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Niederfrequenz-Salat

Ein Portrait des Heidelberger Schriftstellers Jörg Burkhard

Von HELMUT HÖGE

Lange bevor ich den linken Heidelberger Buchladen von Jörg Burkhard das erste Mal aufsuchte, bekamen wir in Berlin das Buch Als ich noch ein Ultrakurzwellenbub war von ihm in die Hand: Opa und Oma Rüstig, Onkel Hilde, Tante Willi - dumpfeste Konsumisten, dazwischen des Autors Kindheitsbilder. Mit "richtigen Geschichten" kam er uns auch noch in live in zombombie, aber seine Texte wurden immer zer-splatterter, zerfaserter und zerbröselter und gingen bisweilen sogar ganz im Kakophonischen unter, zumal Jörg Burkhard angefangen hatte, "akustisch zu arbeiten" - und sich dabei von einem Lyriker zu einem Elektronikbastler wandelte.

Ein Beispiel: "Ich habe einen leeren Kugelschreiber, in dem vier Widerstände drin sind, da gehen also vier Kabel rein. Ich spucke auf den Tisch und schließe das mit einem Draht an das Mischpult an. Wenn ich mit einer der vier Spitzen dieses Kugelschreibers in die Spucke gehe, dann kann ich eine Tonspur schneiden oder mehrere mischen und kann mit einer kaum merklichen Handbewegung irrsinnigen Krach machen und meine eigenen Texte durcheinanderwirbeln. Wenn ich die Spucke auseinanderziehe wird es leiser, wenn ich sie verdichte, wird es lauter." Im übrigen holte und holt er sich das Ausgangsmaterial für seine Töne und Texte beim Zappen aus den offiziellen TV-Kanälen: Wie aus Kanalisationsröhren fischt er sich da alles Mögliche raus und macht dann mit seiner Technik "muzak" daraus, die er anschließend in so genannten Performances präsentiert.

Immer weniger erzählerisch

Sein Buchladen wurde 1984 geschlossen, weil sich ab da etwa die Alternativ-Szene breit machte, mit der Jörg Burkhard nichts am Hut hatte, eher schon mit der Punkbewegung, für die er sich jedoch (1943 geboren) schon "zu alt" fühlte. Charles Bukowski schrieb einmal - als man ihn auf seiner BRD-Lesetour 1978 das Heidelberger Schloss zeigen wollte: "Auf dem Weg dahin lotste man mich in eine Buchhandlung, wo fast alles Bücher von mir zu finden waren. Aber für mich war es mehr peinlich als angenehm, da vor meinen Büchern zu stehen und sie zu betrachten. Deswegen hatte ich sie nicht geschrieben!"

Burkhards Bücher sind heute immer weniger erzählerisch und immer mehr abgecuttet: Schwarze Chroniken aus Aphorismen. Auf der letzten Frankfurter Buchmesse trug er einige Passagen aus seinem neuesten Band Frozen City Finalized vor, in dem er mal wieder seine Heimatstadt Heidelberg sowie die dortigen Alt- und Neunazis thematisierte, und nicht zu vergessen den CDU-Bürgermeister, der vornehmlich mit Beton klotzte. Jörg Burkhard ist ein guter Mensch, in seinen Texten aber böse, und er war es schon, als er noch seine Kolumnen in der Heidelberger Wochenzeitung Communale verfasste: z.B. über den Polizisten, der den Philosophen Gadamer von einer Parkbank verscheuchte. Als Gadamer starb, veranstalteten Stadt, Land und Hochschule eine Gedenkfeier. Der Rektor führte da aus, dass sie an der Uni noch immer mit der Beseitigung der Folgen der unseligen 68er-Revolte beschäftigt seien. Der Ministerpräsident fügte dann, im Beisein des Hauptredners Jacques Derrida hinzu: Auch die Postmoderne würde doch nur unsere Jugend verderben. Jörg Burkhard hätte darüber keine böse Kolumne veröffentlichen können: die Communale wurde 1988 eingestellt. Aber was da von den ganzen Prominenten und Politikern über Radio und Fernsehen täglich über uns und ihn ausgekübelt wird, "bis zur Reklame", macht ihn nach wie vor so wütend, dass er es sofort zermixt retourniert: "Was über die Medien kommt, geht über meinen eigenen Sender wieder zurück. Mein Sender operiert auf der Hörfrequenz von 40 Hertz bis 14 Kilohertz, während das, was über den Fernseher kommt, Hochfrequenz ist, HF, also Herrschaftsfrequenz."

Bummzakk

Auszüge aus seinem Niederfrequenz-Salat veröffentlicht als Buch und CD der Dichter Peter Engstler in seinem gleichnamigen Verlag in der Rhön. Auf einer Jungviehweide nahebei veranstaltet er daneben auch immer wieder Lesungen. Neben dem Berliner Anarchodichter Bert Papenfuß trug Jörg Burkhard dort zuletzt im Schein einer Taschenlampe u.a. Kapitel aus Kevin Limbos größter Fall, Euroica und Der grosse Roman vor. Letzterer beginnt autobiographisch: "an diesem dienstagmorgen zeigte das fliesskristall im display der waage einhundertkommadrei, floss aber zu romans grosser erleichterung zurück auf neunundneunzigkommasieben - deutlich unter hundert! roman meggle war erleichtert. soeben zurückgekehrt von tour durch tarnfarbene schweiz oberrheinische industrietiefebene von abgasen noch völlig benommen vom getrampel der nachbarn punkt sieben uhr nachdem roman meggle fünfuhrdreissig wie jeden morgen mit einem hammer auf den fußboden zu klopfen gezwungen das frühstücksfernsehen von frau zombie auf zimmerlautstärke zu trimmen versuchte roman mit zitternder hand aus der Kilopackung Red Label eine portion 'frühstücksmischung' mit kochendem wasser zu überschütten, was irgendwie misslang und zu überlaufender nässe plus verbrennungen ersten grades führte. in diesem augenblick setzte von nebenan das BUMMZAKK einer hifi-anlage ein..."

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