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Nora Bossong: „Die Geschmeidigen“ – Zwischen Jobcenter und Yogamatte

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Von: Harry Nutt

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Nora Bossong im Jahr 2020.
Nora Bossong im Jahr 2020. © Jürgen Heinrich/Imago

Nora Bossong hat sich auf die Suche nach ihrer Generation der heute 40-Jährigen gemacht und „Die Geschmeidigen“ gefunden.

Stell Dir vor, es ist Krieg, zitiert Nora Bossong in ihrem Porträt der zwischen 1975 und 1985 Geborenen den berühmten Slogan aus der Zeit der Friedensbewegung: „und keiner geht hin“. Ihre Pointe aber ist bitter: „Weil wir gar nicht mehr hingehen müssen, sondern der Krieg zu uns kommt.“

Geschrieben war der Satz einige Wochen vor dem fatalen 24. Februar 2022, an dem russische Truppen das Nachbarland Ukraine überfielen. Für Nora Bossong diente diese nun als düstere Ahnung daherkommende Formulierung als Eröffnung eines Kapitels, in dem sie die Kampfflugzeugpilotin Nicola Winter zu Wort kommen lässt. Bei der Wiederbewaffnung Deutschlands sei nach dem Krieg aus gutem Grund auf das Primat des Zivilen vor dem Militärischen gesetzt worden, sagt Winter. „Aber das funktioniert in der Welt von heute so nicht mehr.“ Den Krieg in Syrien, glaubt sie, hätte die Nato innerhalb weniger Tage entscheiden und beenden können. Aber da spielten bereits geopolitische und strategische Überlegungen hinein. Heute weiß man, dass der Syrien-Krieg bloß ein böses Vorspiel zu Putins Großmachtfantasien war.

Sie betreten jetzt die Bühne

Nora Bossong hat kein Buch über die Rückkehr des Krieges in die Welt nach dem Ende der Geschichte geschrieben, das Francis Fukuyama einst mit optimistischem Überschwang ausgerufen hatte. Vielmehr geht es ihr um eine gesellschaftspolitische Charakterisierung der heute 40-Jährigen, die nun die politische Bühne betreten, Führungsrollen in der Wirtschaft übernehmen und kulturell prägend wirken. Christian Lindner, Lars Klingbeil und Omid Nouripour treten als Kronzeugen auf, noch ehe sie in staatstragende Ämter und Parteiführungen gewählt wurden. Aber sie spielen nicht die Hauptrolle in Bossongs Erkundungen, die zugleich eine Suche nach den Koordinaten sind, zwischen denen die Gestaltung der demokratischen Gesellschaft der nahen Zukunft verläuft.

Es ist unter dem Titel „Die Geschmeidigen“ ein Sittenbild der Gleichaltrigen, und das Muster ist bekannt. Der journalistische Blick auf Jahrgangskohorten verlief in den vergangenen Jahrzehnten nach einem unterhaltsamen Prinzip der Selbstbefragung, das jeder kennt, der nach Jahrzehnten seiner Abiturklasse wiederbegegnet: Was ist aus mir, aus uns geworden? Die Generationen Golf, X, Y, Z oder auch die Generation Praktikum dienten dabei als Referenzgruppen, zwischen denen man sich aus ironischer Distanz und lieber nicht allzu soziologisch zwischen Ich- und Wir-Perspektive hin und her bewegte.

Das Buch:

Nora Bossong: Die Geschmeidigen. Meine Generation und der neue Ernst des Lebens. Ullstein Verlag, Berlin 2022. 238 S., 19,99 Euro.

Obwohl Nora Bossong über ein feines sprachliches Gespür und zeitdiagnostische Wahrnehmung verfügt, legt sie es gar nicht erst darauf an, eine Fortsetzung des Genres zu liefern. Durchaus besorgt fokussiert sie sich auf einen auch an ihrer Altersgruppe abzulesenden Verfallsprozess demokratischer Prinzipien und Gewissheiten. Der kühle Pragmatismus, den man dieser Generation eben noch zurechnete, scheint kein hinreichender Schutz vor der Erosion gesellschaftlicher Institutionen, die keineswegs allein am rechten Rand abgelehnt werden. In der Trägheit demokratischer Abläufe sehen junge Aktivisten ein Kernproblem, das für das Verfehlen von Klimazielen verantwortlich ist, und so werden von diesen Gruppen schon lange keine Bündnispartner mehr in den politischen Parteien gesucht.

Vom aktivistischen Selbstbezug ist es für Nora Bossong nicht weit zu der Vermutung, dass die Geringschätzung demokratischer Prozesse eine ins Politische gewendete narzisstische Kränkung sei. „Der sogenannte narcisstic turn bezeichnet die gesellschaftliche Ausdifferenzierung in immer kleinteiligere Gruppen und Gruppeninteressen. Das Problematische daran ist, dass die identitätspolitische Vereinzelung einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zunehmend unterminiert (…)“

Sie weicht nicht aus

Das Verständnis von der Zugehörigkeit zu einer Altersgruppe geht für Nora Bossong über die eigene Mittelstandsblase hinaus, die ohnehin nicht davon freizusprechen ist, die wieder stärker in Erscheinung getretenen Klassenfragen besonders aufmerksam wahrgenommen zu haben. Bossong weicht auch der unangenehmen Frage nicht aus, ob die AfD-Chefin Alice Weidel nicht eine typische Vertreterin ihrer Generation sei: zielstrebig, perfektionistisch und anpassungsbereit.

Bossong klagt nicht an, neugierig registriert sie einen gesellschaftlichen Wandel, der als besonderes Prüfsiegel den sogenannten 68ern zugeschrieben wird. Einige Untiefen bei der saloppen Verwendung des Generationenbegriffs lässt sie dabei allerdings außer Acht. Wie der Soziologe Heinz Bude herausgearbeitet hat, war das prägende Ereignis, das die 68er zur prominenten Kohorte formte, weniger die Bereitschaft zum Aufruhr als die traumatisch erlittene Kriegskindheit. Und Bossong sitzt in Bezug auf die Sozialdaten einem Irrtum auf, wenn sie davon ausgeht, dass die sogenannten Babyboomer in ein sicheres Versorgungsnetz hineingeboren worden seien. Im Blick auf die anderen Generationen werden die tatsächlichen Lebenslagen nicht selten nivelliert wahrgenommen.

Obwohl es bei der Selbstbeobachtung immer auch um Befindlichkeiten geht, zeichnet sich diese soziale Beschreibung durch die Registrierung feiner Unterschiede aus, die am Ende auf die vom 1975 in Teheran geborenen Omid Nouripour aufgeworfene Frage hinauslaufen: „Wieviel Staat wollen wir eigentlich?“ An ihr werden sich die Konflikte der kommenden Jahrzehnte entscheiden, die manchmal auf derart drastische Weise gestellt werden, dass sie als „Zeitenwende“ nicht nur bezeichnet werden, sondern jede und jeden ganz unmittelbar auch erfasst.

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