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Vom "öden Tag" eingeholt

  • Hans-Klaus Jungheinrich
    VonHans-Klaus Jungheinrich
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Alles andere als ein Mauerblümchen: Eva Riegers einfühlsame Doppelbiographie über Richard Wagner und seine erste Ehefrau Minna

Biographen sind halt auch nur Menschen. Indem sie sich ihren prominenten Gegenständen nähern, bleibt es nicht aus, dass sie sich ganz in sie hineinversetzen, identifikatorisch mit den porträtierten Großen verschmelzen. Ein schwer zu vermeidender psychologischer Mechanismus treibt die Lebenserzähler zu solcher Ich-Vergrößerung. So ward auch Joachim Fest ein bisschen zum Dämon Hitler. Und alle Jesus- und Wagnerforscher phantasieren sich unversehens ins Jesuanische oder in den Wagnerwahn hinein. Und sehen die Umgebung der Konterfeiten mit deren Augen.

Die das jeweilige Zentralgestirn umkreisenden Personen sind ihnen gewissermaßen auch imaginäre Konkurrenten, die nicht zuletzt eifernde und eifersüchtige Gefühle bei den Lebens-Ausleuchtern wecken, namentlich Ehefrauen, Witwen und Erben, allemal als Parasiten bedeutender Vitae verdächtig, deshalb aber ja auch nicht ganz unähnlich den an berühmten Lebensläufen sich fixierenden Autoren.

Seit einiger Zeit gibt es aber auch Gegentendenzen. Pausbäckiges Genieverständnis scheint allmählich verblasst. Vor allem die vampiristische Produktionsweise Brechts lenkte den Blick auf kompliziertere Inspirationsströme und Materialbewegungen in künstlerischen Biosphären. Und der Feminismus tat gut daran, hierbei insbesondere die Rolle von Frauen ins Visier zu nehmen. Sie ist gerechterweise schwerlich zu beschränken auf den Part von Statisten oder Regenerations-Instanzen im Künstlerleben.

Wer also denkt, in der total abgegrasten Biographie Richard Wagners gäbe es nichts mehr neu zu bewerten, ignoriert die traditionellen Beschränktheiten der herkömmlichen Wagnersicht. Die Musikwissenschaftlerin und Schriftstellerin Eva Rieger tat nichts Überflüssiges, wenn sie nun Minna Wagner (geb. Planer) ins Zentrum einer sorgfältigen, exzellent und mit Liebe geschriebenen Recherche stellte. Die erste Ehefrau des Komponisten war keineswegs das unbedarfte Mauerblümchen, als das sie vielleicht aus der Perspektive Cosimas und des gealterten Bayreuther Großmeisters erscheint. Entsprechende Klischees auch bei einem vielgelesenen modernen Wagnerexegeten wie Martin Gregor-Dellin machen Korrekturen notwendig. In der Frühphase der Beziehung zu dem blutjungen Richard war die einige Jahre ältere Minna zweifellos die Überlegene. Der Theatermann Wagner umwarb in ihr wohl auch die begabte Schauspielerin. Sie brachte eine Tochter mit in die Ehe (womöglich hervorgegangen aus einer Vergewaltigung, jedenfalls einer sofort abgerissenen, eventuell einmaligen Liaison). Minna war lange Zeit eine loyale, liebe- und verständnisvolle Begleiterin für den in praktischen Fragen viel unbedenklicheren Richard, dessen verwegene finanzielle Abenteuer ihrem soliden Lebenskonzept widersprachen. Sie nahm regen geistigen Anteil an Richards Schaffen, zumindest bis zum Lohengrin.

Dass sie mit Tristan nicht zurecht kam, war nur zu verständlich, musste sie doch als dessen Muse die in Wagners Bann geratene Zürcher Bankiersgattin Mathilde Wesendonck erkennen. Nachdem Wagner, hitzköpfiger Teilnehmer an der Dresdner Revolution 1848 / 49, aus Deutschland fliehen musste, drifteten die Eheleute unweigerlich auseinander. Noch des öfteren kam es zu Zusammenkünften, doch die Spannungen waren schwer erträglich.

Die rasch alternde Minna konnte an eine Rückkehr auf die Bühne nicht mehr denken; der ständig in Geld-Schwulitäten steckende Komponist war trotz guten Willens unfähig, sie hinreichend zu unterstützen. Nach der Scheidung verarmte Minna erst recht. Die späten, vergleichsweise triumphalen Bayreuther Jahre ihrer einstigen großen Liebe erlebte Minna nicht mehr.

Es sind zunehmend bittere "Stationen einer Liebe", die Eva Riegers Buch rekonstruiert. Ausdrücklich bemerkt die Autorin, dass ihr Minna näher stehe als Richard. Dennoch ist ihr Blickpunkt nicht einseitig. Ihr Gerechtigkeitssinn geht sogar so weit, dass sie Richard Wagners flagrantes Luxurieren mit Samt- und Seidenkleidung durch eine angebliche Baumwollallergie des empfindsamen Meisters entschuldigt. In der behutsamen Verwebung der beiden Lebensläufe sind auch die späteren Aktivitäten Richard Wagners, insofern sie sich auch nur von weitem mit dem Schicksal Minnas berühren, mit angenehm temperierter Einlässlichkeit dokumentiert.

Minna und Richard Wagner, eine typische Love Story aus dem 19. Jahrhundert. Ein Traumpaar, eine Ehe, im Himmel geschlossen, vom "öden Tag" (Tristan, 2. Akt) eingeholt. Ein wenig müßig die Frage, ob die Beziehung bei besseren äußeren Bedingungen lebenslang gehalten hätte. Richard Wagners ruheloser, unbürgerlicher Lebensstil spricht dagegen. Einer rasanten künstlerischen Entwicklung entsprach bei Richard auch das Rücksichtslose, Egomanische im Umgang mit Menschen. Eva Rieger zeigt allerdings eindrucksvoll, dass Wagner sich den endgültigen Bruch mit Minna nicht leicht machte. Einerseits ein gieriger Frauenheld (noch Cosima hatte damit zu tun), war Wagner dennoch nicht bindungsunfähig, und zumal seine erste Beziehung hatte eine Gravität, der er sich auch in einem ganz anderen Lebenszusammenhang nicht zu entziehen vermochte (Cosimas Schuldträume von ihrem verlassenen ersten Ehemann Hans von Bülow hatten bei Wagner ein Pendant).

Und kein unumstößlicher Determinismus sorgte dafür, dass Minna den weiteren künstlerischen Weg ihres Partners nicht hätte "verstehen" können. Das Erlöschen dieser Liebe kam mindstens ebenso durch Zufälle wie durch innere Gesetzmäßigkeiten zustande.

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