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Eine Platane wird dem Dichter zum Verhängnis.
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Eine Platane wird dem Dichter zum Verhängnis.

Todesarten 1

Ödön von Horváth und sein früher Tod in Paris: Dass schon die Bäume exilierte Poeten erschlagen

  • VonUlrich Rüdenauer
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Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden – das ist nicht jedem vergönnt. Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf kuriose, außergewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk?

In der Morgenausgabe der französischen Tageszeitung Le Figaro ist am 2. Juni 1938 folgende Notiz zu lesen: „Ein Sturm, der gestern Abend über Paris niederging, verursachte mehrere Unglücksfälle. In den Champs-Élysées warf er eine Platane um. Sieben Personen, die unter ihr waren, konnten sich retten, bis auf einen Ungarn, den sie erschlug. Derselbe Windstoß brachte auf dem Canal La Manche einen Fischkutter zum Kentern. Alle Insassen ertranken.“ Die unseligen Opfer des Orkans, die vom Fischkutter in den Ärmelkanal gespült wurden, sind heute längst vergessen. Der Ungar aber, der auf den Champs-Élysées spazierte und sich nicht vor den herabstürzenden Ästen schützen konnte, ist noch heute bekannt und an den Theatern häufig gespielt: Ödön von Horváth, österreichisch-ungarischer Dramatiker und Romancier, an seinem Todestag gerade einmal 36 Jahre alt und auf der Höhe seines Könnens.

Erst drei Tage zuvor war der Emigrant von Zürich aus zu einer Stippvisite nach Paris aufgebrochen – um mit dem Filmregisseur Robert Siodmak, der eines seiner Bücher verfilmen will, in Verhandlungen zu treten. Nach einem ersten, vielversprechenden Treffen am Mittag des 1. Juni bietet die Frau des Regisseurs an, den Dichter mit dem Automobil ins Hotel zu bringen. Der lehnt ab. Autos ängstigen ihn, Fahrstühle ebenso, und letztlich fühlt er sich auch auf der Straße nicht sonderlich wohl. Er ist auf dem Weg zu einer Métro-Station. „Vor den Nazis habe ich keine so sehr große Angst“, bekannte Horváth einmal gegenüber Klaus Mann. „Es gibt ärgere Dinge, nämlich die, vor denen man Angst hat, ohne zu wissen warum. Ich fürchte mich zum Beispiel vor der Straße, Straßen können einem übelwollen, können einen vernichten.“

Ist es nicht eine der schlimmsten Vorstellungen: jenen Tod erleiden zu müssen, vor dem einem am meisten graut und der die Nachtmahre bestimmt? Handelt es sich bei einem solch katastrophischen Geschick – den Schädel von einem herabfallenden Ast gespalten zu bekommen – um schicksalhafte Konsequenz, um unwishful thinking? Tatsächlich finden sich in Horváths Werk immer wieder Verkehrsunfälle. Das Unglück lauert auch in seinen Stücken und Erzählungen zuweilen auf der Straße.

Das größte Abenteuer seines Lebens

Wer zur Hypochondrie und zur Angst neigt, ist meist ein guter Zeichenleser. Und er lässt sich auf die Andeutungen, die sich ihm offenbaren, ein. In Amsterdam hatte Ödön von Horváth nur kurze Zeit vor seiner unglücklichen Begegnung mit der todbringenden, stürmischen Naturgewalt eine Wahrsagerin aufgesucht. Er werde in Paris Entscheidendes erfahren, das „größte Abenteuer seines Lebens“ bestehen. Vermutlich hat er diese Prophezeiung nicht als schlechtes Omen gedeutet, und die vorteilhaften Verhandlungen mit dem emigrierten Regisseur schienen ihm Recht zu geben. Hollywood rief.

Grundsätzlich aber hatte Horváth durchaus einen Hang zum Pessimismus und Okkulten. Schon allein der Besuch einer Wahrsagerin deutet darauf hin, dass er abergläubischem Empfinden nicht abgeneigt war. Wiederum von Klaus Mann wissen wir, dass Horváth gerne über alle möglichen Unglücksfälle plauderte, „über groteske Krankheiten und Heimsuchungen aller Art. Auch Gespenster, Hellseher, Wahrträume, Halluzinationen, Ahnungen, das Zweite Gesicht und andere spukhafte Phänomene spielten eine Rolle in seinem Gespräch…“ Richtiggehend verliebt gewesen sei er ins Unheimliche, das Dämonische sei ein Element seines Wesens gewesen. Dieter Hildebrandt, einer seiner Biographen, sieht in Horváths Tod denn auch eine gewisse artistische Folgerichtigkeit. „Es war kein Malheur, es war eine virtuose Fatalität. Noch die Todesart hielt sich an ein wichtiges durchgehendes Motiv Horváthscher Eudämonie.“

Der Weg nach oben

Geboren wird der Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten am 9. Dezember 1901 in Fiume. Die Kindheits- und Jugendjahre verbringt Ödön von Horváth in Belgrad, Budapest, München, Preßburg und Wien. In München beginnt er ein Studium, schreibt erste Geschichten für den „Simplicissimus“. 1924 zieht es ihn ins Zentrum des kulturellen Geschehens, nach Berlin, wo das Material für seine Stücke auf der Straße liegt: Was er sieht und in den Zeitungen liest, wandert in seine „Volksstücke“. Er will die Welt so schildern, „wie sie halt leider ist“. Er wird als Satiriker gesehen, ihm aber geht es um die „Demaskierung des Bewußtseins“. Seine noch heute bekanntesten Stücke entstehen Anfang der dreißiger Jahre: „Italienische Nacht“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Kasimir und Karoline“. Der Tod, schreibt Dieter Hildebrandt, sei der heimliche Held in allen Werken Horváths.

Literaturhinweise

Dieter Hildebrandt: Horváth. Rowohlt Verlag. 8. Auflage 1998. 146 Seiten.

Traugott Krischke: Ödön von Horváth. Kind seiner Zeit. Propyläen Taschenbuch. Berlin 1998. 336 Seiten.

Die Gesammelten Werke von Ödön von Horváth sind im Suhrkamp Verlag erschienen.

Die Uraufführungen finden an den wichtigsten Theatern statt. Er schreibt den Roman „Der ewige Spießer“. 1931 wird ihm aus den Händen von Carl Zuckmayer der Kleist-Preis verliehen. Zuckmayer attestiert dem Kollegen die „stärkste Begabung“ unter den jungen Dramatikern, darüber hinaus den „hellsten Kopf“ und die „prägnanteste Persönlichkeit“. Seine Stücke seien ungleichwertig, sprunghaft, ohne Schwerpunkt, aber niemals mittelmäßig. Er meint das alles als Lob.

In die Emigration

Den Propagandisten einer neuen Zeit und Kultur ist so einer wie Horváth natürlich ein Dorn im Auge. Schon „Glaube Liebe Hoffnung“ kann 1933 nicht mehr aufgeführt werden – die Nationalsozialisten haben nun das Sagen in Berlin. Ödön von Horváth verlässt Deutschland Richtung Österreich, schreibt weiter, aber ohne den großen Resonanzraum der Weimarer Jahre: Seine Stücke werden nur noch von kleinen Theatern gespielt, die finanziellen Probleme nehmen zu. Sein Roman „Jugend ohne Gott“ immerhin erscheint in Amsterdam, wird in mehrere Sprachen übersetzt. Und er liefert auch den Grund für das Treffen mit Robert Siodmak in Paris; der Regisseur, gerade auf dem Sprung in die USA, wo es auch Horváth hinzieht, möchte den Roman in einen Film verwandeln.

Traugott Krischke, der das Gesamtwerk von Ödön von Horváth edierte, zitiert in seiner Biographie eine kleine Erinnerung an den Dichter: Horváth habe einmal von einem Traum erzählt, in dem er in einem dunklen Wald spazieren gegangen sei. Jählings sei ein Baum gefallen und habe ihn unter sich begraben – „aber bevor er mich zerquetschte, bin ich, Gott sei Dank, aufgewacht.“ Von der Last des Astes, der in Paris auf ihn fiel, konnte Horváth sich nicht mehr befreien. „Daß uns die SS verfolgt, wissen wir“, schrieb der Schriftsteller Hermann Kesten. „Aber daß schon die Bäume auf den Champs-Élysées anfangen, exilierte Poeten zu erschlagen!“ (Ulrich Rüdenauer)

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