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Beliebtes Fotomotiv: Hinter dem Friedhof von Hayange ragt ein (inzwischen ebenfalls geschlossenes) Stahlwerk auf.

Nicolas Mathieu: „Wie später ihre Kinder“

Paris war was genau?

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Jungsein in der französischen Provinz in den Neunzigern: Nicolas Mathieus großer, erhellender und illusionsloser Roman „Wie später ihre Kinder“.

Es klingt pathetisch zu sagen, dass die Literatur die Antworten auf alle Fragen hat, aber wie soll man sonst ausdrücken, wenn es so ist? Die Lektüre des 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Romans „Wie später ihre Kinder“ von Nicolas Mathieu, vor kurzem 41 Jahre alt geworden und in Deutschland bisher nicht weiter aufgefallen, könnte Diskussionen über die erodierende Gesellschaft, über die Abgehängten, über (französische) Wutbürger, soziale Ungerechtigkeit und eine bizarre, gefährliche Mischung aus Lethargie und Aggression ungemein konkretisieren und beschleunigen. Hinter den Floskeln tauchen Menschen, taucht das Leben auf. Hinter dem Wundern – wie konnte es so weit kommen, in Frankreich und woanders? –, dem in diesem Fall auch etwas Kulleräugiges anhaftet, taucht die Erkenntnis auf, dass es wenig Grund zum Wundern gibt.

Zum Beispiel die Schwiegereltern von Hacine, Nebenfiguren nur, aber in ihrem Leben spielen sie natürlich die Hauptrolle. Sie gehen dem jungen Mann auf die Nerven. Hacine Bouali denkt, oder Nicolas Mathieu denkt, oder es ist nun einfach so (der Autor lässt das gerne in der Schwebe): Die Jahre an der Volksschule haben ihnen nicht die Mittel mitgegeben, um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. „Sie konnten sich nur aufregen, das ist nicht normal, so geht das nicht weiter, das ist unmenschlich. Mit diesen drei Beilen fällten sie alle Urteile, oder fast. Und obwohl das Leben ständig ihre Voraussagen widerlegte, ihre Hoffnungen enttäuschte und sie hinters Licht führte, hielten sie an ihren Prinzipien von vorgestern fest. Sie respektierten weiterhin ihre Chefs, glaubten, was sie im Fernsehen sahen, waren begeistert, wenn es verlangt wurde, und ärgerten sich auf Knopfdruck.“

Diese Sätze, von wem auch immer sie stammen – vermutlich doch von Hacine, und er hat im Großen und Ganzen recht –, fallen in den Sommer 1998. Das ist gut zwanzig Jahre her, aber seither, wer wird das leugnen, ist nichts geschehen, damit die Eltern von Coralie – Coralie ist Hacines Frau – die Dinge besser verstehen. Oder das Kind von Coralie und Hacine, denn Coralie ist schwanger, bevor die beiden erwachsen werden können in dieser Stadt der „schlaksigen Jungprolls, verkorksten Kids, Krisenverlierer, Teeniemütter, kleinen Gangster auf Mopeds, Kiffer und Sonderschüler“.

Daher hat „Wie später ihre Kinder“ seinen melancholischen Titel. Er stammt aus dem Motto des Romans, einem Satz aus dem apokryphen Buch „Jesus Sirach“: „An andere aber denkt niemand mehr; es ist, als hätten sie nie gelebt. Sie sind gestorben und vergessen, genauso wie später ihre Kinder.“ Eine geniale Devise für eine Geschichte, die so unmittelbar und lebensvoll ist, dass Vergessen und Tod damit gar nichts zu tun zu haben scheinen – eher schon eine unangenehm flotte Kinoverfilmung, und man will dem Buch vorher so viele Leserinnen und Leser wie irgend möglich wünschen. Dabei vergeht trotzdem keine Sekunde des Lebens, ohne dass das Vergessen und der Tod mehr als zwei Zentimeter entfernt wären. Schnell gerät aus dem Blick, dass im Badesee eingangs ein Junge ertrinkt, dessen Leiche nicht gefunden wird. Jahre später fällt das einer der Figuren wieder ein: Eine wirkungsvolle Klammer, die sich auch Jenny Erpenbeck in „Gehen, ging, gegangen“ zunutze machte, dort ein Katalysator für die Handlung, hier eine schwarze Grundierung für die Teenager, die 1992 „zum Verrecken jung“ sind.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder. Roman. A. d. Franz. v. Lena Müller und André Hansen.  Hanser Berlin, 2019. 445 S., 24 Euro.

Denn diese scheinbar jugendlich drauflos erzählte Geschichte ist sorgfältig gebaut, ohne dass das Skelett der Konstruktion gegen die Interessen des Romanlesens durchschimmern würde. „Wie später ihre Kinder“ ist insofern ein prächtig animierter Organismus und ein weiterer Beweis dafür, dass das Natürliche eine Kunst ist. Zur Anlage kommt eine farbenreiche Sprache zwischen (unaufdringlichem) Alltagsgeplapper und präziser Reflexion, die auch den nie unterschätzten Figuren zugetraut wird. „So ein Mädchen ist voller Details“, stellt Anthony fest, dem nicht klar ist, dass und wie sehr er sich verliebt hat. Die Übersetzung von Lena Müller und André Hansen lässt das auch auf Deutsch rasant, geschmeidig, bündig und dann wieder schön ausfransend wirken.

Äußerlich geht es um vier Sommer, 1992, 1994, 1996 und 1998. Jedem Kapitel ist ein beziehungsreicher Hit zugeordnet, von Nirvana bis zur Hermes House Band. Man muss sie nicht wahrgenommen haben, um sich allein durch die Nennung der Titel daran erinnert zu fühlen, wie nachhaltig Sommerhits das frühe Leben einteilen.

Anders als die Figuren verlässt der Roman nie das fiktive Heillange, eine ehemalige Eisen- und Stahlarbeiterstadt in Lothringen, man kann offenbar auch sagen: „abgehängtes Kaff“ oder „eine Drecksstadt am Ende der Welt“. Mit dem Niedergang ihrer Industrie und der Schließung der Hochöfen seit den siebziger, achtziger Jahren ist sie in den Neunzigern noch nicht fertig geworden. Unverhohlen meint Mathieu die Kleinstadt Hayange, nicht weit entfernt von Nancy, wo er selbst lebt. Die Figuren bieten einen repräsentativen Querschnitt durch die Welt von Heillange, im Mittelpunkt die Arbeitersöhne Anthony Casati – der zentrale Protagonist – und Hacine sowie Steph und Clem aus dem bürgerlichen Milieu. Wie es Mathieu gelingt, eine Mädchenfreundschaft zu erfassen, ist unbegreiflich, aber eines der vielen stimmigen Seiten dieses markant stimmigen Romans.

Das Geflecht der Beziehungen und Ereignisse ist vielfältig, Figuren werden wichtig und verschwinden wieder, der Erzähler, der sich in diesen und jenen Kopf begibt – aber nicht in jeden –, bewegt sich in souveräner Kamerafahrt, die heute wohl ein Drohnenflug wäre, über den Dächern der Stadt. Wie virtuos das Mosaik der Episoden ist, erweist sich erst nach und nach. Denn im Inneren des Romanbaus befindet sich eine Spirale der Gewalt, die am Ende bloß (man ist erleichtert) ein Kreis der Gewalt ist. Dennoch gibt es kein Entrinnen. „Er hatte solche Angst, dass er ihn auf der Stelle hätte töten können.“

Aber im viermal spürbaren Sommer, brütend heiß, gewittrig schwül, breitet sich auch eine originelle, intensive, allerdings perspektivlose Liebe aus, über die es gleichwohl heißt: „Sie hieß Stéphanie Chaussoy. Anthony war vierzehn, und es war Sommer. Alles muss einmal anfangen.“

Steph und Anthony werden sich immer wieder begegnen, ebenso wie der Konflikt zwischen Hacine und Anthony sich auf verschiedenen Eskalationsstufen durch die Kapitel zieht. Es gelingt Mathieu dabei, das Einzelne, das enorm individuell ist, in einen Zusammenhang zu stellen, in dem es exemplarisch und vor allem unausweichlich wird. „Folgerichtig“ wäre hier kein gutes Wort, denn richtig ist es nicht. Die Welt der Erwachsenen, in der die Dinge erschütternd festgefahren sind, lauert bereits auf die Jugendlichen. Dass die einen in Hilfsjobs landen werden und die anderen vielleicht doch die Kurve zum Studium finden, ist eine beinharte Kombination aus Chancenungleichheit und individuellen Entscheidungen.

Die gute alte Zeit – als die Hochöfen noch in Betrieb waren – war nicht besser, eher wirkt sie auf fatale Weise fort. Bei einem Leichenschmaus, der zum Besäufnis wird, sitzen die abgewrackten ehemaligen Arbeiter wie immer. Zwischen dem Tisch mit Anthonys und dem Tisch mit Hacines Vater ist kein Zueinander (außer 1998, „Zidane for President“). Die Vorstellung, dass es in der Schwerindustrie um Leistung, Effizienz, Schnelligkeit gegangen wäre, heißt es im Roman, sei irrig. „In Wirklichkeit verbarg sich hinter diesen Götzen, die man umso höher hielt, je weniger wettbewerbsfähig das Tal war, ein Gemisch aus unausgesprochenen Regeln, aus Zwangsmaßnahmen, die aus der Kolonialzeit übernommen waren, aus scheinbar natürlichen Ordnungskriterien und aus institutionalisierter Gewalt, die die Disziplin und die Rangordnung der Gedemütigten festigten.“ Früher blieben im Werk die Schwarzen und die Maghrebiner ohne Aufstiegschancen. Jetzt hat keiner mehr Arbeit.

Für romantische Franzosen und auch für Verfechter proletarischer Ideale, wie es sie in Frankreich noch besonders reichhaltig, aber nicht nur dort gibt, sind das bedrückende Beobachtungen. Während Steph, die schlaffe Steph, sich doch noch aufrafft, als der Vater droht, ihr ohne gutes Abschlusszeugnis kein Auto zu schenken – mühsam aufrafft, „Platons ,Staat‘, echt jetzt?“ –, kann sich Anthony darunter nicht einmal etwas vorstellen. „Für Anthony war Paris etwas Abstraktes, ein leeres Wort. Paris war was genau? Eine Sendung im Abendprogramm. Der Eiffelturm. Die Filme von Belmondo. Eine Art Vergnügungspark, nur schicker. Er verstand nicht, was sie da wollte.“

Mathieu mag seine Figuren offensichtlich sehr, aber am meisten den kompakten Anthony mit dem hängenden Auge – seine Mutter leidet darunter, dass „diese frei erfundene Geschichte vom üblen Sturz zur allgemein akzeptierten Wahrheit geworden war“ –, der Bescheidenheit, was die Lebensplanung betrifft, und seiner großen Liebe, die selbst im Roman an den Rand gedrückt wird. Aber da war sie trotzdem. Manchmal bringt Anthony lapidar auf den Punkt, was andere auch bloß komplizierter denken. „Das Seelenleben der anderen war wirklich unergründlich.“

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