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Am Kriegsende 1975: Trauer an Soldatengräbern nahe Saigon.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“

Der Debütroman von Ocean Vuong: Manchmal kommt ihm Überleben leicht vor

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„Auf Erden sind wir kurz grandios“, ein bemerkenswerter Roman des vietnamesisch-amerikanischen Schriftstellers Ocean Vuong

Wie kann man sein Kind, seinen Enkel Little Dog, kleiner Hund rufen? Man tut es vielleicht, wenn man ihn liebt, ihn behalten will und also verstecken muss vor den bösen Geistern, „die das Land auf der Jagd nach gesunden, schönen Kindern durchstreiften“. So aber denken die Räuber, wenn die Mutter Little Dog zum Essen ruft, hier lohnt es sich nicht nachzusehen. „Ein Name, dünn wie Luft, kann auch ein Schild sein.“

Im Debütroman des zuerst als Lyriker hervorgetretenen, auch unmittelbar vielbeachteten Ocean Vuong gibt es auch böse Geister in Menschengestalt, quälende Erinnerungen, diese erwachsend zumeist aus den Verheerungen des Vietnamkrieges. Es gibt die Verheerungen der Drogen, dazu das Mobbing der weißen Kinder am zierlichen, „gelben“, effeminierten Jungen. „Auf Erden sind wir kurz grandios“ („On Earth We’re Briefly Gorgeous“, 2019) ist zwar ausdrücklich ein Roman, aber Vuong hat in Lesungen und Interviews keineswegs den Eindruck zerstreut, es handle sich in hohem Maße um Autobiographisches. Im Gegenteil.

1988 in Saigon geboren, kam Ocean Vuong im Alter von zwei Jahren mit seiner Mutter nach Amerika, mit der Zwischenstation eines philippinischen Flüchtlingscamps. Man hatte die junge Frau wegen ihres Aussehens – zu hell! – als Tochter eines GI oder jedenfalls eines Feindes identifiziert, sie durfte daraufhin nicht mehr arbeiten. In den USA brachte sie sich, ihre Mutter und ihren Sohn durch, indem sie in einem Nagelstudio arbeitete. Großartig sinnlich sind Vuongs Beschreibungen dieser „Werkstatt der Schönheit“, in der sich, weil die angestellten Frauen im Hinterzimmer kochen, die „Aromen von Knoblauch, Zimt, Ingwer, Minze und Kardamom“ mit den Dämpfen von „Formaldehyd, Toluol, Aceton“ vermischen. „Ich bleib hier nicht lange“, sagen die meisten der Frauen. „Ich hab bald einen richtigen Job.“

Ocean Vuong beginnt den Roman als Brief an die Mutter, führt ihn aber zunehmend halbherzig als solchen fort, früh damit kokettierend, dass sie ohnehin nie schreiben und lesen gelernt hat: „Mit fünf hast du das letzte Mal ein Klassenzimmer betreten“. Vielmehr bricht er die Romanform relativ radikal auf, gibt sich als Erzähler und Schriftsteller zu erkennen: „Ich erzähle dir weniger eine Geschichte als ein Schiffswrack – die Teile dahintreibend, endlich lesbar.“ 

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios. Roman. A. d. Engl. v. Anne-Kristin Mittag. Hanser, München 2019. 240 S., 22 Euro.

Grandios mitfühl- und fassbar ist das an vielen Stellen, in so sprachlich prächtige wie überraschende Bilder gepackt. Dann aber neigt Vuong, vor allem gegen Ende des Romans, zu Sentenzen, Einzeilern, denen Tiefe und Poesie mittels Verknappung abgerungen werden soll. Das funktioniert nicht immer, jedenfalls lang nicht so gut wie die manchmal atemberaubenden, plastischen Details.

Die Mutter nach der Arbeit erschöpft auf dem Boden liegend – der Sohn lernt, sie zu massieren, ihre verknoteten Muskeln zu erspüren. Der Junge, der der Großmutter die grauen Haare, den Schnee auf dem Kopf auszupft und dafür in Geschichten bezahlt wird. Das Kind im Schulbus, umringt von den größeren, dickeren, weißeren Kindern, die „die Mundart kaputter amerikanischer Väter“ schon beherrschen. Als sie von ihm ablassen, baumelt das Kind mit den Beinen, grotesk rotblinkende Sneaker an den Füßen: „die kleinsten Krankenwagen der Welt, die nirgendwo hinfuhren.“

Teile des Schiffswracks, das einmal eine Familiengeschichte war, treiben auch in die Vergangenheit, bis ins Teenageralter der Großmutter. Sie wird mit einem wesentlich älteren Mann verheiratet, sie flieht. „Sieben“, sagt ihre Mutter durch den Türspalt, „ein Mädchen, das seinen Mann verlässt, ist die Fäulnis einer Ernte.“ Als erstes gibt sich „Sieben“ einen Namen, nennt sich Lan, Lilie, dann bringt sie sich und ihr kleines Kind, Rose, durch, indem sie ihren Körper verkauft.

Möglichkeiten der Rettung 

Ocean Vuong erzählt auch von Rettungen: vor den Soldaten, 1975 in Saigon; vor dem gewalttätigen Vater, der glaubt, er könne die amerikanische Polizei bestechen wie die vietnamesische. Die nimmt ihn mit, in Handschellen, während die Mutter des Erzählers ins Krankenhaus gebracht wird und ein Nachbarsmädchen heimlich den blutigen Geldschein aufhebt. Der kleine gelbe Junge wird durch Bildung, dann durch das Schreiben gerettet. Allemal scheint Ocean Vuong für sich zu sprechen, wenn er schreibt: „Manchmal, wenn ich mir nicht allzu viele Gedanken mache, kommt mir Überleben leicht vor.“

Während der Ich-Erzähler in New York auf dem College ist, stirbt Trevor an einer Überdosis. Trevor, der einmal „jung und warm und genug“ war und des Erzählers erster Liebhaber. Angefangen hat es mit OxyContin, vom Arzt verschrieben, dann Alkohol, Heroin, weitere Schmerzmittel, Trevors Zähne da schon „grün von den Drogen“. Aber für eine Zeitlang waren die beiden Teenager auf Erden grandios, wild, manchmal herrlich sorglos, dem Leben und ihrer Liebe hingegeben. „In Trevors Griff hatte ich ein Mitspracherecht darin, wie man mich auseinandernahm.“ Sonst, heißt das im Umkehrschluss, fühlt sich der Erzähler „auseinandergenommen“, ohne dass sich jemand um seine Meinung, Wünsche und Bedürfnisse schert.

„Wann endet ein Krieg?“, lautet eine der zentralen Fragen des Romans. Ocean Vuong beantwortet sie, indem er die Trauer, die Alpträume und Traumata der Großmutter, der Mutter, des Kindes beschreibt, das zwar in Amerika aufgewachsen ist, aber weiß, dass Gewalt etwas ist, das keine Generation verschont. Nur im Märchen fliegen die bösen Geister vorbei, lassen sie ablenken vom Schild eines Namens.

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