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Mit Nietzsche unterm Regenschirm

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Spaß in Sils Maria, 2003: Der damalige deutsche Umweltminister Jürgen Trittin, sein damaliger Schweizer Kollege Leuenberger und zwei Pferde.
Spaß in Sils Maria, 2003: Der damalige deutsche Umweltminister Jürgen Trittin, sein damaliger Schweizer Kollege Leuenberger und zwei Pferde. © rtr

Jetzt hurtig nach Sils Maria: In einer Anthologie widmen sich 19 Autoren einem Schweizer Grandhotel in den Bergen.

Von Björn Wirth

Das kleinste Einzelzimmer kostet gerade mal 228 Schweizer Franken, für die Tower Suite sind in der Winter-Hochsaison 1670 Franken zu berappen. Das macht eine Spanne von 189 bis 1384 Euro. Pro Nacht, versteht sich. Immerhin mit Halbpension.

Und die darf man sich im ehrwürdigen Schweizer Grandhotel Waldhaus auf gar keinen Fall entgehen lassen. Die Autorin Angelika Overath notiert in ihrem Hoteltagebuch etwas von „Cristal de veau du Val Bregaglia et crêpe farcie“, was so viel wie „Kraftbrühe vom Bergeller Kalb mit gefüllten Pfannkuchen“ heißt.

Ihr Kollege Michael Mettler schwärmt von einer Paella von der Felsenbirne sowie von den in Thymian-öl sautierten Lotoswurzelstücken auf Persominenbeet und noch mehr vom dazu gereichten Whisky. Jens Steiner lobt die Joghurtmousse mit Safran.

Das Haus, in dem derart geschlemmt wird, ist nicht irgendeines, sondern das Waldhaus in Sils Maria im schweizerischen Engadin. Eine Luxushütte mit fünf Sternen und 140 Zimmern, einer mehr als hundertjährigen Geschichte und jetzt auch mit einer eigenen Anthologie.

„Wie groß ist die Welt und wie still ist es hier“, heißt sie und versammelt 19 „Geschichten ums Waldhaus in Sils Maria“. 19 Geschichten von 19 Autoren, darunter bekannte wie Daniel Kehlmann und Martin Mosebach, Donna Leon und Elke Heidenreich, was aber wenig zu sagen hat.

Pflichtschuldigkeit

Denn gerade die prominenteren Autoren haben oftmals erschreckend wenig zu erzählen. Mosebach etwa berichtet auf gerade einmal vier Seiten aus Kindertagen und von der damaligen Lektüre einiger Elefantenbücher. Mehr als mühevoll gelangt der Autor von dort zum Waldhaus, um dann pflichtschuldig seine Honneurs zu machen. Immerhin gerät ihm noch ein halbwegs launiger Schluss.

Auch Daniel Kehlmann schafft nicht mehr als vier Seiten, ihm fällt zudem überhaupt nichts ein, außer, dass ihm nichts einfällt, und das schreibt er dann auch. Überhaupt schreiben einige Autoren statt über das Waldhaus gern und mehr über sich. Das liest sich dann ein bisschen affektiert, aber so ist das mit Auftragsarbeiten.

Außerdem gibt es ja noch andere, richtige Geschichten in diesem kleinen Buch. Wilhelm Schmid lässt Nietzsche auferstehen und spaziert mit ihm durch die Gegend, natürlich nicht ohne seinen Regenschirm. Nietzsche logierte einst, wie so viele andere Geistesgrößen, Literaten und Künstler, im Waldhaus.

Den mit Abstand heitersten und originellsten Beitrag steuert Arno Camenisch bei. Camenisch, ein Schweizer aus Graubünden, Jahrgang 1978, hat 2009 mit seinem Erstlingswerk „Sez Ner“ für Aufmerksamkeit gesorgt. In kurzen Prosastücken beschreibt er darin einen Sommer auf der Alp, es geht um Kühe und Schweine, um Polenta, Käse und Alkohol.

Erster Preis

Seine Waldhausgeschichte trägt den Titel „Die Kur“ und handelt von einem älteren Ehepaar, das auf einer Tombola den Hauptpreis gewonnen hat: einen Kurzurlaub im Waldhaus. Der Mann hätte ja lieber den zweiten Preis gehabt, „hast du gesehen, was für ein Fresskorb das war?“ Stattdessen muss er in dieses Hotel, „hoffentlich ist das Essen warm“.

Das sollte sich machen lassen. Sie hingegen ist verzückt, als die beiden vor dem ehrwürdigen Gemäuer stehen, er ja nicht so – „der erste Preis bei einer Tombola, und dann ist alles alt“.

Camenisch unterteilt seine Geschichte in kurze Kapitel, die „Im Lift“, „Auf dem Hoteldach“, „Im Schwimmbad“ und aus Sicht des hungrigen Mannes endlich auch „Beim Abendessen“ heißen. Dabei geht einiges schief und mehreres kaputt, aber immerhin hat nun auch der Mann seine helle Freude.

Spätestens nach dieser Geschichte will man auch unbedingt nach Sils Maria ins Waldhaus, am besten jetzt und gleich. Das geht leider nicht, das Hotel hat gerade geschlossen und bereitet sich auf die Wintersaison vor. Und dann sind ja selbst 228 Schweizer Franken irgendwie ganz schön viel. Selbst mit Halbpension.

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