „Tatort“-Wecker, und im Zentrum ein Buch, „Tatort. Das Buch“. Mario Kopper alias Andreas Hoppe ist da und wundert sich, dass er SPD wählt. Autor François Werner hat es herausgefunden, i wo, er wusste es schon, denn er ist der Gründer der Internetseite tatortfundus.de, unentbehrliche Wissensquelle. Kopper trägt Bärtchen!

Geradeaus. Hier geht es auch zu den Konferenzräumen Effekt, Exposé, Extrakt, Komplex und Kontrast. Ausrichter von wirtschaftlichen Veranstaltungen müssen unfassbare Witzbolde sein oder völlig humorlos. Der Weg führt dann weit weniger aufgemotzt an Süßen-Katzen- und Eintracht-Frankfurt-Kalendern vorbei.

Um die Ecke in den Stau. Gleich kommt Helmut Kohl, die einen wissen es, die anderen merken es am Sicherheitspersonal. Es ist ein gespenstischer Moment, weil alle ganz still sind. Sie wollen was sehen und vielleicht was hören. Aber da ist nichts zu hören und wenig zu sehen. Nur die junge Frau, die sagt: „Wer ist denn das, um Gottes willen.“

Dann noch einmal um die Ecke. Alles, was die „Selfpublishing Area“ in Halle 3 anbietet, scheint gut besucht zu sein. Der Mitteilungsdrang des Individuums ist ungeheuer. Eine Verlagsfrau hatte formuliert: „Im Netz gilt: Der Mitteilungsdrang wächst doch immer weiter, wohingegen die Aufnahmefähigkeit zu zerbröseln scheint.“ Aus einer, nein, aus der einzigen Befragung unter Selbstverlegern, die 2014 zum zweiten Mal durchgeführt wurde (www.selfpublisherbibel.de) geht hervor, dass gut 45 Prozent von ihnen an ihren Veröffentlichungen weniger als 50 Euro im Monat verdienen.

Aber der Zweig formiert sich doch. Friederike Schmitz, die als freie Lektorin arbeitet, erzählt, wie sie mit völlig unterschiedlichen Projekten zusammenkommt. Sie findet es gut, dass sich die Plattformen für Selfpublishing zunehmend ausdifferenzierten. Leser sollen erkennen können, wo sie die für sie speziell interessanten Titel finden, so wie es ja auch bei einem Verlag funktioniere. Dass sich umgekehrt Verlage auf eigenen Plattformen wie neobooks ihren eigenen potenziellen Nachwuchs kostengünstig herbeilocken – und permanente Markttests geboten bekommen –, wird von den Autoren offenbar als Chance gesehen, nicht als Keckheit. Investieren Sie in Ihr Exposé, ruft Droemer-Knaur-Lektorin Eliane Wurzer den Selbstverlegern zu (die ja zum Beispiel hoffen können, beim von Droemer Knaur mitbetriebenen Portal neobooks entdeckt zu werden). Fangen Sie mit kurzen Texten an, ruft Autor Karl Olsberg. Fragen Sie sich ernsthaft, ob das, was Sie zu sagen haben, wirklich so viele Menschen interessiert, ruft Autorin Nele Neuhaus.

Wer mit Amazon zusammenarbeitet, scheint inzwischen den Eindruck zu haben, sich dafür entschuldigen zu müssen. Allgegenwärtig ist der Ingrimm, ist die Skepsis. Man staunt darüber, wie sich eine Firma mit ihrer gesamten Klientel angelegen kann.

Gleich gegenüber. William Wong kocht eine indonesische Speise, in die so viel Zucker kommt und sofort auf ewig im Knallrot verschwindet, dass die Zuschauer Augen machen. Es gelte, den kritischen Punkt zu erreichen, erklärt der Koch, der dann mit reichlich Essig und Salz „alles herumreißt“. Die Umstehenden stürzen geradezu nach vorne, als es die Möglichkeit gibt, den teuflischen Sud zu kosten. Glücklich und ausgeglichen kehren sie zu ihren Plätzen zurück. Indonesien ist Buchmessen-Ehrengast 2015.

Am Römer die Rolltreppe hoch. In der Altstadt kreuzen sich zwei Regenschirmlindwürmer. Der eine walzt sich gegen den Fluglärm Richtung Hauptwache. Der andere walzt sich für die „Literatur im Römer“ in die lächerlich kleine Halle. Hier redet und liest nicht nur jeder. Hier ist auch Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino auf ewig der Mann, der gerade Stadtschreiber von Bergen war (1996). Wer gefällt, bekommt ein Sternchen. Wer nicht gefällt, wird durchgestrichen. Das geschieht voraussetzungslos. 15 Minuten entscheiden alles. Es ist gut, dass die Autoren das nicht wissen.

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