Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Fritz J. Raddatz, aufgenommen im Jahr 2001.
+
Fritz J. Raddatz, aufgenommen im Jahr 2001.

Noch einmal alles verlieren

Rache ist süß. Aber Fritz J. Raddatz nutzt seine Autobiografie auch, ein Stück deutscher Geschichte auszubreiten

Von Elke Schubert

"There is no fiction except autobiography", zitiert Fritz Raddatz in seinen Erinnerungen - "Es gibt nichts Fiktives außer einer Autobiografie." Und welcher Leser glaubt allen Ernstes, dass einer, der über sein Leben schreibt, von all den Kränkungen, aber auch den großen Augenblicken, dass dieser die Ereignisse nicht aus seiner eigenen persönlichen Sicht schildert? Da kommen zwangsläufig auch Gehässigkeiten zum Vorschein gegenüber denjenigen, von denen man einst fürchterlich gekränkt wurde. Von niemandem also, selbst den größten Schriftstellern nicht, kann in einer Autobiografie so etwas wie eine "neutrale Wahrheit" erwartet werden. Welch schöne Möglichkeit bietet sich jetzt also auch Raddatz: endlich einmal die Dinge klarstellen, die man etwa im eigenen Feuilleton nicht klarstellen durfte, sich selbst in ein Licht rücken, von dem man meint, es gebühre einem.

"Se non è vero è ben 'trovato", lautet eine zweite, italienische Sentenz: "Wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden." Und nichts anderes macht der Autobiograf: Er erfindet seine Wahrheit immer wieder neu - und in Raddatz' Fall sogar auf amüsante, wenn auch parteiliche Art. Hat man sich diese beiden Motti zu Eigen gemacht, ist es müßig, nach möglichen Unwahrheiten und Fehlern in dieser Autobiografie zu suchen, das mögen vielleicht jene tun, die es direkt betrifft. Rache ist eben immer süß, und ihre Form sagt oft mehr über den Autor aus als über das Objekt seiner Tiraden.

Und doch geht es bei Raddatz nur in zweiter Linie um Selbstbespiegelung, mit der er übrigens nicht selten ironisch spielt. Vielmehr kann man beim Lesen einen langen Abschnitt deutscher (West- wie Ost-)Nachkriegsgeschichte besichtigen und am Ende resigniert feststellen, dass es solche Menschen kaum noch gibt in Zeiten, in denen es häufig gar nicht mehr um die Literatur, sondern um deren Verkäuflichkeit geht, in denen - wie Raddatz schreibt - selbst in seriösen Zeitungen die Scheidungsquerelen eines abgehalfterten Tennisstars mehr interessieren als das Werk eines großen Schriftstellers, Zeiten, in denen man lernen muss, sein Vorhaben im Telegrammstil vorzutragen, damit einem überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man kann das bedauern, ohne allem Vergangenen gleich melancholisch nachzutrauern.

Betrachtet man das Leben Fritz J. Raddatz', wie es hier ausgebreitet wird, so verläuft es in etwa wie der Kurs einer etwas dubiosen Aktie: Auf den Aufstieg folgt stets der tiefe Fall. Allerdings kam nach jedem Fall der neue Aufstieg - bis zum bitteren Ende, dem Rauswurf als Feuilleton-Chef der Zeit. Von dieser Kränkung hat sich der zuweilen doch sehr eitle Literaturbesessene anscheinend nicht mehr erholt. Doch der Reihe nach: Das eindrucksvollste Kapitel ist jenes über Raddatz' Zeit als noch sehr junger (1949 gerade mal 18-jähriger) Lektor des größten DDR-Verlages Volk und Welt; 1958 flüchtete er in den Westen. Dieses Kapitel überzeugt nicht allein dadurch, dass es die beklemmende Atmosphäre jener Jahre einfängt, sondern dass das Verhalten jener plausibel erklärt, die einst von den Nazis in alle Welt zerstreut wurden und nun versuchten, in der jungen DDR eine neue Heimat zu finden, belastet mit einer Unsicherheit, die ihr ganzes Exilleben begleitet hatte. Es war nicht nur die materielle Not im Exil, das Gedemütigtsein und von odd-jobs oder der Gnade anderer Leben zu müssen, sondern die tiefgreifende Erfahrung des von Günther Anders konstatierten "aus der Welt Geworfenseins".

"Die Emigranten fröstelten bei mir nicht", schreibt Raddatz, und man glaubt es ihm sofort, wenn man seine Porträts und die zitierten Freundschaftsbriefe liest. Ob es um Anna Seghers, Johannes R. Becher oder den listige Brecht geht, stets insistiert Raddatz, ihre Bitterkeit und Heimatlosigkeit zu berücksichtigen, selbst wenn er einige von ihnen zu seinen Feinden zählte. Er stellt zu Recht die Frage, wohin sie denn sollten: "zurück nach Schanghai, Moskau, Bogotà?" Oder nach Westdeutschland, wo sie keineswegs willkommen waren, wie etwa Alfred Döblin, der bereits 1953 die Bundesrepublik wieder verließ, nicht ohne einen bitteren Brief an den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss zu hinterlassen?

In diesem Zusammenhang sieht Raddatz auch die Reaktionen der DDR-Intelligenz auf den 17. Juni, den er selbst hautnah miterlebte. Einmal davon abgesehen, dass tatsächlich keiner den Einsatz von sowjetischen Panzern gegen demonstrierende Arbeiter für möglich hielt, war für ihn das zögerliche bis feige Verhalten zu einem großen Teil von der alles beherrschende Angst bestimmt, noch einmal alles zu verlieren. Sicherlich ist das keine Entschuldigung, aber eine solche Feststellung kann zumindest zum Verständnis beitragen. Wenn Raddatz selbstbewusst das Lob eines Emigranten zitiert, kein anderer habe für die Exilierten und deren Literatur mehr getan als er, dann stimmt das sogar.

Im Dezember 1958 hat Raddatz die DDR verlassen, weil sich die Schwierigkeiten häuften und er sich von der Stasi bedroht sah, was Jahrzehnte später die Einsicht in seine Unterlagen, über die er auch einen langen Artikel in der Zeit schrieb, bestätigen sollte. Wieder fällt er nach oben, erst wird er Programmchef bei Kindler, dann - lange Jahre - stellvertretender Verlagsleiter bei Rowohlt. Erstaunlich, was man sich damals für Frechheiten leisten konnte, erstaunlich auch, wie schwierig es andererseits war, manche Projekte im Muff der sechziger Jahre durchzusetzen.

Wenn Raddatz so aus dem Verlagsleben jener Jahre erzählt, ist seine Autobiografie wie eine Reise in eine Zeit, in der Besessenheit für die Literatur für viele selbstverständlich war, in der es keine Emails gab und man nicht so einfach um die Welt jetten konnte. Gewiss gibt es in diesem Buch auch viel Klatsch zu lesen, aber er ist meist eine Bestätigung dessen, was man sowieso schon wusste oder zumindest ahnte, beispielsweise wie bestimmte Magazine über Leichen gingen, um die eine Story zu bekommen, welche nicht nur die Auflage steigerte, sondern auch das Renommee.Natürlich endete die Rowohlt-Zeit Mitte der Siebziger wieder mit einem Knall. Raddatz bemüht das Bild einer längst kaputten Ehe, in der dann eine zerbrochene Vase reicht, um die Trennung zu besiegeln. Ähnlich verhielt es sich mit der Zeit, man erinnere sich an den läppischen Anlass: seinen Artikel zur Frankfurter Buchmesse, in dem fälschlicherweise schon zu Goethes Zeiten eine Eisenbahn fuhr. Da hatte Raddatz schon längst seinen Untergang betrieben, und die anderen hatten fleißig mitgeholfen. Nur kam nach der Zeit, der er noch ein paar Jahre als fester Autor mit Exklusiv-Vertrag angehörte, nichts Neues mehr. So handelt dieses Buch, durch das sich wie ein roter Faden die Porträts wichtiger Menschen in Raddatz' Leben (Freunde wie Feinde, Männer wie Frauen) ziehen, von der Endlichkeit, der eigenen Begrenztheit durch das Altern, aber auch davon, dass so jemand mit Stolz auf ein aufregendes, oft beglückendes und auch einflussreiches Leben zurückblicken kann.

Nur sein Verhalten gegenüber dem Historiker und Emigranten Walter Grab kann Raddatz nicht hinreichend erklären, obwohl er es mit allerlei Zitaten von Thomas Mann und Tucholsky versucht. Einmal hatte er nämlich aus purem Jux einen Brief an Grab mit "Heil Hitler" unterschrieben und gemeint, Grab würde diesen Scherz schon verstehen. Hat der aber nicht, verständlicherweise.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare