Der rumänische Autor und Nobelpreis-Kandidat Mircea Cartarescu.
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Der rumänische Autor und Nobelpreis-Kandidat Mircea Cartarescu.

Mircea Cartarescu

Nobelpreis-Anwärter unter Plagiats-Verdacht

  • Norbert Mappes-Niediek
    vonNorbert Mappes-Niediek
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Der rumänische Autor und Nobelpreis-Anwärter Mircea Cartarescu ist mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Der Vorwurf gründet sich auf fünf Textstellen, alle aus Cartarescus lyrischem Frühwerk.

Schon im letzten Jahr zählte Mircea Cartarescu zu den aussichtsreichen Anwärtern auf den Literatur-Nobelpreis. Ob der Rumäne für die kommende Vergabe in der engeren Wahl ist, verrät das Nobelpreis-Komitee nicht. Zu Hause zittern nicht alle mit ihm; Cartarescu muss sich gegen die Anschuldigung wehren, er habe abgeschrieben. Der Vorwurf gründet sich auf fünf Textstellen, alle aus Cartarescus lyrischem Frühwerk, nicht aus den Romanen, die seinen Weltruhm begründet haben. Und richtig überzeugen kann keine.

Das stichhaltigste Argument der Gegner ist eine acht Zeilen lange Passage aus dem „Tristram Shandy“, dem Roman des Engländers Laurence Sterne aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die sich wörtlich in Cartarescus erstem Gedichtband wiederfindet. Schon bei Sterne ist die Stelle ein Zitat aus der Exkommunikationsbulle eines mittelalterlichen Bischofs, dort allerdings ein ausgewiesenes.

Die Übernahme blieb dem aufmerksamen Publikum nicht verborgen. Schon einige Wochen nach Erscheinen seiner Anthologie sah sich der damals 24-jährige Dichter zu einer „Klarstellung“ gezwungen: Es handele sich um ein Kulturzitat, das niemand besonders markieren müsse. Im Übrigen hätten namhafte Schriftsteller, namentlich T.S. Eliot, solche Übernahmen sogar zum System gemacht.

Peinlich war aber, dass Cartarescus Förderer, der Großkritiker Nicolae Manolescu, in seiner hymnischen Besprechung des Gedichtbands ausgerechnet die von Sterne entlehnte Passage als Beispiel für die Virtuosität des jungen Autors hergenommen hatte. „Heftig und trotzig“ sei die Stelle, pries ihn damals Manolescu. Wären die Zeilen wirklich ein jedermann geläufiges „Kulturzitat“ gewesen, so hätte der belesene Kritiker es als erster merken müssen.

Auch 35 Jahre später schleicht der Vorfall dem Autor noch immer nach. So nimmt jetzt die einflussreiche Netzzeitung „Cotidianul“ es als Schuldeingeständnis, dass Cartarescu das Zitat in der jüngsten Auflage des Bandes in Anführungszeichen setzt.

In Cartarescus Gedichten finden sich tatsächlich noch mehr Sätze, die man auch anderswo lesen kann – bei dem Amerikaner Gregory Corso etwa, einem Dichter der Beat-Generation. Dessen Zeile „We are the imitation of power“ hat Eingang in denselben Gedichtband gefunden, wie der Bukarester Dichter Peter Sragher herausfand – auf Englisch allerdings und damit, wenigstens nach den Gepflogenheiten der Lyrik, als Zitat hinreichend gekennzeichnet.

Auch bei zwei weiteren Fundstücken ist zweifelhaft, ob man sie für Plagiate halten muss. So fand der „Cotidianul“ eine Passage aus einem orthodoxen Grabgesang, eine aus einem Brief von Plinius dem Jüngeren, entnommen offenbar ebenfalls dem „Tristram Shandy“. Zwei lateinische Sätze sind in der lateinischen Originalsprache zitiert – die gebildeten Rumänien geläufiger ist als etwa gebildeten Deutschen. Der eine ist von John Locke: „Nihil est in intellectu quod non antea fuerit in senso“ – Nichts ist im Verstande, das nicht zuvor schon im Sinn war. Den anderen hat Cartarescu in einem Roman des Wieners Heimito von Doderer gefunden. „Et quid susurrant vermes?“, fragt da der Erzähler, sich ereifernd über intrigante Bürokraten: „Und was flüstert das Gewürm?“

Forscher wundert sich über die Debatte

Der deutsche Doderer-Forscher Gerald Sommer wundert sich über die Debatte: Literatur habe „sich doch eigentlich schon immer auf frühere Literatur bezogen, sei es nun zitierend oder anspielend, auf ihr gründend oder auch sich explizit von ihr distanzierend“. Und selbst wenn Cartarescu seine Poesie „komplett aus Versatzstücken anderer Autoren zusammengesetzt hätte“, meint Sommer, „wäre dies „doch immer noch sein Werk“.

In Rumänien herrscht über die Regeln des Zitierens erhebliche Unsicherheit. Premierminister Victor Ponta etwa hat der Nachweis, dass er seine Doktorarbeit in weiten Teilen abgeschrieben hat, politisch kaum geschadet. Die Vorwürfe gegen Cartarescu kommen allerdings auch aus der entgegengesetzten Ecke: Während der Autor, der zu kommunistischer Zeit kaum Schikanen zu erdulden hatte, sich nachher klar auf die Seite der liberalen Opposition schlug, hielten es seine Widersacher mit den Postkommunisten um Präsident Ion Iliescu. Der Kritiker Eugen Simion etwa, zwischen 1998 und 2006 Präsident der Rumänischen Akademie, sperrte sich erfolgreich gegen die Aufnahme Cartarescus in den erlauchten Kreis.

Die Missgunst gegenüber Cartarescu ist auch die Kehrseite einer Kulturpolitik, die den heute 59-jährigen Schriftsteller zum Exportartikel gemacht hat. In Manolescus rumänischer Literaturgeschichte nimmt der vielfach Geehrte nicht weniger Platz ein als der Nationaldichter Mihai Eminescu. Seinem Werk kommt der Löwenanteil der Übersetzungsförderungen zugute. Cartarescu selbst spielt auf der Klaviatur der Kulturförderung geschickt und erfolgreich mit. Ihm zum Nobelpreis zu verhelfen, ist geradezu ein nationales Programm – zumal die Nation mit Ehrungen aus Stockholm nicht reich gesegnet ist.

Weder Emil Cioran noch Mircea Eliade oder Eugene Ionesco erhielten die Auszeichnung. Die beiden einzigen Literaten aus Rumänien, die es zum Nobelpreis brachten, gehören nationalen Minderheiten an; Elie Wiesel, ein Jude aus Sighetu Marmatiei, schreibt auf Englisch, Herta Müller auf Deutsch. Als die Banater Schwäbin 2009 den begehrten Preis bekam, herrschte Besorgnis, damit sei Rumänien wohl auf Jahre aus dem Rennen.

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