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Nicolás Gómez Dávila: „Notas“ – Die Verteidigung der Impulsivität

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Von: Eberhard Geisler

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Soll man diesem Autor Blumen schenken?
Soll man diesem Autor Blumen schenken? © IMAGO/APress

Manches, was einst skandalös und reaktionär erschien, liest sich heute entspannter: Die Aphorismen des Kolumbianers Nicolás Gómez Dávila.

Dass die neue Edition der Notizen des kolumbianischen Schriftstellers Nicolás Gómez Dávila (1913–1994) eine weitere Auseinandersetzung mit dessen Denken ermöglicht, ist sehr zu begrüßen. Aber es gibt dabei auch einen Wermutstropfen. Der Verlag hat es sich leicht gemacht und nochmals das Vorwort von Martin Mosebach aus dem Jahr 2005 sowie das Nachwort von Franco Volpi nachgedruckt, eines Philosophen, der bereits 2009 verstorben war. Stellungnahmen von Schriftstellern und Schriftstellerinnen des Jahres 2022 hätten Gómez Dávila aber eher aus der bleiernen, mittlerweile verstaubten Verehrung herausholen können, die dieser unbedachten Reprise anhaftet und mit der seinem Werk kein Gefallen getan ist.

Mosebach hatte selbstverständlich erkannt, dass dieser Autor es gewagt hatte, sowohl aus postmoderner Beliebigkeit als auch aus dem Fortschrittsdenken auszusteigen und stattdessen nach Kirchenvätern, Dichtern und Philosophen der Vergangenheit zu fragen, was seinerzeit auch Botho Strauss und Sibylle Lewitscharoff für ihn eingenommen hatte. Mosebach schrieb: „Das Vorwärts- wie das Rückwärtsdrehen waren für ihn gleich absurde Unterfangen. Ihm ging es darum, den historischen Zusammenhang ganz zu verlassen.“ Wie wenig er aber sonst von Gómez Dávila begriffen hatte, macht seine Entscheidung deutlich, dem verehrten Autor bei seinem ersten Besuch in Bogotá, wo dieser in der ererbten noblen Residenz lebte, umgeben von einer riesigen, erlesenen Bibliothek, keine Blumen mitzubringen: „In diesem dem trivialen Leben weit entrückten Haus hätten frische Blumen tatsächlich geradezu schockierend gewirkt, wie unanständig mit Lebenssaft prahlend.“

Volpi hebt hervor, dass Gómez Dávila aber nicht in asketischen Bahnen gedacht hat, sondern nur eine „sinnliche Metaphysik“ für ihn vorstellbar gewesen war, die den „dichten und sinnlichen Reichtum der Welt“ hätte retten können. Blumen hätten dem Gastgeber also durchaus entsprochen, aber Mosebach war nicht in der Lage gewesen, verlebendigen zu können, was an diesem sicher widersprüchlichen – gelegentlich arroganten, dann wieder vorsichtig tastenden – Werk noch lebensfähig und tradierbar ist.

Natürlich treibt der Konservativismus des Autors seltsame Blüten, etwa wenn er die Errungenschaften der künstlerischen Avantgarde nicht gelten lassen will und der Auffassung ist, sie habe sich von den besten Quellen jedweder Kunst abgeschnitten: „Die moderne Kunst erinnert an den Esel der Fabel, der starb, als er endlich gelernt hatte, nichts zu fressen.“ Aber über derlei Ausrutscher sollte man mittlerweile hinweglesen und wahrnehmen, dass sich heute vieles völlig entspannt liest, was vor Jahrzehnten als skandalös und reaktionär empfunden worden war: „Die morgendliche Homer-Lektüre, mit der Gelassenheit und Ruhe, dem tiefen Gefühl sittlichen und körperlichen Wohlbefindens und vollkommener Gesundheit, die sie uns einflößt, ist die beste Wegzehrung, um die Vulgaritäten des Tages zu ertragen.“

Das Buch

Nicolás Gómez Dávila: Notas. Unzeitgemäße Gedanken. A. d. Span. v. Ulrich Kunzmann. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 448 S., 34,90 Euro.

Auch hat Gómez Dávila allein bereits durch seine Wahl des Aphorismus als Form Einspruch gegen jedes Systemdenken und jede starre intellektuelle Sicherheit erhoben, die man seinen Texten gern zum Vorwurf gemacht hat. Den christlichen Glauben allerdings wollte er nicht angegriffen wissen, und in dieser Haltung verband sich bei ihm eine bemerkenswerte Vitalität mit einem religiösen Credo quia absurdum; er verteidigte eine Impulsivität, die auch einmal bloßen Ahnungen folgen wollte: „Die Wahrheit liegt offenbar eher in einer absurden, aber ungestümen Behauptung als in einem nuancenreichen, viele vorsichtige Zugeständnisse offerierenden Vorschlag.“ An einer Stelle heißt es: „Jeder sieht zu, aber wenige sehen.“ Diese Aphorismen lehren uns, in unserem täglichen Geschäft der Selbsterhaltung auch einmal innezuhalten und tiefere Erkenntnis zu suchen.

Auf die Notwendigkeit einer prinzipiell unendlichen Kontextualisierung der Werke, die gleichsam schlummernden, den Autoren selbst nicht bewussten Sinn weckt, hat Gómez Dávila selbst hingewiesen: „Jedes Werk, so scheint uns, kann sich selbst überlegen sein.“ Der Philosoph Vittorio Hösle hat dieser Einsicht entsprochen und kürzlich Gegenaphorismen vorgelegt („Im Dialog mit Gómez Dávila“, zu Klampen). Was sich Ulrich Kunzmann, der erfahrene Übersetzer, bei seiner Arbeit seinerzeit wohl gedacht hat? Auch das wäre ein möglicher Beitrag gewesen.

Mosebach hat festgehalten, dass der Autor in einem Esszimmer zu speisen pflegte, das mit Art-Déco-Möbeln ausgestattet war und dem Inneren einer luxuriösen Yacht glich. Dass die benachbarten Villen durch stacheldrahtbewehrte Mauern gesichert und von bewaffnetem Personal bewacht werden mussten, hatte Mosebach beobachtet, ihn aber nicht gestört.

Gómez Dávila wäre wohl aber erst dann Genüge getan, wenn sein Werk sich – sozusagen unversehens – endlich auch auf den Nachttischchen junger, überhaupt nicht reaktionärer Leute mit bescheidenem sozialem Hintergrund wiederfände. Sich die Augen reiben, das war ja seine Sache gewesen.

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