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NS-Nippes in der Hand

Tanja Dückers pirscht sich an die Vergangenheit heran

Von Susanne Balthasar

Wer etwas über seine Herkunft erfahren will, raten Psychologen, der muss bei den Großeltern anfangen. Dem Rat folgt auch Freia Sander. Von Berufs wegen ist sie als Wolkenforscherin zwar den weißen Himmelsgebilden verpflichtet, in ihren Privatrecherchen zieht es sie aber runter auf den kaltschwarzen Ostseeboden. Denn dort hätte Freias Familiengeschichte eigentlich auf Grund laufen müssen, wären ihre Großeltern mit Tochter Renate 1945 tatsächlich wie geplant mit der "Wilhelm Gustloff" geflohen, die damals sank. Freia vermutet an dieser Stelle einen dunklen Flecken der Familiengeschichte, dessen Schatten bis in die Gegenwart reichen.

Die Recherche beginnt mit Opas Kriegsholzbein. Wie ein Fremdkörper ragt es hinein in die bürgerliche Biederkeit der 70er Jahre-Kindheit am Stadtrand Westberlins. Schon als Kinder ziehen Freia und ihr Zwillingsbruder Paul den Großeltern Kriegsgeschichten aus der Nase. "Ihr könnt euch das Gedränge, die Aufregung am Hafen nicht vorstellen! Schiffe überall, Flüchtlingstrecks, ein Chaos ohnegleichen. Überall standen, lagen und saßen die Menschen bei minus zwanzig Grad." Mehr Platitüden könnten auch auf Tante Käthchens Achtzigstem nicht zum Besten gegeben werden.

"Meine Generation ist die erste, die einen nüchternen Blick auf dieses Thema wagen kann", hat Tanja Dückers in einem Interview mit der Zeit verkündet. Nun, das ändert nichts daran, dass es der Autorin an Phantasie mangelt, um das Nichterlebte lebendig werden zu lassen. Dückers Recherchematerial scheint sprachlich unverdaut in den Mund des Großvaters geraten zu sein: "Am 30. Januar herrschte kräftiger Wind, Stärke 7-7, die Sichtweite 1- 3 Seemeilen, ich weiß das alles bis heute." Diese sprachliche Spröde erinnert unangenehm an ein Referat, vorgetragen im Mittelstufenkurs Geschichte.

Dückers Methode: Schweigen über die Vergangenheit, mal ein Satz zu viel und dazwischen Kaffee und Kuchen. Auf dem Höhepunkt der Spannungskurve hält die Heldin bei der Entrümpelung der Wohnung der Großeltern ein Kästchen mit NS-Nippes in der Hand - oh Gott! Ihre Großeltern haben sich postum als Parteimitglieder entpuppt, die Geschichte mit der Gustloff stammt auch aus der eigenen Familienfundus. Auch wenn das auf die Autorin gewirkt haben mag wie die Entdeckung des Bernsteinzimmers (zumindest wenn man von dem Text auf die Verfasserin rückschließen kann), reicht das nicht für einen Roman. Schon gar nicht, wenn die Rettung dank Parteibuch Ursache eines Generationen übergreifenden Familientraumas sein soll.

Das inhaltlich dünne Handlungsgerüst hat Tanja Dückers mit Selbstmorden und Liebesleid aufgepeppt: Das Zwillingspaar Künstler / Naturwissenschaftlerin, das aus einem jungenhafte Mädchen und seinem homosexuellen Bruder besteht, der der Schwester während der Pubertät den ersten Liebhaber abjagt. Der Liebhaber wiederum hat ein Problem mit seinem Wagner-hörenden Nazi-Vater, verkriecht sich vor der langweiligen Wirklichkeit mit den Zwillingen in den märchenhaft verbrämten Wald, wo sich auch der Zwillingsvater mit seinen Geliebten trifft, die er zu Hause als Elfen ausgibt. Vielleicht hat Tanja Dückers hier ihren Volkshochschulkurs Psychologie verarbeitet. Immerhin lässt sie Freia doch noch eine spektakuläre Entdeckung gelingen: Als sie ins nun polnische Gotenhafen fährt, sind die Spuren der Vergangenheit zwar verwischt, dafür weht ihr am Horizont die seltene Wolkenart Cirrus Perlucidis vor die Kamera. Als Wolkenforscherin hat sie einen Treffer gelandet. Die Vergangenheit hätte sie lieber unerforscht gelassen.

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