Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

So normal wie möglich: Burnside kauft ein Reihenhaus.
+
So normal wie möglich: Burnside kauft ein Reihenhaus.

John Burnside „Wie alle anderen“

Als ich noch verrückt war

Der Schotte John Burnside schreibt seine Autobiografie weiter und über Suff und Sucht.

Von Thorsten Keller

John Burnside hat dem zweiten Band seiner Memoiren einen Satz vorangestellt, der in bestem britischen Understatement darauf hinweist, dass der vierschrötige Schotte sich in seinen ersten vier Lebensjahrzehnten die eine oder andere Gehirnzelle schlicht weggetrunken hat. „Das Buch ist in faktischer Hinsicht so akkurat, wie es die Erinnerung zulässt“, formuliert Burnside, der inzwischen 61 Jahre alt ist und seit Mitte der neunziger Jahre dem selbstzerstörerischen Leben eine obsessive Schreibwut entgegensetzt. „Wie alle anderen“, so der Titel des neuen, als Roman deklarierten Buches, knüpft an die erste Autobiografie „Lügen über meinen Vater“ an, bis hin zur identischen Umschlaggestaltung – und wurde abermals großartig ins Deutsche übersetzt von Bernhard Robben.

Los geht’s, wie in der berühmten „Blechtrommel“ von Günter Grass, in einer psychiatrischen Klinik, nur dass Burnside hier in der Ich-Form über seine höchstpersönlichen Abstürze und Psychokrisen referiert. Gleich der erste Satz („Vor Kurzem, als ich noch verrückt war, fand ich mich in der seltsamsten Irrenanstalt wieder, die ich je gesehen hatte.“) packt den Leser am Kragen und lässt ihn auf mehr als 300 Seiten nicht wieder los. Burnside erzählt von den vergeblichen Versuchen, ein normales Leben zu führen (oder wenigstens so zu tun, als ob): In die Vorstadt ziehen, ein Reihenhaus kaufen, sich einen stabilen, bitte nicht zu aufreibenden Brotjob zuzulegen. Die Versuchsanordnung in Burnsides eigenen Worten: „Neu anfangen. Clean diesmal, nüchtern, selbstbeherrscht und in dem Wissen um den Schaden, den ich mir und anderen zufügen konnte.“

„Hier gehör’ ich nicht hin“

Ein adäquater Job ist schnell gefunden: Burnside heuert in einer großen IT-Firma an, das Großraumbüro beschreibt er als „laminiertes, vollklimatisiertes Echoland von Fleiß und guter Laune“. Manchmal geht er seiner Arbeit „mit einer fast gleichgültigen Fröhlichkeit nach, die mich beinahe selbst überzeugt hätte, meist war ich aber gar nicht wirklich anwesend“. Selbstironische Kapitel-Überschriften wie „Handbuch eines Vorstädters zur Selbstmedikation“ legen nahe: Da steht einer neben sich, betrachtet ungläubig staunend die eigene Metamorphose, und hat dabei immer diese toxische Radiohead-Refrainzeile im Kopf: „I don’t belong here“ (hier gehör’ ich nicht hin).

Bei allen Versuchen, sich durch einen strukturierten Tagesablauf (oder, böse formuliert: bodenlose Langeweile) selbst zu therapieren, wird Burnside nie das Unbehagen los, sich selbst und seine Umgebung an der Nase herumzuführen. „Die ganze Zeit hatte ich vorgegeben, jemand anders zu sein, hatte mich unter diesen Menschen bewegt wie ein Fremder, der zu einer Beerdigung kommt und sich als Freund des Verstorbenen ausgibt.“ Burnside brilliert hier als Anti-Stuckrad-Barre, der fesselnd über Suff und Sucht schreibt, ohne Opfer seiner Egozentrik zu werden.

John Burnside: Wie alle anderen. Roman. Aus dem Engl. von Bernhard Robben. Albrecht Knaus Verlag, München 2016. 314 S., 19,99 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare