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Die Obsession der Unsicherheit

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Norman Manea, bisher noch ohne  Literatur-Nobelpreis.
Norman Manea, bisher noch ohne Literatur-Nobelpreis. © alberto cristofari A3/laif

Zum 75. Geburtstag des rumänischen Schriftstellers und Intellektuellen Norman Manea

Von Katrin Hillgruber

Die Rumänen sind ein begabtes Volk, besonders für die Kunst, nicht für die Politik, da ist es furchtbar“, sagt Norman Manea mit charmantem Akzent über seine Landsleute. Deutsch lernte er bei seinem Hauslehrer in der Bukowina, in einer anderen, längst untergegangenen Zeit des jüdisch-kosmopolitischen Bürgertums, für das auch Paul Celan stand.

Norman Manea, von seinem Freund Philip Roth bislang leider erfolglos für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen, liebt es, sich zwischen alle Stühle zu setzen, dem Dummen August auf dem Jahrmarkt gleich, den er als Symbol des Künstlers versteht. In seinem artistischen Selbstporträt „Die Rückkehr des Hooligan“ (2004) griff er unter dem finster-byzantinischen Stichwort „Jormania-Syndrom“ den rumänischen „Selbsthass auf die süße Tour“ auf.

Der Schriftsteller wurde 1936 in der Bukowina geboren, in die er kürzlich für einen bewegenden Dokumentarfilm des rumänischen Fernsehens zurückkehrte. 1941 wurde seine jüdische Familie mit 200000 Leidensgenossen unter der faschistischen Antonescu-Diktatur in ein Arbeitslager in der Ukraine deportiert. Die Hälfte der Verschleppten kam ums Leben, darunter Maneas Großeltern. 1945 wurde er repatriiert und beteiligte sich als junger Pionier am „Projekt des universellen Glücks“. Doch schon als Oberschüler und während seiner Ausbildung zum Wasseringenieur wandte er sich von den Lügen des Kollektivismus ab.

1981 beklagte Manea in einem Interview den schwelenden Nationalismus und Antisemitismus unter Ceausescu, was ihn prompt zum Staatsfeind machte. Am 16. Juni 1986 fand sein persönlicher „Bloomsday“ statt: die Ausreise aus dem „sozialistischen Dublin“ Bukarest.

Nach einer Zwischenstation in Berlin lebt Norman Manea mit seiner rührigen Frau Cella seitdem in New York, dem er die Qualitäten eines angenehmen Hotels bescheinigt. Am dortigen Bard-College fand Ende Juni ein Symposium zu seinen Ehren statt, und beim Bukarester Verlag Polirom ist soeben der rumänisch-englische Sammelband „The Obsession of Uncertainty. In Honorem Norman Manea“ erschienen. Fünfzig Autorinnen und Autoren wie der Schriftsteller Antonio Tabucchi oder Maneas deutscher Verleger Michael Krüger gratulieren darin dem wohl bedeutendsten rumänischen Intellektuellen seit (dem politisch aber völlig konträren) Emil Cioran zum heutigen 75. Geburtstag.

Die Obsession der Unsicherheit: Das beschreibt treffend jene „düstere Heiterkeit gegenüber Despoten und deren verrückten Träumen“, die der Niederländer Ian Buruma Maneas Prosa attestiert. Einige ihrer herrlichsten surrealen Blüten treibt sie in dem Erzählband „Oktober, acht Uhr“, dem bis dato 22 belletristische und essayistische Werke folgten. In diesem Sinne: herzlichen Glückwunsch, la muti ani!

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