Philosophie & Sommer

Noch nie gehört

  • vonSusanne Rost
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Vom Verfertigen der „Prolegomena zu einer Existentialontologie bei Martin Heidegger“ in einem Schwimmbad.

Der Mann an der Schwimmbadkasse sitzt über einem Buch, es sieht älter, beinahe antiquarisch aus. Auf den aufgeschlagenen Seiten sind einige Passagen farbig markiert, andere nur unterstrichen, an den Rändern stehen Bemerkungen. Der Mann klappt das Buch zu, als Kunden kommen. „Sieht nach Arbeit am Text aus“, sage ich. „Training für den Kopf“, sagt der Mann hinter der Scheibe und reicht die frisch gelochte Zehnerkarte zurück. Wie das Buch heißt, mag der Angestellte des Freibades in der unterfränkischen Provinz nicht verraten. „Privatsache“ grummelt er.

Aber später überlegt er es sich anders, reicht einen Zettel nach: „Prolegomena zu einer Existentialontologie bei Martin Heidegger“ steht darauf. Martin Heidegger, was auch sonst! Ein profaner Krimi etwa, in dessen Handlung man nach Unterbrechungen leicht wieder einsteigen kann? Ein Buch über das Bademeisterwesen? Das wäre ja auch zu naheliegend gewesen. Aber worum geht’s? Die Suchmaschine findet problemlos Immanuel Kants Prolegomena und weiß auch, dass Heidegger seine Suche nach dem Sinn des Seins als Existentialontologie bezeichnet hat. Aber ein Buch mit dem Titel, wie er auf dem Zettel steht, kennt Google nicht.

Noch während der Internetrecherche kehrt der Schwimmbadkassierer zurück. Heidegger, na klar, empfange ich ihn etwas großspurig. „Aber das Buch? Nie davon gehört.“ Kein Wunder, sagt er, das schreibe ich ja gerade erst. Im übernächsten Sommer wolle er fertig sein. Hänge natürlich vom Wetter ab und der Zahl der Freibadbesucher. Schon fängt er an, mir Literaturtipps zu Heidegger zu geben, damit ich meine Philosophie-Kenntnisse auffrischen kann. Ich verspreche ihm, mich im nächsten Sommer nach seinem Werk zu erkundigen. Prima, sagt er, das macht mir Druck.

Ob seine Prolegomena wirklich fertig wird? Oder endet das Manuskript eines schönen Sommertages unvollendet in der Schublade? Oder ereilt die Arbeit das Schicksal so vieler Buchmanuskripte, die bei Verlagen eingereicht, aber abgelehnt werden? Oder wird es eine der zuletzt 72 500 Neuerscheinungen werden, die jährlich auf den deutschen Buchmarkt kommen? Der Klappentext käme leichtfüßig daher, vielleicht mit Bild von der Schwimmbadkasse.

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