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Buchmesse ? Gastland

"Oh, du warme Rohheit". Ein Liebesbrief an den georgischen Baumix

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Das Gastland der Frankfurter Buchmesse zeichnet sich durch eine wildgewordene Schönheit der Architektur aus. Warum ich Georgien bislang noch nicht besucht habe, weiß ich nicht.

Nach dem Abitur gingen die meisten meiner Mitschüler*innen auf Zugreise nach Frankreich, zum Work and Travel nach Australien oder auf kanadische Wildtierjagd. Und auch mich zog es zum Studium aus der Kulturprovinz Weimar hinaus ins Berliner Großstadtleben. Über die urbane Vielfalt Georgiens hat hingegen noch nie jemand in meinem Freundeskreis ein Wort verloren.

Brutal schön

Woran das liegt, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, jedenfalls nicht, nachdem ich an meinem zweiten Tag der Frankfurter Buchmesse durch die Fotoausstellung „Hybrid Tibilisi“ im Deutschen Architekturmuseum geschlendert bin. Zu sehen gibt es einen Schnelldurchlauf durch die Architekturhistorie der Hauptstadt Georgiens, einschließlich ihrer Auswüchse: Plattenbauten, Geschäftshäuser, Burgtürme, Luxushotels und Balkone, wo keine sein dürften – als hätte jemand die Wesensmerkmale der prominentesten Baustile der letzten 300 Jahre in einen Betonmischer gekippt und das Ergebnis mit einer Schleife versehen. Jugendstil, Brutalismus und Futurismus geben sich hier die Hand. Und fast bin ich geneigt, den Gebäuden ehrfürchtig zuzurufen: „Oh, du warme Rohheit.“ Auch als „brutal schön“ ließe sich der Look der rauen Häuserwände bezeichnen.

Dabei fällt es mir gar nicht so leicht, Tbilissi eine bestimmte Farbe zuzuweisen. Auf den Fotos dominiert Grau. Dazu grüne und Pastelltöne, mal in Kacheloptik, mal in Wandmalereien. Im Kopf bleibt mir die Bank of Georgia, ein ehemaliges Verwaltungsgebäude des Ministeriums für Autobahnbau – riesige Zementkästen stapeln sich in Form von Schiffscontainern übereinander in den Himmel – als hätte ein Kind mit Bauklötzern gespielt. Umstellt von Laubbäumen entsteht der Akzent. Nicht weniger eindrucksvoll wirkt die Public Service Hall, das Bürgeramt Tbilissis, dessen Dach von 35 Meter hohen steinernen Blütenblättern gebildet wird. Gleiches gilt für das Business Center im Botanischen Garten. Metall, Pflanzen, Gebirge und Wasser scheinen auf einem Foto stromlinienförmig zum Bildmittelpunkt zu fließen.

Schön Brutal

Doch nicht hinter allen Fassaden steckt auch eine anmutige Geschichte. So interessant die Ästhetik, so trist ihr Hintergrund. Ein Zitat im gleichnamigen Bildband verrät mir, dass Tbilissi häufig Opfer urbaner Umwälzungen war: „ Skizze der Stadtgeschichte, oder genauer: Kurze Chronik der Zerstörungen der Stadt Tbilissi“, heißt es dort in großen schwarzen Lettern. Den Infoblöcken entnehme ich, dass kein Privathaus in Tbilissi älter als 200 Jahre ist. Insgesamt über zwanzigmal haben Invasoren aus dem persischen, türkischen, arabischen Raum die Stadt zu großen Teilen in Schutt und Asche gelegt.

Klassisch bis modern ging es zu Beginn des 19. Jahrhunderts weiter. Die Fünfzigerjahre brachten dann den von mir so bewunderten Brutalismus. Die kahlen Fassaden üben eine Anziehungskraft auf mich aus. Nackt, direkt und ehrlich. Und auch hier gilt: Obacht. Zur Ehrlichkeit dieser Baukomplexe gehört auch ihre Funktion, möglichst viele Menschen in möglichst wenig Raum zu beherbergen.

Für eine am Tiefpunkt angekommene Wohnkultur steht in den Neunzigerjahren die sogenannte „Kamikaze-Loggia“, balkonähnliche Anbauten an den Hochhausfassaden. Die Stadt konnte sich keine Architekten mehr leisten. Wer etwas Geld besaß, pappte einfach ein bis zwei zusätzliche Zimmer an die Außenwand an.

Wer Berlin für unfertig hält, der sollte dringend einen Blick nach Georgien werfen. Tbilissis Bauwerke gehören nicht fetischisiert, sondern mit dem nötigen Respekt vor deren Geschichte behandelt. Das sage ich mir auch selbst mehrfach und packe mein in Berlin gekauftes T-Shirt mit der Aufschrift „Brutalism“ erstmal wieder ganz tief in den Koffer.

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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