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Literatur

Noch ein heiliger Trinker

Der junge polnische Schriftsteller Miroslaw Nahacz hat den Sound seiner Generation gekannt. Im Sommer 2007 hat er sich mit knapp 23 Jahren das Leben genommen. Von Anfang an ist er etwas Besonderes gewesen. Von Jaroslaw Piwowarski

Von JAROSLAW PIWOWARSKI

Zugegeben, "Bombel" ist nicht das beste Buch des polnischen Schriftstellers Miroslaw Nahacz. Zumindest, wenn man diesen Roman mit seinem 2003 erschienenen Erfolgsdebüt "Acht vier" vergleicht. Aber im Grunde misst man alles, was Nahacz danach geschrieben hat, an seinem Erstling. Seit seinem literarischen Einstand galt der damals 18-jährige als Wunderknabe der jungen polnischen Literatur und als ihre große Hoffnung. "Bombel" kam 2004 heraus und wurde als Bestätigung aufgenommen, dass Nahaczs erster Roman nicht lediglich ein Glückstreffer jugendlichen Elans war und nährte insofern die Hoffnung auf einen Schriftsteller mit großem Potenzial.

Seinen letzten, bislang unveröffentlichten, wie man hört 600 Seiten starken Roman lehnte sein Verlag, der ihn entdeckt und großgemacht hat, merkwürdigerweise ab. Im Sommer 2007 nahm sich Nahacz mit knapp 23 Jahren das Leben.

Von Anfang an galt Miroslaw Nahacz als etwas Besonderes, nicht zuletzt wegen der Umstände seiner Entdeckung. Den bis zu diesem Zeitpunkt literarisch nie in Erscheinung getretenen Abiturienten hat kein geringerer als der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk entdeckt. Der Übervater der zeitgenössischen polnischen Literatur und der junge Nahacz lebten als Nachbarn in zwei winzigen nahegelegenen Dörfern in den polnischen Beskiden unweit der slowakischen Grenze. Nahacz war mit den Kindern Stasiuks und seiner Ehefrau und Verlegerin Monika Sznajdermann befreundet.

Eines Tages brachte Nahacz ihnen ein Manuskript. Stasiuk las es und drückte in dem Nachwort zu "Acht vier" seine Begeisterung über den jungen Autor mit den Worten aus: "Ja, geehrte Damen und Herren, Miroslaw Nahacz ist ein Auserwählter."

Aber es war nicht nur die Begeisterung des bekannten und einflussreichen Schriftstellers über ein Schreibtalent, das unbemerkt vor seiner Nase herangewachsen ist. Nahacz debütierte in einer Zeit, in der der Begriff "junge polnische Literatur" mit neuem Inhalt gefüllt wurde. Er und andere in den Achtzigern geborene Autoren wie Agnieszka Drotkiewicz, Marta Dzido oder Mikol aj Lozinski, dessen Roman "Reisefieber" soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, wurden erst durch den Erfolg der mittlerweile auch auf deutschen Bühnen präsenten Schriftstellerin Dorota Maslowska (Jahrgang 1983) möglich. Ihr Erfolgsbuch "Schneeweiß und Russenrot" ebnete einer neuen Generation den Weg in die Verlagsprogramme. Und Nahacz schrieb sozusagen den Soundtrack dieser Generation.

Auf den ersten Blick beschrieb Nahacz in seinem Debüt eigentlich nichts Spektakuläres: ein exzessives Partywochenende mehrerer Freunde des Geburtsjahrgangs '84 (darauf spielt der Titel "Acht vier" an). Er ließ sie halluzinogene Pilze essen, Unmengen von Alkohol saufen und über Gott, die Welt und den Sinn des Lebens schwadronieren. Was dabei unterm Strich herauskam, war ein beeindruckendes und illusionsloses Porträt einer Generation, die unter völlig anderen Bedingungen aufwuchs als noch die unmittelbar vorhergehende.

Nahacz traf deren Nerv. Der große Vorzug seines Debüts war, dass Nahacz keine Selbstanklage oder Abrechnung verfasste, aber ebenso wenig seiner Generation ein Denkmal setzte. Vielmehr ging es ihm um die Inventur eines Lebensgefühls, um die Bestandsaufnahme einer Seelenlage mit all ihren Ängsten, Sehnsüchten, Brüchen. Nahacz beeindruckte damals nicht nur wegen der Prägnanz des eingefangenen Lebensgefühls, sondern auch wegen einer kraftvollen, rotzig-frechen und zugleich sensiblen, aufmerksamen und stilistisch ausgereiften Sprache. Gerühmt wurden sein literarisches Gehör und ein ganz eigener Erzählrhythmus.

In dem Roman "Bombel", der nun von Renate Schmidgall übersetzt und dem Frankfurter Weissbooks Verlag veröffentlicht wurde, erzählte Nahacz eine völlig andere Geschichte: Die gleichnamige Hauptfigur ist ein 38-jähriger Trunkenbold, Schelm, Dorfdepp und Möchtegernfrauenheld in Personalunion. Er sitzt in der Morgendämmerung allein an der Bushaltestelle eines kleinen unbedeutenden Dorfes. In zwölf Kapiteln plaudert der bauernschlaue Bombel über Leben und Tod, Träume und Enttäuschungen, falsche Freunde und wahre Einsamkeit - die Tief- und Höhepunkte seines tristen Dorfsäuferlebens. Weiß Gott, es ist kein schönes. Bombel ist einer, der mit seinem Leben bankrott ging: Die Ehefrau und die beiden Kinder haben ihn sitzen gelassen und sind in die Stadt gezogen. Die Alimente kann er seit Langem nicht bezahlen, daher ist der Gerichtsvollzieher häufiger Gast bei ihm. Und weil Ärzte festgestellt haben, dass was mit seinem Kopf nicht stimmt, gilt er als arbeitsunfähig und bekommt eine bescheidene Rente. Zum Leben ist es zu wenig, zum Sterben zu viel, zum Saufen reicht es gerade mal. Es ist aber nicht so, dass Bombel kein anständiger Bürger, guter Katholik und Frauenschwarm sein möchte. Ja, er hat versucht, mit dem Saufen aufzuhören, doch zuerst begann ihn der Durst von innen auszukühlen und durchzuschütteln, dann erschien ihm noch die Heilige Mutter Gottes.

Mit "Bombel" hat Miroslaw Nahacz ein zugleich komisches, melancholisches und stellenweise auch abstoßendes Buch geschrieben, das angereichert ist mit zahlreichen Geschichten und Anekdoten vom äußersten Rand der Gesellschaft. Es ist ein ehrliches und lebenskluges Buch, was angesichts des Alters des Autors - angeblich soll Nahacz es bereits mit 17 Jahren geschrieben haben - umso mehr erstaunt. Zwar beschreibt Nahacz darin die polnische Provinz; im Mittelpunkt steht jedoch der unbeholfene, manchmal kindliche Trotz Bombels, sein zahnloses Aufbäumen gegen eine Wirklichkeit, in der er nichts gilt. "Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie der letzte Mensch" sagt Bombel an einer Stelle. Einige Seiten weiter muss sich Bombel selbst aufbauen: "Ich, Bombel, bin groß und wichtig. Der beste, klügste, schlauste Bombel." Es ist die Beschreibung der Auflehnung gegen die eigene Nichtigkeit. Auch wenn durch die Übersetzung etwas von der spezifischen Derbheit der Sprache Bombels verloren geht, so findet sich in diesem Buch dennoch Miroslaw Nahaczs Talent beeindruckend wiedergespiegelt.

Heute Abend, 20 Uhr, liest im Literaturforum im Mousonturm Frankfurt Julian Heun, Slam-Poet und Gewinner des deutschsprachigen U20 Poetry Slam 2007, aus "Bombel". Einführung: Rainer Weiss, Verleger von Weissbooks.

Miroslaw Nahacz: Bombel. Aus dem Polnischen von

Renate Schmidgall. Weissbooks,

Frankfurt/M. 2008,

175 S., 18,80 Euro.

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