Botho Strauß

Obszön sind immer die anderen

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Botho Strauß bedenkt die Lage erneut kritisch - und bietet einen Steinbruch des Sozialphobikers, der das Ressentiment wohl immer noch braucht, um in Schreibstimmung zu kommen.

Das kritische Bedenken der Lage erfährt seine eigene Krise“ lautet der erste Satz eines Essays von Botho Strauß in der aktuellen Ausgabe der „Zeit“. Da ist er wieder, der hohe Ton des Grüblers aus der Uckermark, diesmal auf der Suche nach Auswegen aus dem Niedergang des Denkens. Ein typischer Strauß also, der seine literarische Begabung einmal mehr aufbietet, um gegen den „untergründigen Strom des beliebigen Geplappers“ anzuschreiben.

Das „kritische Bedenken“ bringe nichts hervor außer Ideenkitsch – „weitläufiges Flachrelief aus Gedankenpolyester. Kitsch der Toleranz, Kitsch des Weltweiten, Humankitsch, Kitsch der Minderheiten und der Menschenrechte, Klima-Kitsch und Quoten-Kitsch, Kitsch von Kunst und Wahn – dies alles sich vorstellen als eine erstarrte Paste, ausgedrückt aus einer Tube wie von Claes Oldenburg. Dick aufgetragen, obszön vorquellende Paste aus zerquetschter Tube.“ Obszön, das sind immer die anderen. Und natürlich kann man auch verzweifeln am fortgesetzten Gestus der Welterklärung der anderen, die doch angesichts von Euro-Krise, Brexit-Krise, Ukraine-Krise, Trump-Krise etc. allzu oft erstarren in routinierter Ratlosigkeit. Es ist also gut Mitheulen mit Botho Strauß, ihn einfach nur einen Reaktionär zu nennen, wäre eine Art leidenschaftsloses Abarbeiten an einem geliebten Gegner von früher.

Lieben kann man Botho Strauß unbedingt für seinen unerbittlichen Drang ins Große, wenn er etwa mit Ortega y Gasset eine „grundlegende Reform der Intelligenz“ fordert. Botho Strauß war das gewöhnlich Kritische immer verdächtig. Mehr noch: Es war ihm zuwider. Am Heitersten in „Paare, Passanten“, jener aphoristisch-tagebuchartig daherkommenden Kunst der Alltagsbeobachtung, die dann doch ins Grundsätzliche abzukippen unbedingt gewillt war. Der berühmte Satz: „Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer. Aber es muss sein: ohne sie!“, war als gegenaufklärerisches Fanal aufgefasst worden.

Aus quälender Selbstzufriedenheit möchte er neue Energie gewinnen für „königliche Demut“, „Staunen“, „Entdecken“ und „Bewundern“. Daraus geht wirklich kein Bocksgesang mehr hervor. Eher ist der kleine Aufsatz ein Steinbruch des Sozialphobikers Botho Strauß, der das Ressentiment wohl immer noch braucht, um in Schreibstimmung zu kommen. Kaum auszudenken, was Strauß, den jegliche Form der Zeitgenossenschaft ein andauerndes Ärgernis zu sein scheint, hervorzubringen imstande wäre, wenn er das Soziale als Reibungsfläche für „kritisches Bedenken“ begreifen könnte.

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