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Normaler Dreck

Vielleicht sollte man eine Gesellschaft auch danach beurteilen, was sie von sich selbst nicht weiß. Etwas Licht in ein schwarzes Loch des Nichtwissens und

Von RUDOLF WALTHER

Vielleicht sollte man eine Gesellschaft auch danach beurteilen, was sie von sich selbst nicht weiß. Etwas Licht in ein schwarzes Loch des Nichtwissens und Nichtwissenwollens bringt die Studie von Maria S. Rerrich. Die Münchener Professorin beschäftigt sich mit allen Aspekten der Arbeit von Putzfrauen in deutschen Haushalten. Ihre Zahl ist hoch, aber niemand kennt sie auch nur halbwegs genau. Der Anteil von Putzfrauen ausländischer Herkunft ist ebenfalls hoch, aber über genaue Zahlen verfügt niemand.

Maria S. Rerrich interessiert sich nicht für Skandalfälle, sondern für den Normalfall und der ist schon skandalös genug. Ihre Informationen stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden in den vergangenen 15 Jahren vor allem in Gesprächen mit deutschen Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen zusammengetragen. Zwei Musterfälle verweisen auf die Bandbreite der Probleme.

Eine 50-jährige Verwaltungsangestellte aus Polen und ihr Mann verlieren ihre Arbeit. Sie reist nach München, wo ihr ein Netzwerk von Polinnen zu Putzjobs verhilft. Nach kurzer Zeit hat sie einen Kundenstamm, der es ihr erlaubt, monatlich für ein paar Tage nach Polen zu fahren. Sie macht diesen Job seit zwölf Jahren, die Ehe ging darüber in die Brüche, aber den beiden Kindern ermöglichte die Mutter einen überdurchschnittlichen Lebensstandard. Zeitweise beschäftigte sie eine polnische Rentnerin als Kinder- und Haushaltshilfe, während sie in München putzte.

Die andere Frau stammt aus Ecuador und war 27 Jahre alt, als sie merkte, dass sie schwanger war. Sie floh zu ihrer Schwester, die in Hamburg als Prostituierte arbeitete. Einen Tag nach der Ankunft wurde diese verhaftet und abgeschoben. Nun stand sie allein da - schwanger und ohne Sprach- und Ortskenntnisse. Sie brachte das Kind zur Welt und hielt sich als Illegale mit Putzen über Wasser. Zeitweise zog sie einen Essensdienst für Prostituierte auf, lebte aber in ständiger Angst vor der Abschiebung. Fast alle Putzfrauen sind Frauen in Not - aber dafür erklärt sich niemand für zuständig.

Ein New Yorker in Berlin

Von unten kam auch der 1894 in New York geborene Ben Hecht, der sich als Laufbursche durchschlug und danach als Lokalreporter. 1918 kam er als Korrespondent ins revolutionäre Berlin. Später wurde er zum Drehbuchschreiber für Filme von Billy Wilder, Alfred Hitchcock und Howard Hawks. Über seinen Deutschland-Aufenthalt berichtet er in seiner Autobiografie von 1954. Die 15 Prosatexte bieten ein Stück Zeitgeschichte aus erster Hand.

Als er über die marodierenden Freikorpstruppen berichtete, ließ ihn die sozialdemokratische Regierung ausweisen, aber Ben Hecht tauchte unter. Er interviewte als erster Reporter Philipp Scheidemann und Friedrich Ebert, den er als "dunkelhaarig, rotwangig, dick und birnenförmig" porträtierte. Seine politischen Urteile sind von unterschiedlicher Reichweite und Beständigkeit, aber oft originell und präzis. Er kritisiert die "niederschmetternden Entschädigungsforderungen" des Versailler Vertrags, verspottet "Offiziersjunker" und aufgeblasene sozialdemokratische "Geschichte-Macher". Seine Bewunderung gilt Hugo Haase, der den Massenmord im Hof des Moabiter Gefängnisses - begangen von Regierungstruppen - öffentlich anklagte und einige Wochen später mit dem Leben bezahlte.

Maria S. Rerrich: Die ganze Welt zu Hause. Cosmobile Putzfrauen in privaten Haushalten. Hamburger Edition, Hamburg 2006, 168 Seiten, 16 Euro

Ben Hecht: Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland 1919. Berenberg Verlag, Berlin 2006, 108 Seiten, 19 Euro.

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