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Nino Haratischwili „Das mangelnde Licht“: Erinnerungen, mit denen keine intakte Gegenwart möglich ist

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Von: Andrea Pollmeier

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Tbilissi Ende Dezember 1991, während des von Russland unterstützten Putschs.
Tbilissi Ende Dezember 1991, während des von Russland unterstützten Putschs. © AFP

Nino Haratischwilis Georgien-Roman „Das mangelnde Licht“ erzählt vom postsowjetischen Kriegsgrauen, das nicht vergeht – unmöglich, dabei nicht an die Ukraine zu denken

Die in Georgien aufgewachsene und in deutscher Sprache schreibende Autorin Nino Haratischwili richtet in ihren Werken seit langem den Blick auf die Gefahren postsowjetischer Verwerfungen. Das Lebensthema der Autorin hat mit dem russischen Krieg gegen die Ukraine auf traurige Weise Aktualität erhalten – kurz nachdem die ersten russischen Bomben auf Kiew fielen, ist der Roman „Das mangelnde Licht“ in der Frankfurter Verlagsanstalt veröffentlicht worden. Auf mehr als 800 Seiten erzählt Nino Haratischwili darin von der Kriegszeit in Georgien. Grausam nah führt der Roman, dessen Handlung in den 90er Jahren spielt, an die Geschehnisse heran, die heute in der Ukraine Realität sind.

Die Erzählung beginnt im Konjunktiv. „Sie würde es schaffen...“, heißt es. Die Prognose ist mit der Zeit- und Ortsangabe Tbilissi, 1987 verbunden. Es geht um die Phase, in der sich die Sowjetunion auflöst und die Wiedervereinigung Deutschlands möglich wird – eine Zeit tiefgreifenden Wandels mit weltweiten Konsequenzen. Zahlreiche „Wenns“ schwingen in diesen ersten Worten mit. Nino Haratischwili, Jahrgang 1983, wird sie mit großer Sorgfalt entschlüsseln.

Am Beispiel von vier unzertrennlichen Freundinnen zeigt die Autorin, wie sich Desorientierung und Gewalt immer tiefer in der georgischen Gesellschaft ausbreiteten. „Sie würde es schaffen...“, was 1987 noch ermutigend optimistisch klingt, verliert zunehmend seinen abenteuerlichen Reiz. Immer mehr Optionen verschließen sich, am Ende wird gerade die Mutigste von ihnen, die Dokumentarfotografin Dina, dem Grauen des Kriegsgeschehens und dem „Blick in die stummen Augen der Toten“ nicht gewachsen sein.

Erzählt wird rückblickend aus der Perspektive Ketos. Sie ist Restauratorin geworden und bemüht sich zwar um den Erhalt historischer Bauwerke, die nahe Vergangenheit hat sie bisher jedoch verdrängt. Erst eine Ausstellung, auf der die Fotos ihrer inzwischen verstorbenen Freundin Dina gezeigt werden, zwingt sie dazu, sich zu konfrontieren. Dinas dokumentarisches Werk hat 30 Jahre nach den Kriegen Sammlerwert und wird im renommierten Palast der schönen Künste in Brüssel ausgestellt. Es sind die Bilder dieser Ausstellung, die den Fluss der Erzählung steuern und in eine erschreckend gegenwärtige Vergangenheit führen.

Der Roman dringt dabei – anders als es einer aktuellen Reportage von Krieg und Leid möglich wäre – in die inneren Strukturen der Gesellschaft ein, um, wie Keto es formuliert, „das ganze Leben dazwischen“ zu zeigen. Sichtbar werden komplexe Wirkmechanismen, die Tbilissi seit dem Einmarsch sowjetischer Truppen im April 1989 eine „Haube aus Blei“ überstülpen und die Menschen auch lange nach dem Ende des unmittelbaren Kampfgeschehens noch traumatisieren.

Das Buch:

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt 2022. 832 Seiten, 34 Euro.

So wird es Keto, die sich im Krieg mit einer Rasierklinge zu ritzen beginnt, nie mehr möglich sein, die Bitterkeit über eine Zeit, die zunächst nur Kälte, Hass und Ohnmacht brachte, ganz zu überwinden. „Denn mit diesen Erinnerungen ist keine intakte Gegenwart möglich“, heißt es im Text.

Keiner der vier äußerst unterschiedlichen Freundinnen gelingt es, heil aus der postsowjetischen Ära der Schattenmänner und kriminellen Autoritäten herauszukommen. Auch Nene, die „Expertin im Maskentragen“, die sich als Frau den Regeln der patriarchalen Gesellschaft unterwirft und den für sie vorbestimmten Ehemann heiratet, wird ihren wichtigsten Geliebten, mit dem sie sich in der Dunkelheit der U-Bahn-Schächte weiterhin trifft, dennoch auf tragische Weise verlieren.

Das Wegbrechen regulärer Strukturen bewirkt, dass Defizite der Gesellschaft besonders wuchern können. Vor allem die patriarchalen Exzesse rückt die Autorin in den Blick. Frauen werden wie Waren benutzt. Einzig das Erscheinungsbild, das nach außen hin sichtbar wird, zählt. Diese Haltung prägt das Denken der jungen Männer und macht auch sie zu Sklaven ihrer selbst gewählten Wertordnung. Während die Männer an alten Mustern festhalten, zieht es die Frauen in eine andere Zeit, ihnen gilt „jedes Anzeichen einer Abweichung als etwas Erstrebenswertes“.

In ihren Erinnerungen folgt Keto den Spuren der jungen Frauen, schildert die Hofgemeinschaft, in der sie aufwachsen, zeigt Eltern, Großeltern, Brüder, Nachbarn, Kollegen und Partner. Die Nähe zur westlichen Kultur ist generationenübergreifend erkennbar. Es wird Französisch und Deutsch gelernt, klassische Musik gespielt und vor allem nach der im April 1991 erklärten Unabhängigkeit amerikanische Musik und Lebensart begrüßt. Dennoch entfaltet sich eine „bleierne Enttäuschung“ und zunehmend „verpestete Idylle“, in der ein abgenutzter gepackter Koffer, der immer griffbereit steht, zum Symbol für alles Kolossale und Eruptive wird, „das von einem Tag auf den anderen in unser Leben hereinbrechen und dort alles verwüsten kann, was wir uns in mühseliger, jahrelanger Arbeit aufgebaut haben“.

Es ist – wie bereits in Haratischwilis 2014 publiziertem Familienepos „Das achte Leben (Für Brilka)“ und dem 2018 für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman über die Tschetschenienkriege „Die Katze und der General“– beeindruckend, mit welcher Sprachgewalt und erzählerischen Energie die Autorin den großen Umfang ihres Romans dramaturgisch gestaltet. Szenische Präsenz, reflektierende Analyse und sorgfältig ausgeführte Dialoge greifen dicht ineinander und geben den Charakteren eine stimmige, an griechische Tragödien erinnernde Wirkkraft. Auch die Begegnung im Zoo, in der sich Keto in einem moralisch unlösbaren Konflikt entscheidet, Geld, das den Bruder aus dem Gefängnis befreien soll, zu nutzen, um das Leben eines Fremden zu retten, wirkt antik schicksalhaft.

Es gibt eine Vielzahl solch tragischer Momente, die in dem hier beschriebenen Georgien irreversible Kettenreaktionen auslösen. Dina, die auch als Penthesilea bezeichnet wird, ist nach ihren ersten, bewussten Flirts mit dem mörderischen Risiko zunehmend süchtig nach der Todesnähe auf minenverseuchten Schlachtfeldern. „Unser Land hatte sich in Kronos verwandelt, der anfing, seine eigenen Kinder zu fressen,“ stellt Keto fest. Es ist ein Satz, gegen den zu rebellieren ein lebenslanger Auftrag bleibt.

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