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Ohne jede Schüchternheit

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Gibt es denn gar keine Musik, die Elke Heidenreich hasst? Dass sie von der Oper, die sie besonders liebt, allzu viel verstünde, lässt sich ihrem Buch "Passione" nicht entnehmen. Von Hans-Jürgen Linke

"Die Musik", was ist denn das jetzt wieder? Geht es um E- oder U-, Folklore oder Oper, um Instrumental oder Vokal- oder gar um Gagaku? Wie soll man das verstehen, dass Elke Heidenreich "die Musik" liebt, wenn ihre Liebeserklärung keine genaue Adresse hat? Gibt es denn gar keine Musik, die Elke Heidenreich hasst?

Ihre buchförmige Liebeserklärung gilt vor allem der Oper ist, und zwar besonders der des späten 18. und des kompletten 19. Jahrhunderts. Auch Werke des 20. Jahrhunderts werden erwähnt, aber ohne dass der Eindruck entstünde, sie wären von besonderem Belang. Warum aber lässt Elke Heidenreich ihre Leser an so etwas Persönlichem wie einer Liebeserklärung Teil haben? Weil das als Schriftstellerin ihr Beruf ist. Dass sie von der Musik, die sie liebt, allzu viel verstünde, lässt sich dem Buch nicht entnehmen; dass sie sich auf Festivals und in Premieren am rechten Platz fühlt, dagegen schon.

Aber sie erzählt nicht, sie wirbt und schrillt. Sie reflektiert nicht, sie posaunt. Sie liebt ohne analytisches Besteck, was schön ist, aber auch ohne jede Schüchternheit, was nervtötend ist. Sie stiefelt durch den Opernbetrieb mit einem Rucksack voller Zitate. Banale Gedanken verkleidet sie gern als Gedanken anderer Leute, große Gedanken werden inflationär und folgenlos verstreut, und schwadronierend erklärt sie alles, was sie kennt und liebt, zum Größten. Auch scheint sie nicht nur Musik, sondern auch Platitüden und Klischees zu lieben.

Ihre Liebe zur Oper kennt nur selten ein liebendes Ich, etwa in der Erzählung eigener pubertärer Opernbegeisterung, die in dem Satz kulminiert "Die Oper erreicht nur mein Herz, und das Herz diskutiert nicht." In der Tat: Es pumpt. Das liebende Subjekt aber ist aufgebläht zu einem normativ geleiteten Wir oder Man. Schubert wird plump-vertraulich geduzt und gefranzt, und in einem Text, der 2008 als Salzburger Festspiel-Eröffnungsrede diente, wird sinn- und weglos, aber unbeirrbar über Liebe, Tod, Oper, Leidenschaft und Erlösung bramarbasiert.

Elke Heidenreich will nicht nur ihre Liebe erklären. Sie will alle, die in ihren werbenden Lobgesang nicht umstandslos einstimmen mögen, zu herz- und bildungslosen Barbaren erklären. Vielleicht liebt sie die Musik, weil sie ihr Publikum verachtet?

Elke Heidenreich: Passione. Liebeserklärung an die Musik. Hanser Verlag, München 2009, 160 Seiten, 15,90 Euro.

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