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Martin Walser in Neuhardenberg, November 2011.

Martin Walser und Jakob Augstein

"Nimmst du übel?"

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Der Schriftsteller Martin Walser und der Journalist Jakob Augstein sind Vater und Sohn ? und reden nun öffentlich.

Sie sind Vater und Sohn. Martin Walser (90), der Schriftsteller, und Jakob Augstein (50), der Publizist. Von ihrem Verwandtschaftsverhältnis wissen sie allerdings erst seit dem Tod des „Spiegel“-Herausgebers Rudolf Augstein im Jahre 2002. Mutter Maria Carlsson hatte da dem Sohn Jakob bestätigt, was ein Gerücht zuvor schon wusste. Nun haben Vater und Sohn in mehreren Tagesetappen ein langes Gespräch für die Öffentlichkeit geführt.

Es ist ein Band, der es in sich hat. Informativ, persönlich und kurzweilig. Ideal für Leser, denen an deutscher Geschichte im Allgemeinen und an Martin Walsers Werk im Besonderen gelegen ist. Gleich zu Anfang stellt Walser fest, dass sich das Gespräch „immer an der Grenze zur Indiskretion bewegen“ werde. Das stimmt. „Stellen der Verletzlichkeit“ werde es geben, so Walser weiter, „die jeder Rezensent benutzen kann, wie er will.“ Und es werde mit den Jahren eben nicht erträglicher, verletzt zu werden.

„Dass du das alles noch im Kopf hast“

Andererseits hat Walser sowieso immer nur über sich geschrieben, wie er selber sagt, wenn auch geborgen in der Fiktion, also in dem, was er als „Entblößungsverbergungsvorgang“ bezeichnet: „Jeder Roman ist eine Autobiografie, ein Selbstporträt des Autors zum Zeitpunkt des Schreibens.“
Am nächsten an einer Autobiografie war Walser mit seinem Roman „Ein springender Brunnen“, der eine Kindheit in Wasserburg am Bodensee erzählt. Unverschlüsselt liest sich das im Gesprächsband nun so: „Ich erinnere mich nicht daran, dass meine Mutter mich jemals in den Arm genommen oder liebkost hätte.“ Vor allem sei die Mutter in Angst gewesen um die Gastwirtschaft, die die Familie ernährt habe. Diese Angst habe er geerbt. Auch ein Kirchenaustritt ist für ihn undenkbar: „Weil ich das meiner Mutter nicht erklären könnte.“

Stets habe die Mutter die Partei der Nachbarn ergriffen, wenn die sich über ihre Kinder beklagt hatten. Auf Augsteins Frage, ob das auch für ihn als Vater vorstellbar gewesen sei, beschreibt der eine Episode, für die er sich noch heute „sündhaft schäme“: „Ich erinnere mich an eine Szene, da habe ich die Partei eines Lehrers ergriffen, gegen ein Kind.“ Die Tochter sollte sich ändern, forderte der Lehrer, der „ein Vollidiot“ gewesen sei. Und Walser habe geglaubt, sein Kind durch Opportunismus schützen zu können. „Das ist tatsächlich eine der fürchterlichsten Szenen in meinem Seelenvorrat.“

So offenherzig geht es nicht selten zu.  Da spielt gewiss eine Rolle, dass sich Martin Walser seinem Gesprächspartner, der in erster Linie ein Fragensteller ist, in einer besonderen Weise verpflichtet fühlt. Auch ist Jakob Augstein gut vorbereitet und kennt das Werk, wenngleich wohl manches Buch-Zitat im Nachhinein in den Gesprächsverlauf implantiert worden sein mag. Enorm bei alledem das Erinnerungsvermögen von Martin Walser. Als er einmal seine Setzkombinationen beim Roulette referiert, aus der Zeit der Spielsucht in den frühen Jahren nach dem Krieg, ruft Augstein aus: „Martin, das kann nicht dein Ernst sein, dass du das alles noch im Kopf hast.“

Diese lebendige Erinnerung fällt zumal bei den großen Themen auf. Also beim Reden über das Grauen von Auschwitz, das uns zur Scham verpflichte. Über das Schreiben, ohne das das Leben nicht vorstellbar sei. Die deutsch-deutsche Frage, die Walser früher als andere Intellektuelle mit einem Votum für die deutsche Einheit beantwortet hat. Oder die Frankfurter Friedenspreisrede, für die er heute „dieselben Worte nicht mehr gebrauchen würde“.


Einmal allerdings stehen einem bei der Lektüre die Haare zu Berge. Denn Jakob Augstein fragt da recht blauäugig und selbstgerecht, halt wie ein zorniger junger Mann aus den 68er Jahren seine Eltern befragt hat, nach Walsers Verhalten als Kind in der NS-Zeit. Auch nach dem Widerstandsgeist der Wasserburger und dem Eintritt der – ja – Großmutter in die NSDAP. „Ich warne davor, von der Schuld zu reden wie der Blinde von der Farbe.“ sagt Walser. „Meine Mutter war keine Nationalsozialistin. Sie hatte eine Wirtschaft zu führen.“ Vor allem in diesem Kapitel ist Walser seinem Sohn auf atemberaubende Weise überlegen an Lebensklugheit.

Ein Döschen mit Leo-Creme

Gleichwohl fallen auch hier Informationen ab, die nicht jedem bekannt sein dürften. Als Walser beim Arbeitsdienst in Fürstenfeldbruck war, musste vor dem Essenfassen stets ein „Spruch des Tages“ aufgesagt werden. Eher durfte nicht zugelangt werden. Damit das nicht immer so lange dauerte, hat Walser diese Aufgabe freiwillig übernommen. Es war seine „erste Auftragsarbeit“ als Dichter. Und zuvor, als Angehöriger der Hitlerjugend, wurde er einmal „Reichsmeister im Signalwinken“. Wer die Flaggenzeichen am schnellsten in Buchstaben übersetzen konnte, hatte gewonnen. Das war Martin Walser.

Als sich das Gespräch den „Stufen der Liebe“ zuwendet, entlockt Augstein dem Vater dessen „erstes sozusagen erotisches Erlebnis“. Dafür sorgte Mitschülerin Irmgard, als sie ihm in einer Scheune – in Gegenwart ihrer Freundin Luise – „ein Döschen Leo-Creme“ geschenkt hatte. Dieses Geschenk sei die zärtlichste Berührung gewesen, die sich denken lasse. Und dann staunt Augstein, dass Walser in den 60er Jahren einmal für vier Tage in Edinburgh war und sich dort in gleich zwei Frauen verliebt habe. Eine von ihnen war Fanny Lichtveld, damals noch Ehefrau von Cees Nooteboom, die dann als Orli Eingang fand in den Roman „Das Einhorn“.

„Über uns“ erst ganz am Schluss

Ja, sehr viele, die in der deutschen Literaturszene an prominenter Stelle unterwegs waren, kommen hier vor. Der Verleger Siegfried Unseld, der Walser seine eigenen literarischen Ambitionen zur Prüfung vorgelegt hat. Uwe Johnson, der beste Freund, mit dem er sich gleichwohl am heftigsten gestritten hat. Marcel Reich-Ranicki, dessen Kritiken er als eine unerträgliche Machtausübung wahrnahm. Günter Grass, den er sehr geschätzt hat, aber dessen „Ratgebertum“ in politischen Angelegenheiten ihm immer fremd geblieben ist. In dem Zusammenhang der Satz: „Ich habe Engagement nie für ein Pflichtfach des Schriftstellers gehalten.“

„Über uns“ reden die beiden erst ganz am Schluss. „Was wir verschweigen“, heißt das Kapitel, und es endet mit einer kryptischen Feststellung von Martin Walser: „Aber dieses letzte Gespräch im Buch, das haben wir so nie geführt ... Du hast es dir beinahe ganz ausgedacht.“ Und nun? Nun fällt uns ein, dass die Fiktion, das Erfunden-Gefundene für Schriftsteller nichts als die Wahrheit ist. Daher darf man auch aus diesem letzten Kapitel getrost seine Schlüsse ziehen.

Demnach kam Martin Walser das Gerücht von der Vaterschaft erstmals in den achtziger Jahren zu Ohren. Ob er diesem nachgegangen ist, ob er davon schon früher wusste – das bleibt offen. Maria habe ihm zwar immer wieder von ihrem Sohn Jakob erzählt. „Aber ich glaube nicht“, sagt Walser, „dass ich damals schon von dir und mir gewusst habe.“ Dann etwas später die Frage an den Sohn: „Nimmst du übel?“ Worauf der antwortet: „Ihr habt es mir überlassen, alles zu klären. Warum müssen die Kinder hinter den Eltern aufräumen?“ Walser: „Ja, das ist eine Ungerechtigkeit. Aber es ist keine unübliche Ungerechtigkeit.“

Ein Gespräch zwischen Vater und Sohn. Doch darin geht es fast durchweg nur um Martin Walser. Darum darf eine Person nicht fehlen, auch wenn von ihr nicht oft und nicht ausführlich die Rede ist: Käthe Walser. Die Frau an seiner Seite. Mit ihr ist Martin Walser seit 1950 verheiratet. Er sagt: „Ohne Käthe hätte ich das alles nicht ertragen.“

Martin Walser und Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich – Ein Gespräch. Rowohlt, Hamburg 2017. 352 Seiten, 19,95 Euro.

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