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Norman Davies führt vor allem in König Artus’ Land: Die Burg Restormel in Cornwall. Imago Images

Geschichte

Norman Davies „Weltreise in die Geschichte“: Und da ist auf einmal König Marke

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vom Denisova-Mensch und anderen Unbekannten und weniger Unbekannten: Norman Davies’ anregende „Weltreise in die Geschichte“.

Es eilt. Sie müssen dieses Buch im Urlaub lesen. Natürlich müssen Sie nicht. Aber wenn Sie es lesen möchten, müssen Sie es im Urlaub tun. Das hat einen einfachen Grund: Die meisten Kapitel haben etwa 60 Seiten, dazu brauchen Sie mindestens zwei Stunden. Eher mehr, denn der 1939 in Bolton, Lancashire geborene Norman Davies stopft jede Seite voll mit Informationen. Der emeritierte englische Geschichtsprofessor unterrichtete unter anderem in London, Krakau und Oxford. Davies schreibt mit ansteckendem Interesse auch über die schlimmsten Dinge. An denen herrscht – so ahnen wir zu Hause sitzen gebliebenen – auf einer Weltreise kein Mangel. Immer wieder lässt man den Band sinken und fragt sich, ob es nicht besser wäre, die Spezies zu wechseln. Aber schon das Delhi-Kapitel belehrt einen eines Besseren. Die Reinkarnationslehre macht nicht bessere Menschen aus uns. Sie bestärkt die Starken. Ein verhängnisvoller Effekt.

Fünfzehn Kapitel auf 840 Seiten. Das werden Sie nicht schaffen neben Ihrer Arbeit. Sie wollen es aber schaffen. Denn Sie werden das Buch verschlingen, wenn Sie fasziniert davon sind, dass alles eine Geschichte hat, dass alles sich verändert, miteinander aufeinander reagiert. Mal liebevoll, mal mörderisch.

Zur Geschichte gehört natürlich auch ihr Beharrungsvermögen, ihre Bereitschaft, sich abrupt umzudrehen und dort wieder anzufangen, wo angeblich vor Jahrhunderten die Vorfahren aufgegeben hatten. Mit seinem 2013 erschienenen Buch „Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa“ hatte Davies Hunderttausende mit seiner Erzählkunst erreicht. Auch damals waren es fünfzehn Kapitel. Das erste handelte vom Untergang des Gotenreiches, das letzte von dem der Sowjetunion. Diesmal sind es Reiseberichte, die immer auch solche in die Vergangenheit sind.

Die Weiten des Pazifik wurden nicht von „geschichtslosen Völkern“ befahren, sondern es gab bereits im 2. Jahrtausend v. u. Z. die Lapita-Kultur, deren Keramik an Orten zwischen der Vogelkop-Halbinsel auf Neuguinea und Samoa gefunden wurde. Eine Strecke von 6000 Kilometern. Also die von Berlin nach Ulan Bator.

Davies geht noch weiter zurück in die Vergangenheit: „Zehn bis 25 Prozent der melanesischen DNA sollen auf das Denisova-Genom zurückgehen“. Der Denisova-Mensch, von dem es vermutlich mehrere Stränge gab, gehört wie Neandertaler und Homo sapiens zur Gattung Homo. Er soll erst vor 30 000 Jahren ausgestorben sein.

Auch über die französischen Atomtests in Polynesien schreibt Davies. Er tut das mit viel Sinn für das, was Hegel die „List der Vernunft“ nannte. Die Unabhängigkeit Algeriens entzog den Franzosen ihr Atomversuchsgelände Sahara. Sie verlagerten die Tests – zunächst oberirdisch – in den Pazifik. Zwischen 1974 und 1996 wurden dort fast 200 französische Atombomben unterirdisch gezündet. Die Atomtests brachten viele Wissenschaftler und mit ihnen eine Infrastruktur nach Polynesien. Die Unabhängigkeitsbestrebungen wurden vom weltweiten Protest gegen die Bombentests kräftig befördert. Und jetzt legen französische Staatsgäste am Grab des Widerstandskämpfers Pouvanaa a Oopa (1895-1977), der gefordert hatte „Tahiti den Tahitianern und die Franzosen ins Meer“, Kränze nieder.

Norman Davies wendet sich an Menschen, die sich für das interessieren, das sie noch nicht kennen. So seien wir doch alle, sagt man uns, um uns Neuigkeiten über Altbekanntes zu sagen. Davon leben ganze Zweige der Unterhaltungsindustrie, die so tun, als wären sie Informationsmedien, weil sie uns mit den letzten Verwicklungen – erfundenen und realen – der Prominenz vertraut machen. Damit wird Geld verdient, weil das Millionen zu interessieren scheint.

Damit hat, Sie ahnen es schon, Norman Davies nichts zu tun. Er lockt nicht mit bekannten Namen, sondern überschreibt das erste Kapitel seines Buches so: „Kerno: Das Reich des Quonimorus“. Wer keine Ahnung hat, wovon die Rede ist, aber dennoch weiterliest, oder vielleicht sogar angelockt wird vom Unvertrauten, vom Fremden – das ist ein Davies-Leser.

Doch weg von möglichen und angeblich unmöglichen Überschriften zurück „Ins Unbekannte“. Das ist nämlich der Titel des Buches von Norman Davies. Der Untertitel lautet „Eine Weltreise in die Geschichte“. Wer also zum Teufel sind Kerno und Quonimorus? Kerno ist keltisch für Cornwall und „Marcus Quonimorus war ein römisch-britischer König, der in der Sprache der Einheimischen ,Margh‘ oder ,Marke‘ genannt wurde. Er lebte im 5. und 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Sein Name ist auf einem uralten Grabstein überliefert, der sich heute an einer Straße in Menabilly nahe Fowey befindet. Daraus scheint hervorzugehen, dass er der Vater eines gewissen ,Drustans‘ war, an den dieser Grabstein erinnert.“ Wir sind die ganze Zeit, ohne es zu ahnen, an „Kornwalls grünem Strand“ in „König Markes Land“, also auch in Wagners „Tristan und Isolde“.

Aber Norman Davies ist Brite walisischer Herkunft, also sind wir vor allem in König Artus’ Land. Artus und seine Ritter waren und sind wohl immer noch eine der erfolgreichsten Schöpfungen des großen Entwicklers literarischer Stoffe, des globalen Contentlieferanten Großbritannien. „Content (deutsch: Inhalt) ist essentiell für das Ranking in Suchmaschinen, für die Aufenthaltsdauer von Webseitenbesuchern und deren Interaktion auf der Website“ heißt es in einem Internetlexikon. Daran musste ich denken, als ich ein von Davies in seinem Cornwall-Kapitel zitiertes Gedicht las: „This was the land of my content./ Blue sea and feathered sky,/ Where, after years away, at last/ I came home to die.“ Soviel zur Aufenthaltsdauer. Die deutsche Version des Gedichts lautet: „Dies war das Land, wo Ruh ich fand/ Nach Jahren in der Fremde,/ Wo Himmelblau und Wolkenband/ Mich heimführn an mein Ende.“

„Wenn man vorhat, um die Welt zu fliegen, gibt es schlechtere Ausgangspunkte als Frankfurt am Main. Schließlich führt der Rhein-Main-Flughafen mehr Flugziele auf als jeder andere Flughafen auf der Welt – wenn auch die Passagierzahlen ein wenig unter den Werten seiner größten internationalen Konkurrenten liegen.“ Sein „Round-the-World-Ticket“ hatte Davies von der Star Alliance, einem Verband großer Luftfahrtgesellschaften, zu der auch die Lufthansa gehört.

Also Frankfurt. Der Frankfurter Stadtwald umgibt den Flughafen, schreibt er, „wie ein grünes Meer“. Dann aber ist Schluss mit der Lyrik: „Ganz am Anfang meiner Reise um die Welt hat mich die Suche nach dem Shuttlebus vom Flughafen zu meinem Hotel mehr Nerven gekostet als fast alles andere, was ich danach auf zwei Dutzend anderen internationalen Flughäfen noch erlebt habe ... in der riesigen Höhle einer vollkommen verwirrenden und – in mehrfachem Wortsinn – unterirdischen Abholzone ...“ Eine Weltreise ist immer wieder auch eine Zumutung. Dass sie es für den Reisenden sein kann, ist noch das kleinste Übel.

Immer wieder stößt der Historiker darauf, dass ganze Völker niedergemetzelt wurden, weil andere deren Fisch- und Jagdgründe, deren Ackerland für sich beanspruchten. Kein Quadratmeter der USA, der nicht auch diese Geschichte erzählte. Oder auch die Gruppenvergewaltigungen in Indien, in denen nicht nur die Wut des ganz gewöhnlichen Machismus, sondern auch das vom Kastensystem gepflegte Hierarchiegefälle sich austoben. Und das ist Gegenwart und – schrecklich zu denken – auch Zukunft.

Im Indien-Kapitel denkt der Autor mit dem Botschafter Großbritanniens darüber nach, dass Europa sich nicht dazu aufraffen kann, endlich mit einer Stimme zu sprechen. Diese Reise führt nicht nur in die Vergangenheit, sie ist selbst das Dokument einer Prä-Brexit-Vergangenheit. Und es ist eine Reise ohne Maske. Eine Weltreise aus der Prä-Corona-Epoche.

„Ins Unbekannte. Eine Weltrese in die Geschichte“ von Norman Davies

  • Verlag: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft
  • Übersetzung: Jörn Pinnow und Tobias Gabel
  • Seitenzahl: 896
  • Originaltitel: Beneath another Sky
  • ISBN: 978-3-8062-4114-3

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