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Sarajevo 1997.

„Moralischen Kompass verloren“

Nobelpreis für Peter Handke: Kritik reißt nicht ab 

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Die Kritik an der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke reißt nicht ab. Viele Schriftstellerkollegen werfen ihm Naivität und Blindheit vor.

Viele Südosteuropäer reagierten mit einer Mischung aus Schock, Zorn und Abscheu auf die Meldung, dass Peter Handke den Literaturnobelpreis zuerkannt wird. So twitterte der albanische Premier Edi Rama: „Ich dachte nie, dass ich einmal wegen eines Nobelpreises, das Gefühl haben würde, kotzen zu müssen.“ Der kosovarische Präsident Hashim Thaçi schrieb: „Die Entscheidung für den Nobelpreis fügt ungezählten Opfern immensen Schmerz zu.“ Und einer der drei Präsidenten im bosnischen Staatspräsidium, Šefik Džaferovic beschrieb die Entscheidung der Königlichen Schwedischen Akademie als „skandalös und zum Schämen“.

Auch Jahre nach Kriegsende, zeige Handke nicht das geringste Anzeichen von Reue, und habe sich nicht bei den Opfern von Völkermord und Vergewaltigungen entschuldigt, sondern bestreite bis zum heutigen Tage die Wahrheit über den Völkermord in Srebrenica und behaupte, dass die Bevölkerung von Sarajevo Bilder aus der belagerten Stadt inszeniert habe.

Nobelpreis für Literatur an Peter Handke: Kritik von Schriftstellern

Die Verleihung des Nobelpreises an eine solche Person ist ein Akt der unmittelbaren Legitimation seines zeitlosen intellektuellen und politischen Engagements, das keiner Institution würdig ist, die zivilisatorische Werte fördert“, so Džaferovic. Das Nobelkomitee habe „seinen moralischen Kompass“ verloren, meinte der Präsident.

Sein Kollege im Staatspräsidium Željko Komšic kündigte an, eine Protestnote an das Nobelkomitee schicken zu wollen. „Stellen Sie sich vor, jemand, der den Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg leugnet, würde ausgezeichnet. Das ist völlig unangemessen und widerspricht allen moralischen Normen!“ Der Gründer der Nobelpreisauszeichnung habe Menschen im Auge gehabt, die Frieden bringen und verbreiten, nicht Charaktere wie Handke, die Hass verbreiten“, meinte Komšic.

Literaturnobelpreis: Kollegen kritisieren Peter Handke 

Widerspruch gab es auch dazu, dass die politische Klasse in Österreich, allen voran Bundespräsident Alexander van der Bellen, keinerlei Kritik an der politischen Haltung von Handke geäußert hat, sondern sich die Eliten in Österreich ziemlich geschlossen erfreut gezeigt hatten und die österreichischen Medien unkritisch berichteten. Tatsächlich zeigt die Debatte über Handke vor allem, wie wenig die Mittel- und Westeuropäer über die Südosteuropäer wissen und wie wenig Solidarität sie mit den Opfern des völkischen Nationalismus in den 1990ern haben.

Zahlreiche Autoren, Künstler und Intellektuelle, die über die Situation in Südosteuropa Bescheid wissen, kritisierten die Entscheidung indes scharf. Der aus Bosnien und Herzegowina stammende Schriftsteller Saša Stanišic meinte ironisierend: „Mutige Entscheidung, einem „provokanten“ „zornigen“ „Naturburschen“ und Genozidrelativierer den Nobelpreis zu geben“. (FR v. 13.10.) Dann verglich er dies mit der Zustimmung zu Rechtsextremen: „Mutige Entscheidung, jemanden, der Hitler und Nazis einen Vogelschiss der Geschichte nennt, zu wählen“, so Stanišic in Anspielung auf den AFD-Politiker Alexander Gauland.

Nobelpreis Literatur: Kritik nach Entscheidung für Peter Handke

Der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon bemerkte: „Die Entscheidung zur Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke erinnert mich an einen Witz, bei dem ein Typ mit einem Stück Scheiße in der Hand in eine Bar kommt und zu den Leuten in der Bar sagt: „Schaut einmal, in was ich fast hineingetreten bin.“

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Für Unverständnis sorgte die Entscheidung auch bei serbischen Intellektuellen. So kritisierte etwa Svetlana Slapšak, dass Handkes Sympathien nie den Menschen in Serbien, sondern den Führern des gewalttätigen Regimes der Neunziger Jahre galt und dass er all jene ignorierte, die nicht seiner Miloševic-Imagination entsprachen. „Im serbischen Volk nur Miloševics Welt zu sehen und nichts anderes zu bemerken, disqualifiziert Handke als Schriftsteller und Intellektueller. Es geht nicht um Ideen und politische Sympathien, sondern um einen ernsthaften Mangel an Beobachtung, Wissen, Gefühl oder den Impuls, die Unterdrückten und Opfer mehr zu lieben als Tyrannen und Täter. Handke hat Serbien ernsthaft beleidigt, könnte man mit pathetischer Intonation sagen, denn das einzige, was er sah, war das brutale Gesicht der Macht, und er setzte es mit dem Volk gleich“, so Slapšak.

Slapšak trifft damit einen wichtigen Punkt, denn Handke war nie dafür kritisiert worden, dass er eine sogenannte Volksgruppe unterstütze, sondern dafür, dass er sich für ein rechtsradikales, autoritäres und kriminelles Regime einsetzte, das drei Kriege vom Zaun gebrochen hatte, die eigenen Bürger diskriminierte und entrechtete und die internationalen Konventionen mit Füßen trat. Aber genau das hatte Handke offenbar nie verstanden, denn er folgte selbst der Logik dieses Regimes, das eine völkisch-rassische Politik betrieb.

Literaturnobelpreis: Auch Unterstützung für Peter Handke 

Wenn man Handke liest, so sind diese völkische Ideen immer wieder zu finden. Er schreibt etwa vorwiegend vom „Serbenvolk“ – was auch immer das sein soll. Er denkt damit offenbar in Vorstellungen von einem homogenen Volkskörper, wie es auch Rechtsextreme tun. Das provoziert bei Intellektuellen, die sich in Südosteuropa auskennen und es nicht nur als Projektionsfläche für die eigenen Befindlichkeiten nutzen, Unverständnis.

Der slowenische Autor Miha Mazzini schrieb in Erinnerung an die 1990er Jahre: „Einige Künstler haben ihre menschlichen Seelen für Ideologien (Hamsun und Nationalsozialismus) verkauft, andere für Hass (Celine und sein tollwütiger Antisemitismus), andere für Geld und Macht (Kusturica), aber Handke hat mich am meisten gekränkt mit seiner Naivität für das Miloševic-Regime.“

Er, Mazzini, werde den kalten Winter nie vergessen, als Jugoslawien auseinanderbrach und nichts in den Regalen der Läden stand. Er sei den ganzen Tag in der Warteschlange gestanden, um Heizöl zu bekommen und habe dann Handkes Aufsatz über Jugoslawien gelesen. „Er schrieb darüber, wie er mich beneidete: Während diese Österreicher und Deutschen, diese Westler, dem Konsum verfallen waren, mussten wir Jugoslawen anstehen und um alles kämpfen. Oh, wie nah waren wir der Natur! Wie weniger materialistisch und spiritueller waren wir! Schon damals fand ich ihn grausam und völlig in seiner Naivität versunken“, so Mazzini.

Nobelpreis Literatur für Peter Handke: Unterstützung für Faschisten

Es gibt jedoch auch Schriftsteller, die Handke verteidigen, etwa Miljenko Jergovic. „Letztendlich hören nicht nur der Balkan, sondern auch die Europäer auf, alles andere zu berücksichtigen, was Peter Handke schrieb, und liquidieren den großen Schriftsteller fast vollständig auf Kosten des politischen Exzentrikers und des Provokateurs“, plädiert Jergovic für eine Differenzierung. Die fünf Texte zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, seien „fünf schlechte Bücher, die seines Talents, aber auch seiner Weltanschauung und Abgeschiedenheit nicht würdig waren“, so Jergovic.

Der Autor, der heute in Zagreb lebt, aber während des Kriegs in Sarajevo war, kritisiert allerdings, dass Handke Faschisten unterstützte. „Er tat dies aus Rücksichtslosigkeit und Unwissenheit: Er suchte bei Serben nach seiner kindlichen Metapher, anstatt sie als Menschen zu betrachten, die wie alle anderen Menschen sind.“ Das sei Handkes Denkfehler gewesen.

Literaturnobelpreis: Schriftsteller kritisieren Peter Handke

Anerkennung für die Verleihung des Nobelpreises gab es von serbischen Medien. Handke wurde etwa von „Vecernje novosti“ damit zitiert, dass er „erfreut sei, dass die Serben wegen ihm glücklich seien“. Handke wird so wie Emir Kusturica von Nationalisten instrumentalisiert. Und so ist auch der Nobelpreis ein Triumph für die Anhänger dieser Ideologie und für die Revisionisten. Handke ist Ehrenmitglied in der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Ehrenbürger von Belgrad.

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Viele Südosteuropäer unterschreiben indes Petitionen an das Nobel-Komitee, die Nobelpreis-Nominierung für Handke zurückzunehmen. Und auch einige berühmte Autoren üben offen Kritik. Salman Rushdie nannte Handke bereits 1999 „Internationalen Trottels des Jahres“, weil er das Völkermordregime von Miloševic verteidigte. Nun sagte er, er habe diesem Statement von damals nichts hinzuzufügen (FR v. 13.10.). Der britische Autor Hari Kunzru schrieb über Handke: „Er ist ein guter Schriftsteller, der großartige Einsichten mit schockierender ethischer Blindheit verbindet. “

Literaturnobelpreis für Peter Handke: Kritik an Verleihung

Dabei brauche man „mehr denn je öffentliche Intellektuelle, die in der Lage sind, die Menschenrechte angesichts der Gleichgültigkeit und des Zynismus unserer politischen Führer solide zu verteidigen. Handke ist keine solche Person“, so Kunzru.

Emir Suljagic etwa, der selbst dem Massenverbrechen rund um Srebrenica gerade noch entkommen ist, wo 1995 mehr als 8000 Menschen nur deshalb ermordet wurden, weil sie muslimische Namen hatten, twitterte auf die Frage, ob er irgendwelche Bücher von Handke gelesen habe. „Nein wir waren damals damit beschäftigt, unsere Familien und Freunde zu suchen, die in Massengräbern lagen, die er leugnet.“

Von Adelheid Wölfl

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