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Milena Busquets: „Verlorene Freundin“ - Nur ein Faden Erinnerung

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Von: Sylvia Staude

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Wie sicher kann man sich sein, dass man Schulhofszenen richtig in Erinnerung hat?
Wie sicher kann man sich sein, dass man Schulhofszenen richtig in Erinnerung hat? © FRANCK FIFE

Was war das damals mit Gema? Milena Busquets schickt ihre Ich-Erzählerin auf Erinnerungssuche nach einer „verlorenen Freundin“.

Ironisch, zart bitter vergleicht sich Milena Busquets’ Ich-Erzählerin, vergleicht sich eigentlich wohl Milena Busquets mit Proust: seinen „gleißenden Erinnerungserfahrungen“ entspricht ihr „halb gestrickter Schal, aus dem ein loser Faden hing, und wenn ich daran zog, dann löste sich alles auf“. Der Faden im schmalen, in vielen Details autobiografischen Roman „Meine verlorene Freundin“, von dem aus sich alles auflöst: ein Moment auf dem Schulhof, die kranke Gema ist noch einmal gekommen. „He! Gut siehst du aus!“, sagt die Ich-Erzählerin zu ihr, den Schein wahrend. Sie wird sie danach nie wieder sehen.

Aber wie war sie tatsächlich, diese kurze letzte Begegnung auf dem Schulhof? Hat sie überhaupt stattgefunden? Im Heute der Erzählung beginnt eine Art Recherche – am Ende des Buches dankt Busquets „den Freunden, die mit mir ihre Erinnerungen an Gema geteilt haben“ -, wird aber der Zweifel nicht kleiner, sondern größer. Niemand sonst kann sich erinnern, ob die Todkranke tatsächlich noch einmal zur Schule gekommen ist. Auch die erinnerte Jahreszeit scheint nicht zu stimmen. Aber da ist dieses Bild vor dem inneren Auge, in dem Gema ihren Kopf dreht, die Freundin ihren schönen Nacken wahrnimmt und ein „müdes Lächeln“.

Das Buch

Milena Busquets: Meine verlorene Freundin. Roman. A. d. Span. v. Svenja Becker. Suhrkamp. 140 S., 22 Euro.

Milena Busquets, Tochter der 2012 gestorbenen katalanischen Verlegerin und Schriftstellerin Esther Busquets, macht ihre – ebenfalls schreibende, ebenfalls zwei Kinder habende – Erinnerungssucherin nicht zu einer sympathischen Figur. Mehr als für andere Menschen – „Ich hatte nie das Bedürfnis verspürt, mehr zu wissen als das, was andere mir erzählen wollten“ – interessiert sie sich für das, was diese anderen anziehen und was sie selbst anziehen soll, um einen guten Eindruck zu machen. Sie ist privilegiert, verwöhnt, ein Snob. Ihr Freund Bruno ist ein erfolgreicher Dramatiker, gutaussehend dazu, wie sie oft und gerne betont. Aber schon schiebt sie Arbeit vor, um nicht mit ihm wegfahren zu müssen. Er beginnt sie zu langweilen.

Sucht die Erzählerin nach Erinnerungen an ihre Freundin? Oder nicht eher, mit zu bewundernder Nüchternheit und Schonungslosigkeit, nach ihren charakterlichen Defiziten? Eine ehemalige Schulfreundin weiß, dass Gemas Vater noch lebt, sie hat Kontakt. Ob sie Bescheid sagen soll, wenn sie wieder mal hingeht? Ja, sagt die Erzählerin, meint es aber nicht so. „Tatsächlich täte die Person das gern, die ich gern wäre, dachte ich.“

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