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Der Siegerländer "Spekulant" Friedrich Flick beim Nürnberger Prozess (1947).
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Der Siegerländer "Spekulant" Friedrich Flick beim Nürnberger Prozess (1947).

"Der Flick-Konzern im Dritten Reich"

Ökonomie der Zerstörung

Schlichter Pragmatismus ohne moralische Skrupel: Alleineigentümer Friedrich Flick war so in den Nationalsozialismus verstrickt, dass ihm ein eigener Prozess in Nürnberg gemacht wurde. Von Werner Plumpe

Von WERNER PLUMPE

1945 schien alles zu Ende. Dem ebenso rasanten Aufstieg durch Aufrüstung und Kriegswirtschaft folgte der völlige Absturz eines Konzerns, der seit 1937 mit Sitz in Düsseldorf und Berlin unter dem Namen Friedrich-Flick Kommanditgesellschaft (FKKG) firmierte. Drei Viertel des Besitzes lag in der Sowjetischen Besatzungszone und war verloren. Über den verbliebenen Anlagen im Westen schwebte das Damokles-Schwert von Enteignung, Entflechtung und Entnazifizierung, war der Alleineigentümer Friedrich Flick doch derart in den Nationalsozialismus verstrickt, dass ihm ein eigener Prozess in Nürnberg gemacht wurde.

Doch so tief Flick gefallen war, so rasch war er wieder da: In Nürnberg kam er mit einem "blauen Auge" davon. Er wurde zwar war als Förderer des Regimes verurteilt, in ihren Hauptpunkten (Zwangsarbeit, Angriffskrieg) drangen die Ankläger aber nicht durch. Die sieben Jahren Festungshaft, zu denen er verurteilt wurde, musste Flick nicht einmal absitzen.

Die durch den Prozess erzwungene Entflechtung der Unternehmensteile erwies sich zudem im Nachhinein als Glücksfall: Der Steinkohlenbesitz musste zwar verkauft werden, aber dadurch blieb dem Unternehmen die Kohlenkrise der fünfziger Jahre erspart. Mit dem verbliebenen Besitz und dem Erlös aus dem Verkauf der Kohlenzechen startete Friedrich Flick zu einer neuen Karriere, die ihn zu einem der reichsten Männer der Bundesrepublik machte. Der Name Flick wurde zum Inbegriff des Wirtschaftswunders für die einen, zum Kennzeichen des skrupellosen Profiteurs des Nationalsozialismus für die anderen.

Lange Zeit war die Geschichte des Flick-Konzerns indes nur in groben Umrissen und in vielen Gerüchten präsent. Das hat sich nun grundlegend geändert. Seit kurzem liegen zwei voluminöse Studien zur Geschichte des Konzerns vor. Das Buch von Kim Christian Priemel (Wallstein Verlag) behandelte im vergangenen Jahr die gesamte Geschichte des Unternehmens von seiner Gründung im Ersten Weltkrieg bis zum Untergang in den 1980er Jahren. Das hier vorzustellende Buch einer Arbeitsgruppe des Münchener Instituts für Zeitgeschichte beschränkt sich auf die Geschichte des Unternehmens im Dritten Reich mit jeweils gerafften Rück- und Vorblicken auf die Weimarer Jahre und die Nachkriegszeit.

Trotz immenser Überlieferungsverluste zeigen beide Werke eine Dichte der Darstellung und eine Fülle an Quellenverarbeitung, dass man von einem umfassenden Bild des Konzerns ausgehen kann, zumal eventuelle Lücken noch in einer zu erwartenden dritten großen Studie aus Jena geschlossen werden können. Flick nimmt damit eine geradezu prominente Rolle in der Geschichtsschreibung ein. Kein großes Unternehmen von derartiger Prominenz war derart lange unerforscht; keines aber hat auch eine derart intensive Bearbeitung erfahren wie das Werk des Siegerländer "Spekulanten" Friedrich Flick.

Das Imperium Friedrich Flicks stand 1932 schon einmal vor dem Aus. Durch zum Teil riskante, zum Teil geschickte Transaktionen hatte Flick in den zwanziger Jahren ein Konglomerat von Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie zusammengebracht, das auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise vor der Zahlungsunfähigkeit stand. Flick konnte sich nur durch den skandalträchtigen Verkauf seiner Anteile an der Gelsenkirchener Bergwerks AG (GBAG) retten, für die ihm das mit dem Argument, er würde den Bestand ansonsten in ausländische Hände geben, unter Druck gesetzte Reich einen überhöhten Kurs zahlte. Mit dem Erlös baute Flick einen in Mitteldeutschland konzentrierten Stahlkonzern auf, den er geschickt um Erwerbungen im Eisen- und Steinkohlenbereich erweiterte.

Die Rüstungskonjunktur des Nationalsozialismus schuf für die Mitteldeutschen Stahlwerke und die anderen Unternehmen Flicks ein günstiges, politisch intensiv gepflegtes Umfeld. Nicht zuletzt diese "politische Landschaftspflege" bei Keppler, Schacht, Himmler, insbesondere aber bei dem Beauftragten für den Vierjahresplan, Hermann Göring, machte Flick zum großen Gewinner der Aufrüstung: Seine geografisch günstig gelegenen Werke expandierten in enger Kooperation mit den Beschaffungsstellen der Wehrmacht.

Als sich die Möglichkeit bot, durch Arisierung den Besitz des Konzerns abzurunden, zögerte Flick nicht. Sowohl die Hochofenwerke Lübeck wurden unter Druck übernommen wie die Anhaltischen Kohlenwerke der Julius-Petschek-Gruppe unter faktischem Zwang "gekauft". Bei dem vor allem in der Lausitz liegenden Braunkohlenbesitz der Ignatz-Petschek-Gruppe war man weniger vornehm: Nach dem Anschluss des Sudetengebietes wurde diese Gruppe mit Sitz in Aussig an der Elbe unter der Federführung der Reichswerke um ihren Besitz gebracht, den Flick nun aber nicht direkt übernahm, sondern von den Reichswerke im Austausch gegen Steinkohlenfelder an der Ruhr erwarb.

Auf diese Weise erschien Flick nicht selbst als Ariseur, sondern geradezu als Opfer, das von den Reichswerken zur Hergabe von Eigentumsrechten an der Ruhr gezwungen wurde. Flick, offensichtlich des kriminellen Charakters der ganzen Aktion gewärtig, achtete sehr auf dieses Arrangement, das es ihm ermöglichte, sich nach 1945 als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen. Dabei zeigt die Münchener Studie detailliert das geradezu gerissene Vorgehen Flicks und seiner Entourage.

Skrupel bestanden auch nicht bei der Expansion in die von der Wehrmacht besetzten Gebiete; dass man hier von Lothringen abgesehen kaum zum Zuge kam, lag nicht an Flickscher Zurückhaltung, sondern am Expansionsdrang der Reichswerke Hermann Göring. Die Autoren sehen schließlich die tiefste Verstrickung in die Verbrechen des Regimes im Bereich der Zwangsarbeit; 60 000 bis 65 000 Menschen mussten unter zum Teil unmenschlichen Bedingungen für die FKKG arbeiten und schufen damit erst die Voraussetzungen für die Expansion im Krieg und die Aufrechterhaltung der Produktion bis zum Kriegsende.

Wie nun ist dieses Verhalten eines Unternehmers und seines Unternehmens zu begreifen? Die Autoren haben, und hierin liegt ein großer Vorzug der Studie, sich nicht auf das Konstatieren der Tatbestände und ihre moralische Wertung beschränkt, sondern suchen explizit nach den Möglichkeiten ihrer Einordnung in die Unternehmensentwicklung. Hier zeigen sich Besonderheiten in der starken Stellung der Person Friedrich Flicks und der von ihm verfolgten Expansionsstrategie, die stets auf gute Kontakte in die Politik gesetzt hatte.

Dass die Politik sich nach 1933 änderte, wurde im Rahmen der internen Erwartungsbildung und der folgenden Entscheidungsprozesse weniger als Problem, sondern eher als Möglichkeit gesehen, die es zu nutzen galt. Im Verhalten des Hauses Flick dominierte ein schlichter Pragmatismus, der gegenüber politischen Zumutungen keine moralischen Skrupel, sondern bestenfalls ökonomische Einwände äußerte.

Die Studie zeigt in geradezu erschreckendem Maße, wie selbst verbrecherische politische Vorgaben sich ökonomischen Expansionsdrang zunutze machen können, indem sie sich - gleichsam als Bedingung seiner Möglichkeit - vorauseilend in unternehmerische Entscheidungsprozesse einschreiben. Es war die politisch gewollte "Ökonomie der Zerstörung" (Adam Tooze), auf die sich Flick eingelassen hatte und die ihn schließlich selbst verschlungen hätte, wäre ihm nicht der Kalte Krieg zu Hilfe gekommen. Diese Konstellation unterscheidet Flick allerdings nicht wesentlich von den anderen großen Unternehmen der Jahre vor 1945. Er war keine Ausnahme.

Werner Plumpe ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt/M.

Johannes Bähr u.a.: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Oldenbourg-Verlag, München 2008, 1018 Seiten, 64,80 Euro.

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