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Nobelpreis für Annie Ernaux: Ins Herz des Kollektivs

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Von: Cornelia Geißler

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Annie Ernaux im Mai dieses Jahres in Cannes.
Annie Ernaux im Mai dieses Jahres in Cannes. © afp

Indem Annie Ernaux über sich schreibt, schreibt sie über die Menschen. Es ist frappierend selbstverständlich, dass sie den Nobelpreis für Literatur erhält.

Stockholm – Dieser Nobelpreis ist keine Überraschung. Oder doch, weil es nach der Verkündung am Donnerstagmittag so überraschend einleuchtend und selbstverständlich war, dass Annie Ernaux ihn erhalten musste. Ja, warum hatte die Schwedische Akademie überhaupt noch mehr als 200 andere Namen auf ihrer Liste? Geehrt wird eine Autorin, deren Werk von so überzeugender Klarheit ist, dass es beim Lesen leicht zugänglich erscheint. Zugleich haben die Bücher eine Tiefe, dass ein jedes nachwirkt, geradezu bohrend präsent bleibt, ja die Leserinnen und Leser verändert.

Zugleich hat diese Schriftstellerin in einer Weise das biografische Schreiben verändert, dass es mit Fug und Recht zur Weltliteratur gehört. Annie Ernaux erforscht die Zeit, in der wir leben, nicht als Chronistin der Ereignisse, eher in soziologischer Weise und dabei doch individuell. Sie geht von ihrem engsten Umfeld aus und greift von dieser Position in ihre Generation.

Literaturnobelpreis: Annie Ernaux gehört in Deutschland seit wenigen Jahren zu den Stars

In Deutschland gehört sie erst seit wenigen Jahren zu den Stars. Gerade erst war sie beim Sommerfest des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin zu Gast. Sie sprach auf der Bühne im frühherbstlichen Wetter mit ihrer Übersetzerin Sonja Finck über ihr Schreiben, warum sie zum Beispiel für „Die Jahre“ (2017) Fotos zur Grundlage nimmt, die Bilder deutet, aber nicht möchte, dass man sie auch sehen kann. Sie zieht etwas Allgemeingültiges aus dem Aufbau und den Details, schließt auf die gesellschaftliche Situation. Und sei es der Blick auf ein Mädchen am Strand: In welcher Pose sitzt sie da? Warum?

„Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“, wollte sie mit diesem Buch. Die Zeit reicht hier von ihrem Geburtsjahr 1940 zum Beginn unseres Jahrtausends, 2007. Sie erzählt von sich, aber sie sagt nicht „ich“, sie schreibt „sie“, meint eine Frau, die von den Umständen ihrer Gegenwart geprägt ist. Eine, wie sie sagt, „unpersönliche Autobiografie“. Übrigens sind es nicht nur Fotos, die sie für „Die Jahre“ verwendet hat, sondern auch Filmmaterial. In Cannes stellte sie in diesem Jahr einen Dokumentarfilm auf Grundlage der Super-8-Filme vor, die sie zwischen 1972 und 1981 in ihrer Familie gedreht hat.

Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux: „Ich habe in Literatur gebadet“

Bei einer anderen Begegnung, als sie 2019 den Prix de l’Académie de Berlin bekam, wird sie nach ihren Vorbildern gefragt und sagt: „Ich habe in Literatur gebadet“, habe immer gelesen, Literatur studiert, Literatur unterrichtet. Auf Pierre Bourdieu und Albert Camus beziehe sie sich, Gustave Flaubert liebe sie.

Es war vor allem der Erfolg von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“, 2016 auf Deutsch erschienen, der in der deutschsprachigen Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit für Ernaux weckte. Eribon nennt Ernaux sein Vorbild. Bereits übersetzte Bücher von ihr wurden nach und nach durch Sonja Finck noch einmal übertragen: Finck trifft angemessen den nüchternen, dabei nicht kalten Ton, mit dem die Autorin Verletzungen, Traumata und Umwälzungen beschreibt. Annie Ernaux bezeichnet sich als „Ethnologin ihrer selbst“. Indem sie sich erkundet, lässt sie uns genauer auf die Gesellschaft sehen.

Erste Reaktionen:

Der Suhrkamp Verlag stellt sich auf einen Ansturm auf die Bücher von Annie Ernaux ein. Aktuell seien alle Bände lieferbar, hieß es zwar, aber Pressesprecherin Tanja Potspischil sagte der dpa: „Noch etwa eine halbe Stunde“. Für alle im Verlag erschienenen Bücher seien Neuauflagen geplant.

Neu in deutscher Übersetzung erscheint in diesen Tagen der Band „Das andere Mädchen“. Als Taschenbuch kommt zudem „Das Ereignis“, die Geschichte einer Schwangeren, die im Frankreich der 60er Jahre versucht, Wege für eine Abtreibung zu finden. Audrey Diwan hatte das Buch erfolgreich verfilmt.

Frankreichs Ex-Kulturministerin, die Autorin Aurélie Filippetti, hat die Auszeichnung Ernaux’ als große Freude bezeichnet. Ernaux habe biografischen Stoff zur Kunst des Erzählens erhoben und die dumpfe Gewalt sozialer Klassen, männliche Dominanz, Scham und Leidenschaft zum Ausdruck gebracht, schrieb Filippetti auf Twitter. „In ihr erkennen sich so viele Frauen wieder.“

Annie Ernaux selbst erfuhr mit Verspätung von der Ehrung. „Wir haben es noch nicht geschafft, Annie Ernaux telefonisch zu erreichen“, sagte Akademiesekretär Mats Malm bei der Bekanntgabe. Sie erfuhr erst kurz darauf durch einen Anruf der schwedischen Nachrichtenagentur TT von der Auszeichnung. „Nein! Wirklich?“ sagte sie nach TT-Angaben. „Ich habe heute Morgen gearbeitet und das Telefon hat die ganze Zeit geklingelt, aber ich bin nicht dran gegangen“, erklärte sie demnach und ergänzte: „Ich höre es jetzt die ganze Zeit klingeln.“ dpa/epd

Literaturnobelpreis für Annie Ernaux: Aus einfachen Verhältnissen

Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, wurde in der Normandie geboren, wohnt heute in einem Vorort von Paris. Der Vater, zunächst Landarbeiter, führte einen einfachen Laden mit Café. Sie hat als erste in ihrer Familie studiert, dann als Lehrerin am Gymnasium gearbeitet. Diesen Sprung aus ihrem sozialen Milieu, aus ihrer Klasse, hat Ernaux selbst als Verrat an ihrer Herkunft empfunden. Das spiegelt sich in jedem ihrer Bücher. In „Der Platz“ fasst sie das mit dem Motto vorn im Buch zusammen, es stammt von Jean Genet: „Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat.“

Sie veröffentlicht seit den 70er Jahren, zu ihrer speziellen Art des autobiografisch-soziologischen Schreibens hatte sie Anfang der 80er gefunden mit dem Buch „Der Platz“, das erstmals 1983 erschien: Sie schreibt in nüchternem Ton von ihrem Vater und der begrenzten Position in der Welt, die er sich erkämpft hat. Überhaupt kann man mehrere Bücher einzelnen Personen zuordnen: In „Eine Frau“ geht sie vom Tod der Mutter aus, nimmt von ihr Abschied. „Ich versuche, die Wut, die überschwängliche Liebe und die Vorwürfe meiner Mutter nicht nur als individuelle Charakterzüge zu betrachten, sondern sie in ihrer Lebensgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Stellung zu verorten“, heißt es darin. Die eigene verstörende erste sexuelle Begegnung ergründet sie in „Erinnerung eines Mädchens“. Und „Das Ereignis“ kreist um den Versuch einer Abtreibung im Frankreich des Jahres 1963, schon das Wort für den Eingriff erschien damals unaussprechlich.

Literaturnobelpreis für Annie Ernaux: Buch auf Deutsch kommt in die Läden

In diesen Tagen kommt gerade ein neues Buch auf Deutsch in die Läden, 2011 im Original erschienen. Es ist eine Art Brief an ihre im Alter von sechs Jahren verstorbene Schwester, von der sie als Kind durch Zufall erfahren hat: „Das andere Mädchen“. „Ich schreibe nicht, weil du gestorben bist. Du bist gestorben, damit ich schreibe, das ist ein großer Unterschied.“ Die als Einzelkind aufgewachsene Autorin mutmaßt, dass ein Teil ihrer Lebensenergie von ihrer Schwester herrührt.

Am Ende von „Die Jahre“ steht wie als Resümee: „Sie will in einem individuellen Gedächtnis das kollektive Gedächtnis finden und so die Geschichte mit Leben füllen.“ Damit fasst Annie Ernaux ihre Methode zusammen und erklärt auch, warum die Bücher die Leserin, den Leser so tief treffen. Weil wir Teil dieses Kollektivs sind. Die Nobelpreis-Jury ehrt Ernaux „für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt“.

Auch wenn sie in Interviews Kollegen als Vorbilder und Referenzen nennt, ist sie doch eine Autorin in der Tradition von Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, Simone de Beauvoir und Marguerite Yourcenar. Für Frauen sind die Bedingungen des Schreibens stärker durch Familie und Umfeld mit definiert. Mit ihrer literarischen Stimme, die Prägungen, Chancen und Beschränkungen durch die Gesellschaft durchdringt und das Individuelle dabei hochhält, beginnt auch etwas Neues. Dass Annie Ernaux diese höchste in der Literaturwelt mögliche Auszeichnung erhalten hat, ist Grund zu großer Freude. (Cornelia Geißler)

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