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Österreich für die Hosentasche

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Von: Thomas Stillbauer

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Ulrich Glauber, Österreich für die Hosentasche, Fischer Taschenbibliothek, 350 S., 10 Euro – bzw. 10,30 Euro in Österreich. Auch so eine Eigenheit.
Ulrich Glauber, Österreich für die Hosentasche, Fischer Taschenbibliothek, 350 S., 10 Euro – bzw. 10,30 Euro in Österreich. Auch so eine Eigenheit. © Fischer Verlag

Ein schöner Beitrag zum Versuch, das Phänomen Österreich zu verstehen: Ulrich Glaubers Hosentaschen-Brevier, gerade recht zur Eurovision-Song-Contest-Verarbeitungsphase.

Wir wissen auch nicht wieso, aber irgendetwas lässt uns spätestens seit Samstagabend und dem europäischen Singwettstreit verstärkt über die Frage nachdenken: Was sind das eigentlich für Leute, diese Österreicher? Was geht hinter ihrem Vollbart vor? Sind sie wie wir – oder sind sie nicht von dieser Wurst?

Da trifft es sich natürlich glänzend, dass gerade ein brandneues Österreich-Buch erschienen ist. Nicht irgendein, Pardon, Führer, sondern „Österreich für die Hosentasche“, mithin „das kleinste Buch über das glückliche Österreich“, verspricht der Autor. Es ist der frühere Austria-Korrespondent der Frankfurter Rundschau, Ulrich Glauber, und deshalb kann er guten Gewissens mit dem Untertitel aufwarten: „Was Reiseführer verschweigen“. Um es vorwegzunehmen: Wir müssen vor dem Genuss dieses Buches warnen. Man kann es nicht mehr aus der Hand legen, es ist lustig, es ist informativ, und es macht auch vor unbequemen Wahrheiten nicht Halt.

Das geht ja noch: „Uamol muasas sai, a waun sie die Fleign in die Beiveigl voa Lochn in Bauch holtn – doutz, wos hiazn kimb, is da südouststeirische Doudn.“ Ja, so spricht der Österreicher, in diesem Fall jener aus der Steiermark, wenn er seinen bundeslandeseigenen Duden anpreist, dass sich die Fliegen und die Bienen vor Lachen den Bauch halten.

Dahin gehen, wo es weh tut

Aber hier wird es schon haarig: „Da kommt Krankl in den Strafraum – Schuss … Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wear narrisch. Krankl schießt ein – 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab.“ Die Älteren werden sich erinnern, Fußball-WM 1978, Österreich gegen Deutschland, die Hörfunkreportage des legendären Edi Finger. Autor Glauber geht dahin, wo es wehtut, und lässt den O-Ton noch einmal in aller Ausführlichkeit aufleben: „3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl. Er hat olles überspielt, meine Damen und Herren. Und warten S’ noch ein bisserl, warten S’ no a bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen.“

Was sein muss, muss eben sein. Österreich wäre nicht vollständig ohne Córdoba 1978. Was noch alles dazugehört, beschreibt der 1951 in Offenbach geborene Ulrich Glauber mit einfallsreicher und unterhaltsamer Sprache. So erfahren wir, dass der Österreicher Schale sagt, wenn er Kaffeetasse meint. Und wenn er Tasse sagt, meint er Untertasse. So ist er halt. Er sagt auch garantiert „Auf Wiedersehen“, wenn man „Auf Wiederschauen“ zu ihm sagt, und umgekehrt.

Österreicher, lehrt uns der Autor, sind Menschen, die die Abkürzung „Scheipi“ für das Begriffspaar „Scheiß Piefkes“ ersonnen haben, mit dem sie Deutsche zu bezeichnen pflegen. Sie haben die Neigung, Regeln aufzustellen, um sie nicht einzuhalten, und sie sind gelassen genug, es mit einem nachsichtigen Schmunzeln zu quittieren, wenn Fremde vom menschenleeren Outback und von pazifischen Stränden schwärmen, sobald sie hören: „I am from Austria.“ Alles klar: „Hier hat mal wieder jemand Austria mit Australia verwechselt.“

Und man kann noch viel mehr lernen. Glauber gibt Tipps für alle Lebenslagen in Österreich (Essen, Trinken und das bisschen, was sonst noch wichtig ist), er hilft bei der Verständigung (ein „Luftbrunzer“ ist ein Mensch, den man nicht ernst nimmt, der Paradeiser eine Tomate, die Ribisel eine Johannisbeere), und er führt durch die verschiedenen Trunkenheitsgrade: vom „Duliö“ (Schwips) über den „Mordsfetzn“ (schwerste Trunkenheit) bis hin zur „Grinzinger Pizza“, auf die wir hier nicht im Detail eingehen wollen. Nur so viel: Sie liegt auf dem Bürgersteig. Einige Zeit nach dem Genuss.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Der Experte Glauber erzählt von den Österreichern mit Hochachtung, ehrt auch ihre wichtigsten Berühmtheiten aus Kunst und Literatur und Wissenschaft und Sport, würdigt ihre Historie und ihre an Lebensqualität weltweit nicht zu überbietende Hauptstadt Wien, begegnet ihnen im Kaffeehaus mit großer Zuneigung.

Insider-Informationen

Aber das Schönste sind die Insider-Informationen über Spezialitäten und Schrulligkeiten unserer Nachbarn. „Anrede – hier kann man nicht altmodisch genug sein“, rät der Kenner. Keine Scham also vor einem ehrerbietigen „Frau Magister“ oder „Herr Ingenieur“ zur Begrüßung, und der „Hofrat“ vor dem Nachnamen: nur zu, wenn er angebracht ist. Aber Vorsicht: „Die korrekte Anrede der Räte ist derart kompliziert, dass man sich dafür Rat holen sollte.“ 869 verschiedene Titel hat das Land. „,Geschamigster Diener‘ fällt eindeutig in das schwere Feld der Ironie.“

Freunde der ungewöhnlichen Statistiken kommen im Hosentaschen-Ösi-Buch mit Rubriken wie „Die flachsten Seen“ auf ihre Kosten. Ganz weit vorn: das Burgenland mit Illmitzer Zicksee, Lange Lacke und St. Andräer Zicksee, maximale Wassertiefe jeweils ein (1) Meter. Deutlich abgeschlagen: der beinahe doppelt so tiefe Neusiedler See.

Die stets aktuelle Frage, warum es Palatschinken heißt, obwohl überhaupt kein Schinken drin ist – das Büchlein beantwortet sie. Ulrich Glauber lässt uns auch nicht allein mit der Frage, woher der Begriff Piefke eigentlich stammt; es gab tatsächlich mal jemanden, der so hieß. Der Autor weiß Bescheid, er hat mehr als zehn Jahre im 8. Wiener Gemeindebezirk gelebt, in der Josefstadt. Er kennt seine Österreicher. Und er zitiert die österreichische Schriftstellerin im Berliner Exil, Eva Menasse, mit dem Satz: „Das Beste an den Österreichern ist zweifellos ihr Humor.“ Genauso verhält es sich auch mit diesem griawigen Buch. Das bedeutet: herzig. Und vergnügt.

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