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„Sister Cities“, ein Wandbild des Duos Los Dos, zeigt die politisch eher geleugnete Nähe von El Paso (USA) und Ciudad Juarez (Mexiko).
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„Sister Cities“, ein Wandbild des Duos Los Dos, zeigt die politisch eher geleugnete Nähe von El Paso (USA) und Ciudad Juarez (Mexiko).

„Der zweite Jakob“

Norbert Gstrein „Der zweite Jakob“: Das Buch, ein gutes Versteck

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Norbert Gstrein und sein unverschämt verschwiegener Roman „Der zweite Jakob“.

Sicher spielen wir alle Rollen, aber der Schauspieler und die Schauspielerin machen kein Hehl daraus, während sie es zugleich – das haben sie gelernt – besonders gut verbergen können. Eine irritierende Situation, die dadurch nicht bequemer wird, dass die schauspielerischen Fähigkeiten des hier zur Rede stehenden Mannes von unklarer Güte sind. Spielt er ausgerechnet die Rolle von Frauenmördern, hierfür wird er besonders häufig gebucht, nun einfach sehr gut, oder wird hier etwas sichtbar, das in ihm steckt?

Wobei diese Vermutung schon zu brüsk und direkt ist. Norbert Gstreins Roman „Der zweite Jakob“ ist ein Buch, in dem sich ein Mann, der sein Handwerk als Schauspieler passabel beherrscht, gut verstecken kann, man wird ihm nicht drauf kommen. Und auf was auch?

Der Vertrauensvorschuss, den eine Erzählerfigur in einem Roman schon durch ihr Amt, ihre Mittlerrolle, ihren Vorsprung im erzählten Kosmos, genießt, wird hier relativ schnell verbraucht. Das hat einen interessanten Grund: Der Mann, der kurz vor seinem 60. Geburtstag steht, hat nun seinerseits einen Biografen zu Gast, der „mein Leben festschreiben“ soll. „Ich hatte immer schon das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmte, wenn ich für meinen Geburtsort, für mein Alter, für die Schulen, die ich besucht hatte, und Ähnliches einstehen musste, aber war es sonst jeweils nur ein vages Unbehagen gewesen, hätte ich diesem jungen Mann gegenüber das meiste am liebsten sofort wieder zurückgenommen, was ich von mir preisgegeben hatte. Dabei war alles mit der Scham behaftet, tatsächlich der und der gewesen zu sein und nicht ernsthaft genug versucht zu haben, ein anderer oder gar Besserer zu werden und jeder Festgelegtheit zu entkommen.“

Und während der Erzähler also Auskunft gibt, entkommt er jeder Festgelegtheit doch gerade in diesem Moment. Schon keimt im Publikum auf der anderen Seite des Buches Misstrauen. Es sind erst ein paar Seiten vorbei.

Seltsamer Typ, der sich als Schauspieler Jakob Thurner nennt. Seinen echten Namen verrät er nicht. Er habe zu viele Konsonanten am Anfang gehabt, kein Name für eine Filmkarriere, schreibt der Erzähler, schreibt also Gstrein. So ein Zufall.

Das Buch:

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob. Roman. Hanser, München 2021. 448 Seiten, 25 Euro.

Aber warum erzählt er das?

Jakob heißt sein verschrobener Onkel, daher der Romantitel. Als Frauenmörder ist der Tiroler in seinem Debüt eher zufällig besetzt worden. Auch international wird er daraufhin entdeckt. Zunächst scheint alles im Lot. Aber warum erzählt Jakob jetzt von damals?

Vor etlichen Jahren hat es bei Dreharbeiten in der Wüste nahe der Grenze zu Mexiko einen Autounfall gegeben. Jakob war lediglich der Beifahrer – war er doch, oder? –, die betrunkene Fahrerin hat eine Frau überfahren. Der furchtbare Vorfall wird von Jakob spontan vertuscht – was in der Wüste erschreckend einfach ist – und nun von ihm selbst in die an sich recht friedliche Gegenwart des Romans geholt. Mit schweren Folgen, unter anderem bricht Jakobs geliebte und sehr sensible Tochter Luzie völlig zusammen.

Der Erzähler, dem man zwar nicht mehr glaubt, der aber die einzige Orientierung ist, die sich bietet, erinnert sich nun ausführlich an damals. Wir erfahren, dass in der Grenzregion zwischen El Paso und Ciudad Juárez ein Frauenmörder sein Unwesen getrieben hat, ein US-Journalist erklärt: „,Die Mädchen werden umgebracht, weil man sie umbringen kann. Es braucht gar keinen anderen Grund. Sie werden umgebracht, weil es keine große Sache ist.‘ Obwohl mir der Atem stockte, konnte ich doch nicht anders, als seine Worte zu wiederholen. Es war so ungeheuerlich, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte, und schien doch ... eine der fürchterlichsten ewigen Wahrheiten zum Ausdruck zu bringen ... Ich wusste, wovon er sprach, ich glaubte es jedenfalls zu wissen, und ich wusste es nicht nur, weil ich bereits in meinem ersten Film einen Frauenmörder gespielt hatte.“

Das wäre jetzt angenehm, wenn „Der zweite Jakob“ auf eine Kriminalhandlung hinausliefe. Davon kann aber keine Rede sein.

Die Nominierung von „Der zweite Jakob“ für die Shortlist des Deutschen Buchpreises ehrt gewiss das Lebenswerk eines eigenwilligen Schriftstellers (kurz nach dessen 60. Geburtstag, kaum nötig zu erwähnen, dass Gstrein ebenfalls Tiroler ist). Aber auch innerhalb seines Werkes ist „Der zweite Jakob“ besonders rigoros. Man kann sehr einsam sein beim Lesen, man kann den Eindruck haben, Gespenster zu sehen. Und keine Hilfe weit und breit.

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