Roman

Noch achthundert Mal

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Anne Cathrine Bomanns kleiner, reizvoller Roman „Agathe“.

Wer Therapiesituationen misstraut, in denen man selbst auf einem Sofa liegt, wird die Skepsis durch diesen schmalen, aber nicht kargen, wohlstrukturierten, aber nicht zu durchschaubaren Roman kaum verlieren. Andererseits ist der Gesamtverlauf positiv und gelingt es der dänischen Autorin Anne Cathrine Bomann uns unter der Hand fast eine friedfertige Liebesgeschichte zu erzählen. Das war nicht zu erwarten, während der psychoanalytisch arbeitende Psychiater die Stunden bis zu seinem Ruhestand herunterzählt. Noch achthundert Mal, sechshundertachtundachtzig Mal, vierhundertachtundvierzig Mal „musste ich mit diesen Menschen sprechen, die ich inzwischen nicht einmal mehr versuchte zu verstehen“.

Der Psychiater hat sich eine Methode angeeignet, Laute von sich zu geben, die so klingen, als würde er zuhören. Dazu malt er Vögelchen in seinen Notizblock. Ein starkes Stück, aber darüber denkt er nicht mehr nach. Er ist knapp über siebzig, das Alter packt ihn mit Schärfe, und Bomann, Jahrgang 1983, findet harte, aber ausgesuchte Worte dafür. „Wieso ... sagt einem keiner, was mit dem Körper geschieht, wenn man alt wird?“, denkt sich der Mann, und: „Es gab kein Entrinnen. Ich würde in diesem verräterischen grauen Gefängnis festsitzen, bis es mich irgendwann umbrachte.“ In einer winzigen Sequenz, einer Notiz bloß, erfährt man zwischendurch, wie motiviert er Jahrzehnte zuvor zu Werke gegangen ist.

Bomanns lapidares Erzählen geht vorzüglich auf, ein Auf-Lücke-Erzählen, eine unaufdringliche, manierfreie Antupftechnik: Sie erfasst die Sekretärin, die ewig schon für den Psychiater tätig ist, sie erfasst den sterbenden Mann der Sekretärin, den tauben Nachbarn des Psychiaters, die zum Teil unerträglich quengeligen Patientinnen, das eingefahrene Leben in einer netten Pariser Vorstadt, die Zeit des Geschehens.

„Agathe“ spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Grunde merkt man das zuerst an einigen datierten Briefen, dann erst daran, dass die Figuren so unheutig wirken, die Beziehungen so förmlich. Der Erzähler selbst scheint in seiner eigenen Zeit kaum beheimatet. „Ich hatte das letzte Mal mit einem Kind gesprochen, als ich selbst eines gewesen war, und das zählte wohl kaum.“

Die Irritation hat ihren Reiz und mehrere Ebenen. Gerade wundert sich die Leserin noch still für sich, da stupsen schon Psychiater und Sekretärin versehentlich aneinander, obwohl sie seit Jahrzehnten jeden Weg in der kleinen Praxis eingeübt haben. Es ist, als läge Agathes Auftritt schon in der Luft, noch bevor sie zum ersten Mal ins Behandlungszimmer kommt. Agathe ist eine gar nicht gestrig wirkende Figur.

Dieser leichte, genaue und seinerseits völlig aus der Zeit gefallene Roman – inspiriert wohl von einem Paris-Aufenthalt Anne Cathrine Bomanns, die selbst in Kopenhagen als Psychologin arbeitet – gehört zum Eröffnungsprogramm eines neuen Verlagsteils von Hanser. Er heißt Hanserblau, hat seinen Sitz in Berlin und gibt einerseits Rätsel auf. Wenn man sich in Ruhe erklären lässt, worum es hier geht, weiß man es hinterher nämlich gleich wieder nicht mehr.

Andererseits zeigt sich das wachsende Bestreben der Verlage, den übergroßen Berg der Neuerscheinungen für Publikum und Handel ermutigend zu sortieren und zu portionieren, Titel durch Fünf- oder Sechs-Bücher-Programme auf ein wenigstens kleines Podest zu stellen – wobei Hanserblau rätselhafter wirkt als etwa „Ullstein fünf“, das stärker auf eine Gegenwartsliteratur blicken will. Dann wieder: Wollen wir das nicht alle?

Aber schon hat man etwas davon und liest „Agathe“.

Zum Buch

Anne Cathrine Bomann: Agathe. Roman. A. d. Dän. v. Franziska Hüther. Hanser (Hanserblau), München 2019. 157 S., 16 Euro.

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