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„Den großen autobiografischen Roman kann ich ja noch mit 60 schreiben. Oder mit 80“, sagt Nora Bossong.

Nora Bossong

Sehnsucht nach eindeutigem Gut-Böse-Schema - bei Rechten und Linken

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„Es soll mal wieder knallen“, wünschen sich Viele und gehen dafür auf die Straße. Die Schriftstellerin Nora Bossong über subjektive Wahrheiten und verkürzte Weltbilder.

Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert und anschließend Kulturwissenschaft, Philosophie und Komparatistik in Berlin, Potsdam und Rom. Ihr Debütroman „Gegend“ erschien 2006 in der Frankfurter Verlagsanstalt. Unter anderem folgten 2015 der aufsehenerregende Antonio-Gramsci-Roman „36,9°“ sowie die Reportage „Rotlicht“ 2017, beide bei Hanser.

Bossong ist auch Lyrikerin, zuletzt erschien 2018 der Gedichtband „Kreuzzug mit Hund“ (Suhrkamp). 

Frau Bossong, vor zwei Jahren hat Robert Menasse mit dem EU-Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis gewonnen. Kann man Ihren UN-Roman „Schutzzone“ ein bisschen als Fortsetzung oder Erweiterung lesen?
In beiden Büchern geht es um große, multilaterale Institutionen. Was Robert Menasse und mich eint, ist bestimmt die Begeisterung für politisches Denken und dass wir beide die Notwendigkeit sehen, das auch in unserer Arbeit zu vermitteln. Wir wollen beide nicht, dass das verloren geht, wir hängen daran. Mein Roman ist dann sicher etwas kritischer, ambivalenter. Aber das hängt natürlich auch mit den Aufgaben der Vereinten Nationen zusammen. Diese sind vielfältig, aber eine ist es eben, Völkermorde zu verhindern. Und wie die UN daran scheitern, ist offensichtlich tragischer als der Brexit oder ein finanzieller Rettungsschirm.

„Die Hauptstadt“ ist auch in eine Debatte über den Wahrheitsgehalt von Literatur geraten.
Selbstverständlich geht es nicht, Fiktionen aus dem Roman auch in anderen Texten weiterzuverwenden. Was das Buch selbst betrifft: Darum heißt es Roman und nicht Sachbuch. Man muss mit historischen Fakten gewissenhaft umgehen, die skandalisierende Aufgeregtheit empfinde ich aber manchmal als schwierig. Ich sehe in Robert Menasse jemanden, der sich fundiert mit Fakten und dem Kontext beschäftigt. Das ist mir tausendmal lieber als jemand, der zwar Fakten korrekt zusammensetzt, aber daraus vielleicht einen totalen geschichtsvergessenen NS-Roman macht.

„Schutzzone“ demontiert das Thema Wahrheit eigentlich komplett. Das betrifft Details im Leben der Hauptfigur und Erzählerin Mira, aber auch die großen Fragen, den Genozid in Ruanda und Burundi.
Das ist immer die Spannung zwischen verschiedenen subjektiven Wahrheiten, im Großen und im Kleinen, würde ich sagen. Dafür war die Wahrheitskommission in Burundi da: die Geschichten der Überlebenden hörbar zu machen und nicht die eine Wahrheit immer wieder neu zu bemühen. Die eine Wahrheit hat den Nachteil, dass sie politisch instrumentalisierbar ist. Wenn man sich zum Beispiel in Ruanda umschaut, kann man sagen: So wichtig es ist, dass das Gedenken an den Genozid aufrechterhalten wird, so sehr stellt sich die Frage, ob ein Politiker wie Kagame, der selbst mutmaßlich nicht ganz unschuldig war, das nicht auch für den eigenen Machterhalt nutzt.

Nora Bossongs neuer Roman „Schutzzone“, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, erzählt aus Sicht der UN-Mitarbeiterin Mira von deren Recherchen zum Genozid in Burundi. Das Wiedersehen mit einem Mann, bei dessen Eltern sie als Kind für eine Weile untergebracht war, gibt Gelegenheit zu Rückblenden und auch zu leichten Zweifeln an Miras Verlässlichkeit als Erzählerin. So wird die Frage nach Wahrheiten, und was man aus ihnen schließen soll, vielfältig umkreist.

Während der Buchmesse ist Nora Bossong etwa bei „Open Books“ zu erleben, Do., 17 Uhr, Stadthaus am Markt, danach um 18.30 Uhr bei „Zwischenzeilen“ in der Katharinenkirche, wo sie Texte der burundischen Autorin Ketty Nivyabandi liest, und um 20 Uhr bei der „Literatur im Römer“.

Hat sich der gesellschaftliche Umgang mit dem Begriff Wahrheit verschoben? Interessant bei Ihrer Frankfurter Lesung der Herr, der nicht hinnehmen konnte, dass die UN-Blauhelme auch in Kampfhandlungen verwickelt werden können.
Ja, das passte nicht in sein Weltbild, das nur die friedenserhaltenden Truppen kennt. In dieser Weise auf einer Meinung zu bestehen, die völkerrechtlich einfach nicht richtig ist, das ist schon erstaunlich. Wir leben in einer Zeit, in der die einen den anderen Fake News vorwerfen und umgekehrt. Aus der Sicht eines Donald Trump wird sich eine Zeitung wie Ihre vermutlich den ganzen Tag mit Fake News beschäftigen. Faktenbasiertes Wissen nicht mehr anzuerkennen, sondern sich die eigene Welt fast postmodern selbst zusammenzubauen, das ist schon gefährlich.

Halten die Leute die Komplexität der Welt nicht mehr aus? Auch davon handelt Ihr Buch auf allen Ebenen.
Es gibt eine Bequemlichkeit und Sehnsucht, zu einfachen, eindeutigen Wahrheiten zu kommen. Das finde ich auch in linksaktivistischen Formaten, denen ich wirklich deutlich näher stehe als Donald Trump. Aber auch da ist mir der Wunsch nach ambivalenzfreien Wahrheiten, nach einem klaren Gut-Böse-Schema ein bisschen zuwider, ja, so muss ich das sagen.

Sie selbst haben kein Problem mit Ambivalenzen, oder?
Dinge sind multikausal, ich finde das spannend.

Sie sind vor zwei Jahren Ihrerseits in eine postmoderne Situation gekommen, als Nora Gomringer mit „Recherche“, einer Geschichte über eine Figur namens Nora Bossong, den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. In einer gewitzten Replik schrieben sie dann: „Echtheit, was soll’s. Bin ich Schriftstellerin oder Kriegsreporterin? Fragt sich die Bossong.“ Mehr Ernst oder mehr Spaß?
Die ganze Situation war jedenfalls sehr amüsant. Ich hätte nie gern beim Bachmann-Preis lesen wollen, und so war ich doch dabei und habe quasi sogar gewonnen, wenn auch ohne Preisgeld. Der Spaß liegt ja darin, dass ein Kern Wahrheit drin ist. Ich bin keine Kriegsreporterin, aber ich gehöre schon zu den Schriftstellerinnen, die viel reisen und auch in Regionen, die etwas rauer sind als Den Haag, wo ich ebenfalls war.

Burundi, Ruanda?
Ruanda ist allerdings ruhig, da kann man wunderbar reisen. Eine zweischneidige Sache, denn das liegt daran, dass der Geheimdienst so gut funktioniert. Als ich dort war, wurde gerade der deutsche Botschafter abberufen, nachdem er Kagame kritisiert hatte. Die Deutschen im Land waren etwas nervös. Keiner wusste, wie viele Leute die E-Mails mitlasen, wo überall Wanzen waren. Mir war klar, dass mir nichts passieren würde, aber man wusste nicht, wem man schadete, wenn man Gespräche führte. Ich wohnte in der Zeit in Paris in einer WG. Mein Mitbewohner begrüßte mich bei meiner Rückkehr mit den Worten: Frankreich ist eine totale Diktatur geworden. Und ich dachte: Hier laufen die Vergleichsmaßstäbe etwas aus dem Ruder.

Überwachung ist in Europa auch ein Thema.
Und wir müssen das natürlich ernst nehmen. Dennoch ist es ein riesiger Unterschied, ob ich in einem Überwachungsstaat lebe oder in einer demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft. Ohne zu übersehen, was Konzerne wollen und Regierungen zulassen. Es lohnt sich darum zu kämpfen, was wir an Rechtswohlstand haben. Das vergessen viele, und das sehe ich kritisch auch bei radikaleren Freunden von mir. Der Wunsch zum Beispiel, Macron „zu stürzen“, den ich in Frankreich höre, kommt mir verantwortungslos vor, wenn man es dann lieber auf eine Le-Pen-Regierung hinlaufen lassen will. Wenn der Systemsturz derzeit funktioniert, dann funktioniert er von rechts, und das ist nicht das, was ich mir wünsche. Ich neige mehr zur Kompromissbereitschaft.

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Auch das haben Sie mit Menasse gemeinsam: Die Empfehlung, sich trotz allem an die Institutionen zu halten.
Institutionenkritik kam in den vergangenen Jahrzehnten klassischerweise von links, inzwischen wird sie immer mehr von rechts übernommen, von weit rechts außen mit dem Ziel, das „Establishment“ und die alten Institutionen zu stürzen, nicht zu reformieren, sondern sterben zu lassen. Institutionen gelten gemeinhin oft als spießig, lahm und langweilig. Aber ein Kompromiss ist eben nicht immer das Feuerwerk, die große Party. In einer Zeit, in der Multilateralismus unter Beschuss steht, wäre es jedenfalls fatal, die UN sterben zu lassen.

Erzählerin Mira wird von den UN nach Burundi geschickt. Wie kamen Sie auf das Land?
Ich bin 2012 dort gewesen. Damals entstand die Idee für den Roman, zumal mich die UN schon immer interessiert hatten. Mich irritierte auch, dass die deutsche Kolonialvergangenheit in der Bundesrepublik selbst so wenig präsent war. Als seien mit dem Versailler Vertrag nicht nur die Kolonien abgegeben worden, sondern auch jegliche Erinnerungen daran. Ich will nicht wissen, wie viele Menschen hier auf der Straße sagen könnten, wo Burundi liegt.

Nora Bossong: Schutzzone. Roman. Suhrkamp. 332 Seiten, 24 Euro.

Europäische Verdrängung? Eine böse Stelle im Buch, wenn eine Figur erklärt: Die Aufregung um den Jugoslawienkrieg habe nicht so viel damit zu tun gehabt, dass er so nah dran war, sondern weil Täter und Opfer „weiß“ waren.

Wobei die Vorstellung, dass alles Böse von uns ausgeht, von den Europäern als ehemaligen Kolonialisten, ebenfalls extrem paternalistisch wäre. Man übernimmt die Schuld, aber man nimmt die Freiheit zu handeln. Was passiert, wäre dann immer nur die Folge unseres enormen, übermächtigen Handelns.

„Schutzzone“ scheint einfach geschrieben, ist aber hochkomplex. Nichts wirkt zufällig. Wie bauen Sie so ein Buch?
Ich habe über mehrere Jahre daran gearbeitet. Ich lege mir einen Steinbruch an, mit Figuren und Fragestellungen, mit Motiven, die sich über den gesamten Roman verschränken wollen. Ich mache mir keine Grafiken, keine Notizen für den Verlauf. Ich lese den Text dann aber so oft, dass ich ihn fast auswendig kann und weiß, welches Motiv wo auftaucht. Am Ende musste ich zwölf Stunden am Tag und länger daran arbeiten, um mich in diesem Zustand zu halten, in dem ich den völligen Überblick hatte. Das war sehr anstrengend. Ich muss da wohl für die Zukunft ein besseres System finden.

Was wollten Sie als Kind werden?
Privatdetektivin. Oder Musikerin, aber das ging leider nicht, weil ich dafür ganz unbegabt bin.

Was für Musik wäre das gewesen?
Pop, ich hatte einen Grundschulfreund, mit dem ich die Beatles nachgespielt habe. Mit Softballschlägern als Gitarren. Aber auch die Schriftstellerin kam früh, kurz nach der Privatdetektivin.

Mira ist bei den Vereinten Nationen eine völlige Seiteneinsteigerin. Sie selbst sind dagegen eine topausgebildete Schriftstellerin. Hat es sich gelohnt, das so zu machen?
Könnte ich heute noch einmal wählen, würde ich Völkerrecht studieren. Oder Physik, Physik hat mich als Schülerin sehr interessiert. Ich habe ja direkt nach dem Abitur Schreiben studiert, ich wollte es unbedingt, und meine Eltern tendierten nicht dazu, mir allzu sehr bei der Studienwahl reinzureden. Mein Philosophiestudium danach war mir deutlich wichtiger. Ich bin kritisch, was diese Schreibschulen betrifft, zumindest mit Blick darauf, wie ich selbst sie in Leipzig und Hildesheim erlebt habe. Die Reflexion, was das Thema und die Notwendigkeit des Schreibens sein könnte, tritt häufig hinter dem Erlernen sauberer Lektoratsarbeit zurück. Ersteres scheint mir aber doch viel wesentlicher.

Macht Ihnen das Schreiben Spaß?
Welcher Job macht schon immer Spaß? Im letzten halben Jahr vor der Abgabe eines Buches vernachlässige ich mein soziales Umfeld total und lebe viel mehr mit meinen Figuren zusammen als mit real existierenden Menschen. Da komme ich nahe ans Aus-der-Welt-Fallen. Das macht nicht glücklich, schon gar nicht, wenn man mit düsteren Themen zu tun hat.

Sie schreiben eher anti-autobiografisch. Ist das ein Schutz für Sie?
Den großen autobiografischen Roman kann ich ja noch mit 60 schreiben. Oder mit 80. Wobei in den Figuren immer ein Teil von mir ist. Bei Mira ist es das Ringen, die Verzweiflung und dennoch das Beharren auf ihrem Idealismus. Dazu eine Ruhelosigkeit, das viele Herumreisen. Die Konflikte von Figuren muss man irgendwie in sich selbst fühlen, wenn auch nicht eins zu eins.

Sind Sie der ruhelose Typ?
Ja, es ist etwas komisch, weil ich schließlich sehr, sehr viel still am Schreibtisch sitze. Aber was zum Beispiel die Wohnsituation angeht: Ich war immer viel im Ausland. Ein Nomadentum ist mir nicht fremd, dieses Gefühl, nur zwei Koffer zu haben und den Rest eingelagert. Das ist befreiend, aber es kann kippen, dann kann man das Gefühl haben, nirgendwo mehr zu Hause zu sein und nirgendwo hinzugehören.

Eine Autorin wie Sie muss derzeit in Stoffen versinken. Greta Thunberg, die durchgeknallten Politiker.
Vieles interessiert mich für einen Artikel, eine Kolumne. Für einen Roman hatte ich nach „Schutzzone“ die Gelbwesten in Frankreich im Blick.

Sie haben es versucht, wie man lesen konnte ...
... ich habe es versucht und dann wurde leider mein Laptop gestohlen. Ich hatte keine Sicherheitskopie. Die Frustration über den Verlust des ganzen Recherchematerials ist gerade noch sehr hoch. Wir werden sehen. Immer noch hadere ich mit den Gelbwesten: Wenn ich auch Verständnis für ihren Grundimpuls habe, für die laute Kritik an der gesellschaftlichen Undurchlässigkeit und der sozialen Ungleichheit, sehe ich mit großem Unbehagen die Fremdenfeindlichkeit und den Antisemitismus einiger Teile der Bewegung, von dem sich die übrigen nicht deutlich genug distanzieren, und auch den Populismus der gesamten Bewegung, links wie rechts. Dazu kommt dieser offenbar starke Wunsch nach Revolution, der Wunsch nach historischen Momenten, nach einem Umbruch. Dieses Gefühl: Es soll mal wieder knallen. Ich selbst sehe bei Revolutionen eher den Terreur, der fast immer nachkommt.

Interview: Judith von Sternburg

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