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Karfreitag in Jerusalem.

Atheismus

Nietzsche gab es immer wieder

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Es wird viel über Religion geredet. Aber auch der Atheismus hat eine lange Tradition. Nicht Gott hat die Menschen, sondern die Menschen haben die Götter geschaffen.

Tim Whitmarsh, geboren 1969, ist Professor für die Kultur des klassischen Griechenlands an der Universität Cambridge. 2016 veröffentlichte er im Verlag Faber & Faber das Buch „Battling the Gods – Atheism in the Ancient World“. Dreihundert Seiten für die Auseinandersetzung mit den Göttern und mit Gott von Homer bis zu Justin dem Märtyrer, also um eintausend Jahre Atheismus. Das klingt nach einem sehr schnellen Durchlauf durch hochkomplexe Materien. Whitmarsh ist aber ein sehr gründlicher Leser und der Reiz seines Buches besteht darin, dass wir, solange wir ihm folgen, auch zu gründlichen Lesern werden.

Zu dieser Gründlichkeit gehört natürlich, dass er uns beibringt, dass a-theos, zunächst, seit dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, der genannt wurde, den Gott verlassen hatte. Ein Atheist war also ein Mensch, von dem die Götter ihre schützenden Hände abgezogen hatten. Erst danach wurde Atheist der genannt, der sich von Gott losgesagt hatte, der seine Existenz leugnete. In dem ihm auch wegen Gottlosigkeit gemachten Prozess erklärte Sokrates – so sein Schüler Platon – „Ich glaube sicher an Götter– ich bin Atheist“.

Wie es zu dieser zweiten Bedeutung kam, darüber schreibt Whitmarsh nicht. Weil die Quellen sich darüber ausschweigen.

Es gibt keine einzige Schrift aus dem Altertum, die so etwas wäre wie ein atheistisches Manifest. Das liegt wahrscheinlich nicht daran, dass es so etwas in den eintausend Jahren niemals gegeben hat, sondern wohl eher an den spezifischen Bedingungen der Überlieferung. Die meisten der zu uns gelangten Texte haben den langen Weg dank der Abschreibearbeiten mittelalterlicher Mönche geschafft.

Die religionskritischen Anschauungen der Antike haben als Zitate in Werken ihrer Kritiker überlebt. Oder aber in Kompendien wie zum Beispiel dem des Diogenes Laertius „Über Leben und Lehren der Philosophen“ aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert, das selbst eine Zitatenzusammenstellung von Zitatenzusammenstellungen ist. Also keine verlässliche Quelle. 

Dennoch: Wer Whitmarshs Buch liest, der lernt, dass es zu keiner Zeit an Stimmen fehlte, die sich lustig machten über das Bild, das die Menschen sich von den Göttern machten. Im sechsten vorchristlichen Jahrhundert erklärte Xenophanes von Kolophon, ein Ort an der heute türkischen Mittelmeerküste: „Wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten und mit diesen Händen zeichnen könnten, würden ihre Götter aussehen wie Pferde und Kühe.“ Man kann den Spott auf die überall herumstehenden Götterbilder auch fast 2600 Jahre später noch durchhören. Aber Xenophanes leugnete nicht die Existenz von Göttern, er sah sie etwas anders. Er glaubte an einen einzigen Gott, der den Kosmos lenkt, der die Sternenzyklen beherrscht. Dieser Gott ist die Natur selbst. Aber, so schreibt Whitmarsh, eine Natur, die denkt und etwas will.

Hippon von Samos, erste Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, scheint dagegen ganz ohne Gott ausgekommen zu sein. Der hundert Jahre später lebende Aristoteles warf Hippon übertriebenen Materialismus vor. Die Seele war für Hippon ebenso körperlich wie das Gehirn. Und Hippon behauptete, wenn Whitmarsh ihn richtig interpretiert, die Götter mit seinen Argumenten erschlagen zu haben. Gott war also schon 450 v. u. Z. tot.

Wer die Existenz der Götter leugnet, der steht vor dem Problem, erklären zu müssen, woher die Menschen die Idee haben, dass es sie geben könnte. Die Götter sind Produkte der Furcht, heißt es bei einigen Autoren. Sie denken an die Furcht vor Gewitter und Sturm, vor Unfruchtbarkeit und schlechter Ernte. Die Menschen durchschauen die wahren Gründe für die sie treffenden Katastrophen nicht, so schreiben sie und wittern dahinter geheime Mächte, die die See aufpeitschen, Blitze schleudern oder den Samen nicht aufgehen lassen.

Kritias war einer der dreißig Tyrannen, die 404 v. u. Z. acht Monate lang eine Terrorherrschaft über Athen installierten und mehr als 1500 politische Gegner ermordeten. Er hatte eine ganz andere Ansicht darüber, wie die Götter in die Welt kamen. Von seinem Satyrspiel „Sisyphos“ ist ein Fragment mit der Rede des Titelhelden überliefert, in der dieser erklärt, die Götter seien eine Erfindung der Herrschenden. Die Götter und die Furcht vor ihnen war den Menschen ganz bewusst eingepflanzt worden von denen, die ihre Stellung schützen wollten. Religion, so sah es einer, der es wissen musste, ein Instrument sozialer Kontrolle. Nichts anderes beobachten wir heute bei Gruppen wie dem Islamischen Staat. Religion wird als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument gebraucht. 

Tim Whitmarsh weist darauf hin, dass die Abwesenheit einer das Leben der Menschen regulierenden Priesterklasse, dass die Zersplitterung der griechischen Welt in Hunderte miteinander konkurrierende Städte und Götter, die Schrecken einer Theokratie nicht kannte. 
Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Kritiker der überkommenen Auffassungen und Gebräuche mundtot zu machen, aber in einer Welt, in der viele unterschiedliche Vorstellungen von Gott und der Welt gelebt wurden, verengte sich der Horizont nie so sehr wie wir das aus der Geschichte der monotheistischen Religionen kennen.

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