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2017, als die Literaturnobelpreiswelt noch in Ordnung schien: Kazuo Ishiguro, Sara Danius. J. 

Literaturnobelpreis

Nobelpreis-Vergabe: Heraus aus den Trümmern

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Dieses Jahr werden gleich zwei Literaturnobelpreise vergeben. Es geht um die Zukunft einer Institution.

Der Anschein der royalen Würde, mit dem sich jeweils an einem Donnerstag im Oktober um 13 Uhr in Stockholm die Flügeltür zur Verkündung des Nobelpreisträgers für Literatur öffnete, war durchaus gewollt. Es war jedenfalls nicht der Moment, im diskursiven Klein-Klein die Richtigkeit einer Jury-Entscheidung zu bewerten. Die Wahl der Mitglieder der Schwedischen Akademie ließ sich seit jeher aus guten Gründen bestreiten, feiern oder einfach bloß hinnehmen. Die Verkündung des Preisträgers aber wurde weithin als Festtag des gedruckten Wortes angesehen, an dem es die enorme Bedeutung sowie die hohen Selbstansprüche des literarischen Blicks auf die Welt zu bekräftigen galt.

Mit solcher Noblesse ist es vorbei, seit sich die Schwedische Akademie, die die begehrte Auszeichnung seit 1901 vergibt, vor bald zwei Jahren immer heilloser in eine Affäre aus den hässlichen Bestandteilen sexuelle Belästigung, Geheimnisverrat, Verdacht auf Wettbetrug und falsch verstandener Korpsgeist verstrickt hat. Nach erheblichen Vorwürfen gegen den schwedisch-französischen Fotografen Jean-Claude Arnault und dessen Frau, Akademiemitglied Katerina Frostenson, nahm das beschämende Drama seinen Lauf und führte schließlich fast zum Zusammenbruch der ehrwürdigen Institution. Für das Jahr 2018 wurde die Vergabe des Literaturnobelpreises folgerichtig ausgesetzt. Unter den gegebenen Umständen hätte kein ruhmreicher Preisträger aus den Trümmern der Akademie hervorgehen können.

Also geht es in Stockholm diesmal nicht nur um einen Nachholtermin und um die Frage, ob die rituellen Gepflogenheiten beibehalten oder abgewandelt werden. Der Preis steht unter Beobachtung, und selbst die Auserkorenen werden es hinnehmen müssen, nicht ausschließlich als Günstlinge ihrer Kunst betrachtet zu werden. Das Dilemma, die doppelte Preisvergabe nach Proporzregeln der politischen Korrektheit zu betrachten, in denen es neben den besonderen Formen der Sprachschöpfung vor allem auch um ethnische Herkunft und Geschlecht gehen wird, ist kaum zu umschiffen.

Die Schwedische Akademie, die sich nach dem Desaster neu formieren musste, wird bis auf weiteres dazu verdammt sein, alles richtig zu machen. Das ist paradox genug, denn bisher bestand die besondere Würde des Literaturnobelpreises ja nicht zuletzt in der durch Autonomie und Tradition beglaubigten Unantastbarkeit der Akademiemitglieder, wie erratisch und fragwürdig deren Wahl auch ausfallen mochte.

Eine Folge des Skandals um Arnault und Frostenson ist die Demokratisierung des Auswahlprozesses. Die Akademie hat sieben neue Mitglieder gewählt, von denen allerdings keines in dem neu geschaffenen Auswahlkomitee sitzt, das über die Preisträger entscheidet. Um die Institution des Literaturnobelpreises zu retten, musste die Aura der Selbstherrlichkeit, die die Akademie durchaus gepflegt hat, gekappt werden.

Neben vier alten Akademiemitgliedern befinden sich unter dem Vorsitz von Per Wästberg bis 2020 auch fünf externe Experten, die dazu eingeladen sind, an den Entscheidungen mitzuwirken. Die junge, in Berlin lebende Literaturkritikerin Rebecka Kärde, ihre Kollegin Mikaela Blomqvist, der Übersetzer Henrik Petersen sowie die Autoren Kristoffer Leandoer und Gun-Britt Sundström sollen Transparenz gewährleisten und zu einem frischen Blick beitragen.

Aber reicht die personelle Erneuerung und nachgewiesene Kompetenz aus, um den entstandenen Schaden zu beheben? Die Zweifel an den Weihen des Preises, die noch durch das aufreizend hohe Preisgeld von acht Millionen Kronen (derzeit knapp 800 000 Euro) bekräftigt werden, waren schon immer berechtigt. Die lange Liste derer, die den Preis im Verlauf der Jahrzehnte erhalten haben, erweist sich in vielen Fällen auch als unangemessene Zurücksetzung herausragender Autoren, die leer ausgegangen sind. Es ging beim Literaturnobelpreis immer um Anerkennung, selten aber um Gerechtigkeit.

Und doch bietet gerade die Krise des Preises auch die Aussicht auf einen Wandel. Dazu wird es notwendig sein, so schnell wie möglich von den beflissenen Prinzipien einer wie auch immer ausgelegten Verteilungsgerechtigkeit abzusehen. Dabei wäre es unbedingt wünschenswert, dass über die literarische Arbeit der Preisträger mehr gesprochen wird als über sekundäre Eignungskriterien. Wenn der Literaturnobelpreis eine Zukunft haben soll, dann muss er auf die Tatsache reagieren, dass es Literatursprachen gibt, die es erst noch zu entdecken gilt.

Damit sind nicht nur vernachlässigte Sprachen gemeint. Es geht auch um eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Formenvielfalt der Literatur. Man darf Ansprüche stellen, sollte aber auch darauf gefasst sein, dass viele davon nicht oder nicht auf einmal erfüllt werden.

Von dem spekulativen Spiel, in dem auch am heutigen Donnerstag um 13 Uhr wieder zwei Kläppchen geöffnet werden, geht noch immer eine große Kraft aus. Sie ist von der Hoffnung getragen, dass Sprache die wichtigste Begabung des Menschen für ein besseres Leben ist.

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