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Eva Illouz.
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Eva Illouz.

Eva Illouz „Israel“

Nüchterne Verzweiflung

Pflichtlektüre für alle, die sich auch nur im Geringsten für den sogenannten „Nahostkonflikt“ interessieren und informiert mitdebattieren wollen: Die israelische Soziologin Eva Illouz analysiert den Staat Israel.

Von Micha Brumlik

Die israelische Sozialwissenschaftlerin Eva Illouz ist hierzulande durch ihre brillanten Arbeiten zur Soziologie der Gefühle, vor allem den unterschiedlichster Spielarten der Liebe bekanntgeworden. Mit ihrem kürzlich erschienenen Band unter dem schlichten Titel „Israel“ interveniert sie in eine Debatte, die spätestens seit dem Gazakrieg im Sommer 2014 die deutsche Gesellschaft umtreibt. Ist es, so wird immer wieder gefragt, antisemitisch, wenn die israelische Politik oder gar die Struktur des Staates Israel als völker- und menschenrechtswidrig, mindestens aber als diskriminatorisch bezeichnet wird?

Liest man das Buch von Eva Illouz, die selbst eine überzeugte und bekennende Zionistin ist, kann das nicht der Fall sein. „Israel“ stellt eine Sammlung von vierzehn längeren Beiträgen dar, die Illouz zwischen 2011 und 2014 in der linksliberalen israelischen Zeitung „Haaretz“ publizierte – Beiträge, aufgrund derer sie zunehmend ins politische Abseits gedrängt worden ist. Illouz, die im August 2012 Präsidentin der renommierten, in Jerusalem ansässigen Bezalel-Kunsthochschule wurde, musste diese Position inzwischen aufgeben und ist auf ihre Professur an der Hebräischen Universität zurückgekehrt.

In ihren luzide geschriebenen, in ihren Behauptungen bestens belegten Essays weist sie nach, dass jene Israelis, die keine Juden, sondern Araber sind, Bürger zweiter Klasse sind, dass der in Israel im Bereich des Familienrechts als Staatsreligion geltende jüdische Glaube „modernen, liberalen und universalistischen Denkweisen abträglich“ ist und dass die kaum noch politisch rückholbare Annexion des Westjordanlandes letztlich nichts anderes ist als ein – so Illouz – „eindeutiger, unverhohlener und unverfrorener Kolonialismus“.

Diese Siedlerbewegung dient, wie Illouz zeigt, den Interessen des jüdischen Staates. Als Soziologin der Gefühle erklärt sie zudem, wie die lange Militärzeit junge Männer und Frauen in ihrer Adoleszenz so sozialisiert, dass sie einen Habitus des Gehorsams, eine spezifische Form des autoritären Charakters ausbilden, der es ihnen erschwert, sich offen und unverkrampft zivilgesellschaftlichen Aktivitäten zuzuwenden.

Die israelische Staatsangehörigkeit, die nur eine Staatsbürgerschaft, aber keine Nationalität ist, erscheint bei alledem als eine eigentümliche Synthese: bestehend aus einer marktradikalen Ideologie; einer ihr widersprechenden staatlichen Kontrolle des Immobilien- und Landbesitzes; aus einem kontinuierlichen Abbau des Wohlfahrtsstaates sowie einer „ideologisch motivierten Hingabe an die Nation als militärisches und religiöses Kollektiv.“

Illouz, die sich dieser Argumente wegen vermehrt mit Vorwürfen auseinanderzusetzen hat, eine jüdische Antisemitin zu sein, geht in ihrer radikalen Kritik an den gegenwärtigen israelischen Zuständen jedoch noch weiter und schließlich so weit, auch das säkulare Allerheiligste des jüdischen Staates, die jedes Jahr aufs Neue inszenierte Trauer um die Ermordeten der Shoah zu kritisieren.

Trauer oder Hoffnung

Der jüdische Staat Israel, so ihre feste Überzeugung, hat als nationale Trauergemeinschaft keine Zukunft. Dabei bezieht Illouz all jene, die als junge Soldaten und Soldatinnen ihr Leben lassen mussten, mit ein. „Unsere Toten zu ehren heißt, dass wir uns dazu entscheiden, eine Gemeinschaft der Hoffnung zu sein, die auf universellen moralischen Prinzipien und Idealen beruht.“ Mit einer Paraphrase auf einen berühmt gewordenen Ausspruch Walter Benjamins schließt ihr Buch: „Nur die Hoffnung, nicht die Trauer kann die Toten erlösen.“

Illouz’ bestens lesbare Essaysammlung ist als Pflichtlektüre allen zu empfehlen, die sich auch nur im Geringsten für den sogenannten „Nahostkonflikt“ interessieren und informiert mitdebattieren wollen.

Dies gilt zumal in einer Zeit, in der der jeder Zivilcourage bare, der SPD angehörige Kölner Oberbürgermeister auf einen Anruf der israelischen Botschaft hin die von jüdischen Israelis konzipierte Ausstellung „Breaking the Silence“ nach Gutsherrenart einfach verboten hat, nachdem diese Präsentation über die Schikanen, die Palästinenser von israelischen Soldaten zu erleiden haben, 2012 völlig unbeanstandet im Berliner Willy-Brandt-Haus der SPD gezeigt worden war.

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