1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Nicolas Mathieu: „Connemara“ - Älter werden in Lothringen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Michalzik

Kommentare

Nur punktuell traumhaft: Lothringen, hier beim Ballon-Festival „Lorraine Mondial“. Foto: Jean-Chr. Verhaegen/afp
Nur punktuell traumhaft: Lothringen, hier beim Ballon-Festival „Lorraine Mondial“. © Jean-Chr. Verhaegen/afp

Nicolas Mathieu erzählt in seinem großen Roman „Connemara“ erneut vom Verrinnen der Zeit und dem sanften oder weniger sanften Verpuffen von Lebensträumen

Da ist diese dumpfe Unzufriedenheit. Fraglos gehört Hélène, eine sich ihres Werts bewusste Frau an der Lebensschwelle des 40. Jahres, zu den Privilegierten in unserer Gesellschaft (dass es sich um die französische handelt, macht keinen großen Unterschied). Architektenhaus, Führungsposition in einer Consultingagentur, Familie wie aus der „Elle“, passabler Lebensgefährte. Zu viel Trott jedoch, Wiederholungen auf eingeschliffenen Gleisen. Der Sex – gewohnheitsmäßig. Und ihr Chef hält Hélène, die einen weiteren Karriereschritt machen will, seit Monaten hin.

In immenser Dichte der Stimmungen und Details entfaltet sich in „Connemara“, dem vierten Roman des französischen Erfolgsautors und Prix-Goncourt-Trägers Nicolas Mathieu, Jahrgang 1978, ein gesellschaftliches Panorama des heutigen Bürgertums in der Provinz – Lothringen, der Heimatregion des Autors – aus der Perspektive seiner eigenen Generation. Die analytische Klarheit des Blicks lässt den studierten Soziologen erkennen. Vor allem aber ist Mathieu ein ausgezeichneter Erzähler, seine Figuren haben einen Zug ins Prototypische, ohne klischeehaft zu wirken.

Hélène hat eine Affäre. Eine veritable Liebe ist das nicht mit Christophe, dem einstigen Jugendschwarm und Star des lokalen Eishockeyclubs, und doch geht es um mehr als nur den fabelhaft aufregenden Sex. Für Hélène ist es ein Akt der Befreiung. Ernstlich „besser“ als ihr Partner Philippe ist Christophe nicht – gescheiterte Ehe, ein wenig glamouröser Job als Reisender für Hundefutter. Er ist schlicht die Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte.

Wie es dahin gekommen ist und welche Gefühle die Figuren umtreiben, die widersprüchlichen Kräfte, die in jedem Leben wirken, das schildert Nicolas Mathieu ebenso eindrücklich, wie er ein punktgenaues Bild von der zeitgenössischen Arbeitswelt zeichnet.

Hier ist es eine Welt der Consultants und Experten, lauter kleine Männer mit blauen Anzügen, die in Unternehmen gehen, um mit als unwiderlegbar verkauften Diagnosen das Missverhältnis von Menschen und Zahlen darzulegen und die Beschäftigten zu Untertanen der Effizienzsteigerung zu machen.

Das Buch

Nicolas Mathieu: Connemara. Roman. A. d. Franz. v. Lena Müller und André Hansen. Hanser Berlin, 2022. 432 Seiten, 26 Euro.

Da wird eine Kultur fortwährender Neuausrichtungen in sich ständig wandelnden Unternehmen und Behörden propagiert. Ein fieberhafter Reformwillen bei gleichzeitiger Bremserei von revierverteidigenden Referats- und Abteilungsleitungen, verhandelt am Beispiel einer von der Regierung in Paris betriebenen Zusammenlegung der fürstentumartigen Regionen im Osten des Landes. Es wird um sich geworfen mit „visionären“ Anglizismen, derweil die Beschäftigen unter einem gesteigerten Arbeitsdruck ächzen und über die Idee einer gewerkschaftlichen Organisation nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden kann. Effizienzbesessenheit ist auch das hervorstechende Merkmal eines (heute wohlbekannten) Überraschungskandidaten zur Präsidentschaftswahl 2017, dem Jahr, in dem die Handlung des zentralen Erzählstrangs angesiedelt ist.

Einige Sequenzen lesen sich wie eine Zeitungskolumne, etwa über die Debatte zwischen den Wahlgängen, als es darum ging, ob Emmanuel Macron in den Élysée-Palast einziehen würde oder Marine Le Pen. Mathieu diagnostiziert gesellschaftlich eine Symmetrie der wechselseitigen Verachtung zwischen den Lagern. Unpolemisch beschreibt er: Auch Verfechterinnen und Verfechter der Offenheit grenzten, so universell und positiv sie sich gäben, lediglich ihr eigenes Atoll ein.

Nicht zuletzt erzählt der Autor vom Drama verrinnender Lebenszeit. In den Rückblenden scheinen die hoffnungsfrohen Jahre auf. Christophe scheitert mit einem Comebackversuch auf dem Eis kläglich. Zu alt eben, zu dick, zu versoffen. Bemerkenswert der Umgang mit Szenen sexueller Intimität. Berührungen, Gefühle, Unsicherheiten. Hélène fragt sich, ob Christophe ihren gealterten Körper mag und würde ihn gerne fragen, um Beruhigung zu erlangen, traut sich jedoch nicht. Und weshalb macht er sich offenkundig keine Sorgen, obwohl natürlich auch sein Körper gealtert ist.

Die Erfolgsfrau, die sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat, und der Mann, der in ebendiesen hängengeblieben ist, zugehörig einem Typus von „Allerweltsdeppen“, die auf „Fußball, große Karren und Ärsche“ stehen und sich in der heutigen Welt in die Enge getrieben fühlen. Aus der Mode gekommen, von ihrer Zeit beleidigt – gutgehen kann das nicht.

Auch interessant

Kommentare