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Friedfertiges Volk: Bienen, in der Mitte ihre Königin.

Roman „Winterbienen“

Norbert Scheuer: Unter dem Schutz der Bienen

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Norbert Scheuer stellt sich eine ungewöhnliche Rettung jüdischer Flüchtlinge vor.

Was für ein Fundstück diese alte Aktentasche doch ist! Nicht nur steigt beim Öffnen „ein geheimnisvoller Duft von Wachs und Honig, Blütenblättern und Kiefernnadeln“ hervor. Vor allem sind darin die Aufzeichnungen von Egidius Arimond aufbewahrt, den kurz nach Kriegsende eine Tellermine zerrissen hatte. Ja, was für ein Fundstück und was für ein Kerl: Nazi-Gegner, Imker, Fluchthelfer für Juden, Epileptiker, Frauenheld, Intellektueller und dann auch noch verwandt mit dem Benediktiner-Mönch Ambrosius aus der Zeit um 1500. All das ist nachzulesen im Tagebuch des Egidius aus den Jahren 1944 und 1945, das Norbert Scheuer jetzt für uns in einem neuen Roman seiner Kall-Saga aufbereitet hat. Seit dem Urknall vor 25 Jahren dehnt sich auch dieses Universum immer weiter aus.

Der Lateinlehrer Egidius Arimond wurde – wohl wegen seiner Krankheit – vorzeitig aus dem Schuldienst entlassen. Dass der Epileptiker zwangssterilisiert worden ist, erwähnt er beiläufig. Vor der Einlieferung in eine Anstalt, vermutet er, habe ihn sein Bruder Alfons bewahrt, der als Kampfflieger gefeiert wurde. Von Kriegsmonat zu Kriegsmonat wird es für Egidius schwieriger, an die bitter notwendigen Anti-Epileptika zu gelangen. Dafür braucht er Geld. Das bringt er nicht mit dem Honig herein. Aber als Fluchthelfer für eine „Organisation“ kassiert er die eine oder andere Summe. In der Regel 200 Reichsmark pro Person.

Dass Juden heimlich über die Grenze nach Belgien geführt wurden, ist historisch verbürgt – wenngleich nicht in der hier geschilderten Variante. Der Imker macht sich mit Pferd und Wagen und den in den Bienenkästen versteckten Juden auf den Weg. Als Grund für seine Touren gibt er bei Nachfragen an, dass er seine Honigsammlerinnen auf schöne Blütenweiden im Grenzgebiet bringen müsse. Der Clou: Den Flüchtlingen – mal ist es einer, mal sind es zwei – heftet er Bienenköniginnen an die Kleidung, die er in Lockenwickler gesteckt hat. Die besorgten Winterbienen sind nun bemüht, die Königin zu beschützen und zu wärmen. Dazu legen sie sich dicht an dicht auf die Flüchtlinge, ohne diese zu stechen. Kein noch so misstrauischer Streckenposten geht da nah ran.

Das Buch:

Norbert Scheuer: Winterbienen. Roman. C. H. Beck, München 2019. 320 Seiten, 22 Euro.

Die Spur der Bienen führt weit zurück ins späte Mittelalter. Norbert Scheuer kreuzt die Kriegstagebücher mit den Aufzeichnungen eines ehemaligen Benediktiner-Mönchs. Dieser Ambrosius Arimond war einst in den Alpen aufgebrochen, um das Herz und die Bibliothek des in Rom beerdigten Nikolaus von Kues in dessen Heimatdorf an die Mosel zu überführen. Wie es dazu kam, ist eine saftige Erzählung, die im Kontrast steht zum eher nüchternen Berichtston des Weltkrieg-Tagebuchs. Über die Jahrhunderte hinweg verbindet den Mönch Ambrosius und den Lateinlehrer Egidius die Liebe zu den Bienen und zu den Frauen.

Viel erfährt man diesmal über die Aufzucht und Pflege der Bienen, zumal der Winterbienen, deren Hauptaufgabe es ist, die Königinnen vor der Kälte zu schützen. So kennt man die Werke von Nobert Scheuer: Nicht nur vergrößern sie Roman um Roman das Mosaik einer Landschaft und ihrer Menschen (unter denen jetzt wieder einige alte Bekannte auftauchen wie Lünebach oder Vincentini). Auch widmet sich der Autor, als bräuchte er diesen Kick beim Schreiben, stets der Erkundung von Neuland. Seine Leser haben mit ihm viele Einführungs-Kurse besuchen dürfen – da ging es um Steine und Fische und Vögel. Und diesmal eben um die Bienen.

Was sich über deren Charakter sagen lässt, spiegelt mehr als einmal die brutalen Zeitläufte, zu denen der Roman spielt. „Alles im Bienenvolk scheint aufs Beste fürs Überleben und die Wohlfahrt des Volkes eingerichtet“, lesen wir. „Bienen sind nicht aggressiv, sie würden niemals andere Völker erobern und sie unterjochen; sie sind friedfertig, wenn sie sich nicht angegriffen fühlen.“ Währenddessen dröhnen mehr und mehr Bomber über die Landschaft. Lightning-, Maryland-, Lancaster-Bomber auf dem Weg, den Weltkrieg zu entscheiden. Zeichnungen von all den Kampfflugzeugen, die im Text erwähnt werden, hat Erasmus Scheuer beigetragen, der Sohn von Norbert Scheuer.

Ja, es ist ein Roman von Bienen und Bombern, von Honig und Hölle, von Tod und Leben in Krieg und Diktatur. Aber: „Es gibt keine Darstellung der ganzen Wirklichkeit. Nur eine Auswahl.“ Diese Sätze von Pär Lagerkvist eröffnen das Tagebuch. Totalität ist sowieso unvorstellbar. Aber das hält uns ja nicht vom Lesen ab. Schon gar nicht, wenn wir Bekanntschaft machen mit einer solch eindrucksvollen, gerne auch mal philosophierenden Persönlichkeit, mit einer Geschichte von Mut und Angst. Es ist ein Roman mit einem großen Resonanzraum, reich an wiederkehrenden Motiven, deren Variationen mal heller und mal dunkler klingen (und auch in andere Scheuer-Romane hinüberreichen). Und kein Wort zu viel, wenn vom Schrecken erzählt wird, wenn ein Kind stirbt oder ein Flüchtling. Dann wird der Erzähler so leise, dass niemand den Schmerzensschrei überhören kann.

Im Nachwort erzählt Norbert Scheuer, dass ihm die Aktentasche mit den Tagebuch-Blättern von einem Franz Müller überreicht worden sei, einem der „Grauköpfe“ in der Cafeteria in Kall, die sich dort täglich zu ihrem Schwatz treffen. Da könne er, wird ihm gesagt, endlich einmal etwas Gutes über Kall schreiben. Mittlerweile gehört der Verweis auf die Cafeteria zu einem Elementarteilchen der Scheuer-Werke. Allerdings darf man auch hier davon ausgehen, dass dieses der Fiktion zuzuschreiben ist. „Wer weiß schon“, lesen wir am Ende, „was an den Geschichten, die wir uns erzählen, wahr ist oder nur erfunden.“ Hauptsache ist doch, das sagen wir jetzt, dass daraus faszinierende Literatur entsteht.

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